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Reizmagensyndrom: Stress kann Auslöser sein
Stress kann auf den Magen schlagen, daher ist ein wenig Entspannung zwischendurch sehr wichtig. © Getty Images/seb_ra
Gesund bleiben

Reizmagensyndrom: Stress kann Auslöser sein

Schmerzen im Oberbauch und  frühzeitiges Sättigungsgefühl deuten auf funktioneller Dyspepsie. Akuter oder chronischer Stress könnten die Ursache sein.

Datum: 01.04.2021
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Prof. Dr. med. Andreas Stengel verantwortet am Uniklinikum Tübingen den ambulanten Bereich der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. © Verena Müller, UKT

Herr Prof. Dr. Stengel, was versteht die Medizin unter funktioneller Dyspepsie? Wie unterscheidet sie sich von einfachen Magenbeschwerden?

Wir sprechen von einer funktionellen Dyspepsie, auch Reizmagensyndrom genannt, wenn Beschwerden im oberen Bauchbereich vorliegen, die über einen längeren Zeitraum anhalten und als beeinträchtigend erlebt werden. Wichtig ist also zum einen der Zeitraum. Dass einem mal der Magen vor einer Prüfung grummelt – so etwas kennt jeder. Das hat aber nichts mit einer funktionellen Störung zu tun. Zum anderen gibt es beim Reizmagensyndrom keine ausreichende körperliche Erklärung für die Beschwerden.


Ist funktionelle Dyspepsie also eher eine psychosomatische Erkrankung?

Beim Reizmagensyndrom kann es zwar durchaus zu entzündlichen Reaktionen im Magen- und Dünndarmbereich kommen, die ein Grund für einen Teil der Beschwerden sein können. Diese sind allerdings vom Ausmaß her nicht sehr ausgeprägt. Genau deswegen ist bei einer funktionellen Dyspepsie die Ausschlussdiagnostik wichtig.

Wir müssen also zum Beispiel erst eine Magenspiegelung und einen Ultraschall gemacht haben, um klare somatische Erkrankungen, wie eine Magenschleimhautentzündung oder auch eine bösartige Erkrankung, ausschließen zu können. Erst dann können wir die Diagnose Reizmagensyndrom stellen und uns anderen möglichen Ursachen und Therapiemöglichkeiten zuwenden.


Und was sind mögliche Ursachen für eine funktionelle Dyspepsie?

Da gibt es ganz unterschiedliche Faktoren. Am besten zusammengefasst werden können diese in einem sogenannten biopsychosozialen Krankheitsmodell. Unter die biologischen Faktoren fällt zum Beispiel die Genetik oder das Geschlecht. So sind Frauen etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Und dann gibt es eben auch die äußeren Umstände. Wir wissen beispielsweise, dass sowohl akuter als auch chronischer Stress, unregelmäßige Mahlzeiten oder Nikotinkonsum Risikofaktoren sind.


Führungskräfte stehen häufiger unter Stress. Sind sie daher besonders gefährdet?

Ich würde das nie monokausal sehen. Stress ist zwar ein entscheidender Faktor, doch meistens zieht dieser Stress auch weitere Dinge nach sich. Wer aufgrund von Zeitnot und Zeitdruck unter Stress steht, ernährt sich zum Beispiel oft unregelmäßig und damit ungesund, lässt Mahlzeiten eventuell komplett ausfallen oder greift mitunter zur Beruhigung eher zu Zigaretten und Alkohol, wodurch das Risiko einer Erkrankung weiter steigt.

Oft gibt es beim Reizmagensyndrom also nicht die eine Ursache. Stattdessen kommt es zu einer Kumulation von verschiedenen Faktoren, die dann den Nährboden für eine solche Erkrankung bereiten können.

Wie erkenne ich, ob ich unter funktioneller Dyspepsie leide und womöglich ärztliches Fachpersonal aufsuchen sollte?

Neben anhaltenden Beschwerden im Oberbauchbereich zählt auch ein frühzeitiges Sättigungsgefühl zu den Symp­tomen. Obwohl man nur eine kleine Portion zu sich genommen hat, fühlt es sich an, als hätte man eine ganze Schweinshaxe gegessen. Eigentlich würde man noch weiter essen, kann es aber nicht. Das führt oft zu Gewichtsverlust. Übelkeit und Schmerzen nach dem Essen können weitere Anzeichen sein.

Wie wird eine funktionelle Dyspepsie therapiert?

Am Anfang steht zunächst die sogenannte Psychoedukation, bei der wir die Betroffenen über die Krankheit aufklären. Anschließend schauen wir, wo die Probleme auf der psychosozialen Ebene liegen und welche therapeutischen Möglichkeiten infrage kommen könnten. Häufig empfehlen wir zum Beispiel regelmäßige und kleine Mahlzeiten, fettarme und ballaststoffreiche Ernährung, wenig Alkohol, möglichst kein Nikotin sowie ausreichend Schlaf.

All das sind Bausteine, die sich sehr günstig auf die Symptomatik auswirken können. Bei diesen sogenannten Lebensstiländerungen haben wir aber immer auch einen Blick auf die Lebensrealität der Patientinnen und Patienten. Das heißt, wir versuchen bei unseren Empfehlungen zu berücksichtigen, was für die Erkrankten auch tatsächlich umsetzbar ist. Zusätzlich dazu setzen wir auch symptomatische Medikation, wie zum Beispiel Säurehemmer, ein.

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In dieser Berufsgruppe herrschen ja oft hohe Anforderungen von außen sowie ein hohes Leistungsideal, also zusätzlich noch Anforderung von innen. Hier könnte man schauen, wie man es schafft, dass die Person bei den ganzen Anforderungen trotzdem noch mit sich selbst in der Situation gut umgehen kann. Stichwort: Selbstfürsorge.

Und dazu gehört, dass man sich regelmäßig etwas zu essen macht und sich nicht schnell zwischendurch den Hamburger reinstopft, sondern sich hinsetzt und eine gesunde Mahlzeit zu sich nimmt. Oder man abends lieber eine halbe Stunde spazieren geht als die halbe Flasche Rotwein zu trinken. Mitunter kann hier der Einsatz eines Symptom-Tagebuches helfen, um zu schauen, wann Symptome auftreten: Was mache ich in diesen Situationen, was habe ich da gegessen und wie geht es mir danach?

Das hilft bei der Diagnose Reizmagen

Von kleinen Mahlzeiten bis hin zum Verzicht auf Nikotin: Im Fokus der Behandlung einer funktionellen Dyspepsie stehen die sogenannten Lebensstiländerungen.

  1. Die Reduktion von Stress kann bei funktioneller Dyspepsie wichtig sein. Entspannungsübungen oder Yoga können dabei helfen.
  2. Wer unter dem Reizmagensyndrom leidet, sollte über den Tag verteilt eher mehrere kleine Mahlzeiten zu sich nehmen statt wenige große. Das ist schonender für den Magen.
  3. Hastig verschlungene Mahlzeiten beanspruchen den Magen. Es sollte sich ausreichend Zeit für das Essen genommen werden.
  4. Auch einfache Hausmittel können die Symp­tome des Reizmagensyndroms lindern. Besonders hilfreich wirkt etwa Salbeitee.
  5. Nikotin- und Alkoholkonsum gelten bei funktioneller Dyspepsie als Risikofaktoren, weshalb darauf verzichtet werden sollte.

Veröffentlicht von: Julien Hoffmann