Flexible Arbeitszeiten
©Thomas Walloch
Arbeiten 4.0

Arbeitszeit: weniger und flexibler

Die Frage nach der Arbeitszeit polarisiert, wenn es um flexible Modelle und variierende Arbeitsorte geht. Aktuelle Studien belegen, dass der Großteil der Beschäftigten weniger und zum Teil flexibler arbeiten möchte. Allerdings erfordern kürzere Arbeits­tage und variable Orte eine neue Arbeitskultur.

Arbeiten 4.0 bedeutet zunehmende Digitalisierung und Vernetzung. Stärker noch als die moderne Kommunikationstechnik treibt der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft neue Arbeitsformen und Arbeitszeiten voran. Wochenend-, Schicht- und/oder Nachtarbeit sind die im übertragenen Sinne dunkle Seite der glänzenden 24/7-Dienstleistungs-Medaille. Die Möglichkeit, von überall zu arbeiten, macht atypische Arbeitszeiten zwar attraktiver und zum Teil auch komfortabler. Wer im Homeoffice tätig ist, verliert weder Zeit noch Nerven mit dem Pendeln zum Arbeitsplatz. Auch Freizeit und Familie lassen sich im Homeoffice oft besser mit der Arbeit unter einen Hut bringen.

Nebenwirkung „Soziale Folgekosten“

Doch Flexibilisierung und das Abweichen von den typischen Arbeitszeiten haben soziale Folgekosten, die bislang noch nicht erforscht sind, wie Professorin Hiltraut Paridon von der SRH Hochschule für Gesundheit am Campus Gera betont: „Häufig kommunizieren Familien wegen voneinander abweichenden Arbeitszeiten nur noch via WhatsApp. Wenn ein Elternteil am Samstag außer Haus arbeitet, während am Sonntag ein Elternteil zwar im Homeoffice tätig ist, doch weder an Aktivitäten teilnehmen noch einfach für die Familie da sein kann, gibt es keine gemeinsame Zeit und keinen Austausch mehr.“ Zudem leide die Erholung unter der Arbeit am Wochenende, so Paridon. Studien belegen, dass freie Tage am Wochenende größere Erholungswirkung haben als an Werktagen. „Am Sonntag fährt das Land einen Schritt runter. Der Druck, etwas erledigen zu müssen, nimmt ab, es ist ruhiger. Das wirkt sich positiv auf den Schlaf und die Psyche aus“, erläutert die Professorin.

Höher Qualifizierte möchten kürzer arbeiten

Damit ist der Gewerkschaftsslogan der 1970er Jahre „Samstags gehört Vati mir“ heute aktueller denn je, wenngleich er jetzt eher „Samstags und sonntags gehören Vati und Mutti mir“ lauten müsste. Gut 82 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen sind aktuell erwerbstätig. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeiten außerhalb der klassischen Tagarbeitszeiten (zwischen 07:00 Uhr und 18:00 Uhr) in Abend-, Wochenend-, Schicht- und/oder Nachtarbeit. In Summe haben atypische Arbeitszeiten von 1991 bis 2016 von 42 Prozent auf 57 Prozent zugenommen. 50 Prozent der männlichen und 40 Prozent der weiblichen Beschäftigten würden ihre Wochenarbeitszeit gern um mindestens 2,5 Stunden verkürzen. Das ergab eine 2018 veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (siehe 5/2018, Seite 21). Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt, dass höher Qualifizierte tendenziell überbeschäftigt sind und kürzer arbeiten möchten. Unabhängig vom Geschlecht würden viele Teilzeitbeschäftigte gerne mehr arbeiten, viele Vollzeitbeschäftigte lieber weniger. Die seit 30 Jahren fast unveränderten Arbeitszeitmuster bilden dies jedoch nicht ab und sind daher wenig attraktiv – besonders für jüngere Fachkräfte.

Neue Arbeitszeitmodelle ...

Im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte finden die Wünsche nach kürzeren und flexibleren Arbeitszeiten langsam Eingang in Betriebe und Tarifverhandlungen. In der Metall- und Elektroindustrie haben seit Januar 2019 rund 900.000 Vollzeitbeschäftigte die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden zu reduzieren, während in der Chemiebranche die Tarifvereinbarung „RV 80“ für 550.000 Beschäftigte das lebensphasenorientierte Arbeiten fördert. Für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten können Beschäftigte ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent reduzieren, erhalten aber ihr volles Gehalt. Doch Teilzeitmodelle und die generelle Arbeitszeitverkürzung stoßen bei Arbeitgeberverbänden auf Widerstand. „Wenn Beschäftigte kürzer arbeiten, müssen andere die Arbeit erledigen“, sagt Sebastian Kautzky, Sprecher des Bundesarbeitgeberverbands Chemie.

... erfordern eine neue Arbeitskultur

Der Effekt der Arbeitszeitverdichtung wird auch von der arbeitsmedizinischen Forschung kritisch beobachtet: „Wer 25 statt 38 Stunden die Woche tätig ist, arbeitet nicht weniger, sondern vor allem schneller“, gibt etwa Professorin Frauke Jahn vom Institut für Arbeitsforschung der DGUV zu bedenken. Eine gesundheitsverträgliche Arbeitszeitverkürzung erfordert daher eine neue Arbeitskultur: klar strukturierte Arbeitsprozesse und -aufträge, störungsfreie Arbeitsphasen, Reduzierung der Lärmbelastung, weniger/kürzere Meetings. Nicht zuletzt weniger E-Mails mit reduzierten Verteilern (siehe 1/2019, Seite 8, 10–12).

Arbeitszeitverkürzung steigert die Verfügbarkeit von Fachkräften

Ein weiteres Gegenargument lautet, dass die Arbeitszeitverkürzung mehr Arbeitskräfte erfordert. „Wenn bei gleichem Arbeitsanfall viele Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduzieren, müssen mehr Menschen eingestellt werden“, so Kautzky. Aktuell biete der Arbeitsmarkt jedoch nicht genügend Ersatzarbeitskräfte. Dem halten die Autorinnen und Autoren der DIW-Studie entgegen, dass beim Wegfall vieler gegenwärtiger Restriktionen auf dem Arbeitsmarkt – darunter niedrige Stundenlöhne, zu viele Arbeitsstunden für höher qualifizierte Tätigkeiten – deutlich mehr Frauen in Beschäftigung kämen und in Teilzeit arbeitende Frauen mehr Stunden arbeiten würden. „Selbstredend ist eine Arbeitswelt ganz ohne Restriktionen nur ein langfristiges Ideal, das neben einer drastisch verbesserten Kinderbetreuung auch Umwälzungen der Arbeitskultur und der Zeitflexibilität in Unternehmen erfordert“, so das Resümee der DIW. „Aber das Beschäftigungspotential, das auf diese Weise freigesetzt würde, wäre enorm.“

Autorin: Manuela Müller

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