Link to header
Führung 4.0: Tipps für Führungskräfte
Die Digitalisierung macht ganz neue Formen der Führung nötig. © Marika Kleinhesseling
Arbeiten 4.0

Führung 4.0: Tipps für Führungskräfte

Führen in Zeiten von Digitalisierung, Flexibilisierung und Globalisierung? Kein einfacher Job. Bestimmte Fähigkeiten helfen Führungskräften mehr als andere, ihre Aufgaben zu bewältigen. Vor allem gilt es, menschlich zu bleiben.

Datum: 06.06.2019

Wir bewegen uns in großen Schritten in ein neues Zeitalter der Arbeit. Zwar tritt die Digitalisierung in einem kleinen Handwerksbetrieb oder Start-up anders in Erscheinung als in einem global agierenden Großunternehmen oder in einer städtischen Verwaltung. Aber inzwischen wissen alle, die ein Smartphone besitzen, dass Arbeiten 4.0 vertraute Prozesse und Hierarchien zerlegt. Wer führt, fällt Entscheidungen auf Basis einer Flut von Informationen aus unterschiedlichsten Quellen. Systeme optimieren sich mittlerweile selbst und in Echtzeit. Algorithmen auf Basis von Big Data setzen Prioritäten unternehmerischen Handelns. Zugleich hat die Arbeit selbst ihren räumlichen und zeitlichen Rahmen verlassen: Teammitglieder sind irgendwo tätig oder bereits Soloselbstständige.

Die Souveränität derjenigen, die Entscheidungen treffen, schwindet

Die Arbeitswelt ist – getrieben von der Technik – auf der Suche nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten. Zugleich schwindet die Souveränität derjenigen, die Entscheidungen fällen. Manche erleben die Summe der Möglichkeiten als Zumutung, müssen jedoch selbst die Komplexität reduzieren, um für ihre Beschäftigten eine klare Linie vorgeben zu können. „Es wird zunehmend über räumliche Distanz und auf Basis indirekter, kennzahlenbasierter Leistungssteuerung geführt“, erklärt Dr. Susanne Roscher, die den Bereich Arbeitspsychologie bei der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) sowie das Sachgebiet „Neue Formen der Arbeit“ bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) leitet. Die Berufsgenossenschaft bietet aus diesem Grund mittlerweile explizit das Seminar „Sicher und gesund führen: Chancen und Risiken beim Führen durch Ziele“ an.

Das Netz kennt keine Stufen

Tatsächlich ist Digitalisierung viel mehr als ein IT-Thema. Es bricht die Beziehungsmuster zwischen Führungskräften und Beschäftigten auf. Das Netz kennt keine Stufen. Es kennt nur Knotenpunkte. Kunden warten nicht (mehr) am Ende eines linearen Prozesses auf ein Produkt, sondern gestalten mit, tauschen Ideen und Kritik direkt mit Beschäftigten aus und diese wiederum untereinander. Das gab es schon früher – aber eben analog.

Der Soziologe Dr. Ufuk Altun vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft folgert aus einer Befragung von Fach- und Führungskräften der Metall- und Elektroindustrie: „Die Veränderungen bekommen in erster Linie Führungskräfte zu spüren.“ Erfolgreich sei eine Führungskraft, deren Beschäftigte Freiräume eigenverantwortlich nutzen. Dazu müssen die Beschäftigten mit der neuen „Freiheit“ umgehen können. Die Führungskraft greift nur bei Bedarf steuernd ein – flexibel, altersgerecht und lebenssituationsspezifisch. Dazu bedarf es einer großen Portion Empathie.

Aufgaben sinnvoll teilen

In Sachen Führungsstil ist das eine Zeitenwende. „Früher gehörte Empathie, die zu den sozialen Kompetenzen zählt, nicht zwingend zu den Skills einer Führungskraft“, gibt Dr. Susanne Roscher zu bedenken. „Gerade wo fachliche Fähigkeiten auf der Karriereleiter nach oben halfen, macht sich jetzt Überforderung breit.“ Die Arbeitspsychologin berichtet von Managern, die aus Angst vor Machtverlust Veränderungsprozesse abblocken. „Wo Erfolg an einer hohen Platzierung im Organigramm und einer weiten Führungsspanne abzulesen war, wird das Teilen von Verantwortung als Bedrohung des eigenen Status empfunden.“

Hier gilt: Alle Beteiligten müssen sich an den Chancen orientieren, die im Wandel liegen – insbesondere Führungskräfte, die auch in der Arbeitswelt 4.0 erfolgreich sein wollen. Dr. Roscher zeigt, worin deren Chancen liegen: „Aufgaben sinnvoll zu teilen, Verantwortung verbindlich abzugeben und mehr Teil des Teams zu sein als Einzelkämpfer; mehr auf ein effektives und wertschätzendes Miteinander zu achten und die Gesundheit – die eigene und die des Teams; all das kann ein sehr großer persönlicher Gewinn und sehr entlastend sein.“

Führung als Navigationssystem

Wo das nicht gelingt, kommt die Frage auf: Benötigt Arbeiten 4.0 überhaupt noch Führungskräfte? Ein aktuelles Meinungsbild dazu hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) erstellt, indem sie Onlinediskussionen analysierte. „Führen geht heute definitiv anders als früher“, trifft eine Aussage den Tenor. Viele der Nutzerinnen und Nutzer gehen davon aus, dass Vorgesetzte im klassischen Sinne massiv an Bedeutung verlieren – und sie lehnen die autoritären Führungsstile der Vergangenheit ab. Die intensiven Diskussionen legen nahe, dass Führungskräfte zukünftig vor allem als Navigierende und Unterstützende gefragt sein werden.

Generationsfrage?

Generation Y: geboren zwischen 1980 und 2000, auch „Millennials“ genannt, bilden diejenigen, die den Internetboom und die Globalisierung von Beginn an miterleben. Sie zeichnen sich im Gegensatz zu den Vorgängergenerationen durch ein hohes Bildungsniveau aus. Der Buchstabe Y wird englisch „Why?“ („Warum?“) ausgesprochen. Damit soll die für diese Generation als charakteristisch beschriebene Neigung zum Hinterfragen ausgedrückt werden.

Generation Z: geboren zwischen 1995 und 2010, auch „Generation YouTube“ genannt, bilden diejenigen, die die Digitalisierung des Alltags bereits komplett in ihr Leben integriert haben. Entscheidungen (Berufswahl, Konsumentscheidungen etc.) werden meist basierend auf Informationen aus dem Netz und aus (Online-)Communities getroffen.

Beide Bezeichnungen sind natürlich Typisierungen.

Teil der Serie „Arbeiten 4.0“

Die Arbeitswelt der Zukunft wird anders aussehen als heute. Sie wird (noch) digitaler, flexibler und vernetzter. Doch wird sie auch besser sein? Werden die Menschen selbstbestimmter und gesünder arbeiten? Arbeit ist konstantem Wandel unterzogen, das war schon immer so. Eine Entwicklung hat sie in den letzten Jahren besonders geprägt und verändert: die Digitalisierung. Einst machte die Dampfmaschine aus Bauern Industrieschaffende; heute werden Beschäftigte durch Robotik, IT- und Kommunikationstechnologie ersetzt. Der Begriff „Arbeiten 4.0“ legt den Fokus – anders als der Begriff „Industrie 4.0“ – auf die neuen Arbeitsverhältnisse und Arbeitsformen, auch außerhalb der Industrie.

Diese neuen Arten von Arbeit bergen Chancen und Risiken für die Beschäftigten und stellen gleichzeitig das soziale Sicherungssystem auf die Probe. topeins betrachtet im Jahr 2019 das Thema Arbeiten 4.0 genauer – in jeder Ausgabe wird ein anderer Aspekt der neuen Arbeitswelt vorgestellt: „Erreichbarkeit“, „flexibles Arbeiten“, „Führen 4.0“, „neue Technologie“, „Demografischer Wandel“ sowie „Zeit- und Leistungsdruck“. Im Jahresverlauf werden nicht nur die Vor- und Nachteile beleuchtet. Vielmehr rücken die Ideen in den Blickpunkt, wie Führungskräfte mit den neuen Entwicklungen umgehen können.

Veröffentlich von: Redaktion