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Aufmerksam am Steuer
Schnell aufs Smartphone schauen? Lieber nicht. Besser wäre es, das Handy vor der Fahrt auszuschalten. © Adobe Stock/NDABCREATIVITY
Gesund bleiben

Aufmerksam am Steuer

Ablenkung im Straßenverkehr wird als Unfallrisiko noch immer unterschätzt. Dies betrifft nicht nur Auto fahrende Menschen, sondern alle.

Datum: 02.12.2020

Ein schnelles Frühstück, eine Nachricht lesen oder das Navi bedienen – all das sollte nicht während des Fahrens erledigt werden. Dies ist auch den allermeisten Menschen bekannt. Und trotzdem war Ablenkung nach einer Studie der Allianz Versicherung Deutschland aus dem Jahr 2012 für jeden zehnten Verkehrsunfall in Deutschland verantwortlich. In der Schweiz, wo Ablenkung und Unaufmerksamkeit als eigene Unfallkategorie geführt werden, entfiel 2013 auf diese Kategorie rund ein Drittel aller Unfälle. Die Virgina-Tech-Universität in den USA fand in einer Studie heraus, dass bei mehr als der Hälfte der betrachteten Unfälle eine Ablenkung dem Unfall vorausging: Und Hauptgrund für Ablenkung war das Smartphone: Etwa jede zweite Person in Deutschland nutzt laut der Allianz-Studie 2016 ihr Smartphone auch am Steuer. Dies betrifft keineswegs nur die jungen Fahrenden. Auch bei den über 60-Jährigen nutzt laut Zahlen der DEKRA mehr als jede und jeder Dritte das Smartphone während der Fahrt. Befragungen ergaben, dass überhaupt nur eine von 25 mit dem Auto am Verkehr teilnehmenden Personen während der 30 Minuten zuvor nichts Fahrfremdes getan hatte.

Achtsamkeits-Etikette für Dienstfahrten

Ablenkung spielt noch einmal eine besondere Rolle, wenn es sich um dienstliche Wege handelt. Während der Fahrt bereits den Anruf beim Kunden zu führen oder das Mittagessen ans Steuer zu verlegen, um Zeit zu sparen, sind keine guten Ideen, denn Firmenwagen sind zugleich Arbeitsplatz und Arbeitsmittel. Sie müssen nicht nur in einem verkehrs- und betriebssicheren Zustand sein, die Nutzerinnen und Nutzer müssen auch angemessen und gemäß den Sicherheitsvorschriften damit umgehen. Dazu gehört die Fokussierung auf das Verkehrsgeschehen.

Unser Gehirn ist unfähig zum Multitasking

Die Aufmerksamkeit des Menschen ist teilbar, aber begrenzt. Im Verkehr nehmen wir auch bei ruhiger Fahrt bereits eine Vielzahl von optischen und akustischen Reizen wahr. Jeder weitere nicht fahrbezogene Reiz verdrängt andere wichtige Informationen, sodass schnell Gefahren übersehen werden. Das gefühlte Multitasking ist eine Illusion, denn unser Gehirn schaltet kurzzeitig ständig zwischen unterschiedlichen Aufgaben hin und her. Je mehr Dinge es gleichzeitig zu erledigen versucht, desto schlechter erfüllt es diese Aufgaben. Wer am Steuer abgelenkt ist, nimmt Risiken weniger gut wahr, verliert schneller die Spur und reagiert – wenn überhaupt – verzögert. Selbst wenn Telefon oder Navi sprachgesteuert werden, kostet dies Aufmerksamkeit. Wird die Beobachtung und Beurteilung des Verkehrsgeschehens unterbrochen, geht dies zulasten eines reaktionsschnellen Handelns.

Flugmodus auch als Fahrmodus nutzen

Besonders gefährdet sind Beschäftigte, die Güter auf der Straße transportieren oder bei ihren Aufgaben auf eine hohe Mobilität angewiesen sind, wie Berufskraftfahrende, Beschäftigte der Servicetechnik oder von Lieferdiensten. Je häufiger diese mit geschäftlichen Kontakten kommunizieren müssen, desto größer ist die Gefahr, dass sie dies auch am Steuer tun. Führungskräfte stehen in der Verantwortung für die Beschäftigten. Klare Regeln können helfen:

  • Mobilgeräte nicht während der Fahrt nutzen
  • Smartphones in den Flugmodus versetzen oder stumm stellen
  • Feste Signale vereinbaren, ob ein Rückruf notwendig ist – etwa per SMS
  • Zum Telefonieren, Abrufen oder Schreiben von Textnachrichten stets einen sicheren Parkplatz aufsuchen und den Motor ausschalten

Führungskräfte sollten deutlich kommunizieren, dass es nicht erwünscht ist, im Verkehr erreichbar zu sein. Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, hat eine höhere Priorität. Eine Betriebsvereinbarung kann das Verhalten am Steuer regeln. Selbstverständlich sollte dies auch für private Gespräche, Whats­App-­Meldungen und Ähnliches gelten. Führungskräfte sollten auch hier mit gutem Beispiel vorangehen.

28 Meter Blindflug pro Sekunde bei 100 km/h

Regeln aufzustellen genügt nicht, Mitarbeitende müssen auch ein Verständnis für Vorgaben entwickeln. Ob durch Unterweisungen, Sicherheitsgespräche oder Workshops – Führungskräfte sollten ihre Beschäftigten sensibilisieren und aktiv einbinden. Ein möglicher Ansatz wäre, zunächst in lockerer Runde Ursachen und Beispiele für Ablenkungen verschiedenster Art zusammenzutragen, zum Beispiel:

  • visuell: Navi bedienen, Unterlagen checken
  • mental: per Headset telefonieren, SMS diktieren, intensive Gespräche mit Fahrzeuginsassen
  • motorisch: essen, trinken, rauchen, schminken, Brille putzen, Insekt vertreiben

Ein erster Lerneffekt wäre, dass sich viele Tätigkeiten wie etwa das Telefonieren nicht eindeutig zuordnen lassen, sondern eine gleich mehrfache Ablenkung bedeuten. Wenn gleichzeitig das Auge abgelenkt und eine Hand vom Steuer genommen wird, vervielfacht sich das Unfallrisiko. Die Auswirkungen solcher Ablenkungen in einem zweiten Schritt abschätzen zu lassen, kann zu überzeugenden Einsichten führen. Gemäß der Faustregel „1 Sekunde bei 100 km/h entspricht 28 Metern“ lassen sich konkrete Fahrsituationen veranschaulichen. In den 5 Sekunden, in denen „mal ganz kurz“ eine Whats­App-Nachricht gecheckt wird, legt man 140 Meter im Blindflug zurück und kann auf Spurwechsel oder Bremsmanöver der anderen Verkehrsteilnehmenden nicht reagieren.

Möglichkeiten zur Entlastung wahrnehmen

Ein dritter Schritt könnte darin bestehen, gemeinsam Möglichkeiten zu diskutieren, wie ablenkende Situationen von vornherein vermieden werden können. Müssen Beschäftigte im Außendienst ständig telefonisch erreichbar sein? Genügt es vielleicht – wenn das alle wissen und sich darauf einstellen –, binnen bestimmter Fristen die Nachrichten und E-Mails zu checken? Wo können Arbeitsabläufe so umstrukturiert werden, dass der Zeitdruck reduziert wird? Welche Fahrten sind vielleicht gar nicht zwingend erforderlich, wenn technische Lösungen zur Fernwartung oder Videochats genutzt werden können? Corona hat auch hier die Wahrnehmung geändert. Last, but not least: Jeder Beschäftigte sollte wissen, an wen er sich vertrauensvoll wenden kann, ob mit Problemen, Fragen oder Verbesserungsvorschlägen. Wo verantwortungsbewusste Kolleginnen oder Kollegen belächelt werden, wenn sie vor Fahrtantritt ihr Handy ausschalten, ist eine deutliche Ansage der Führungskraft gefragt.

Autor: Friedhelm Kring

Weitere Infos

Es gibt eine Vielzahl an Plakaten, Kurzfilmen sowie Quiz zum Thema Ablenkung. Als Einstieg in Unterweisungen eignen sich besonders:

  • Schwerpunktaktion der Unfallversicherungsträger (UVT) mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) unter abgelenkt.info
  • Berufscholeriker Gernot Hassknecht auf YouTube
  • Sicherheitspaket für den Außen­dienst auf der Kampagnen-Website der UVT unter kommmitmensch.de

Veröffentlicht von: Redaktion