Flexible Arbeitszeiten
©Thomas Walloch
Arbeiten 4.0

Arbeitszeit: weniger und flexibler

Die Frage nach der Arbeitszeit polarisiert, wenn es um flexible Modelle und variierende Arbeitsorte geht. Aktuelle Studien belegen, dass der Großteil der Beschäftigten weniger und zum Teil flexibler arbeiten möchte. Allerdings erfordern kürzere Arbeits­tage und variable Orte eine neue Arbeitskultur.

Beim Index „Gute Arbeit“des Deutschen Gewerkschaftsbundes von 2018 gaben 23 Prozent der Befragten an, von ihnen werde oft oder sehr oft erwartet, dass sie außderhalb der Arbeitszeit ständig erreichbar seien. Doch ständige Erreichbarkeit gibt es gar nicht, sagt Prof Dr. Dirk Windemuth, Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). Vielmehr gehe es um eine entgrenzte Arbeitszeit, wenn nach Feierabend tatsächlich berufliche Mails, Nachrichten oder Anrufe beantwortet werden. Ohne Zweifel gibt es Berufe mit der Notwendigkeit, auch außerhalb der regulären Arbeitszeit verfügbar zu sein. Aber wo dies nicht vertraglich niedergelegt ist, besteht dazu keine Verpflichtung. „Beim Thema Erreichbarkeit muss man trennen zwischen einem gefühlten Zwang und den tatsächlichen Anforderungen“, erklärt Windemuth. „Allein die Vorstellung, dass eine Art ´Stand-by“ von ihnen erwartet wird, sorgt bei Beschäftigten für Anspannung.“ 

Digitale Kommunikation weicht Grenzen auf

Sowohl Berufliches schwappt in die Freizeit über, als auch Privates in die Arbeitszeit. Dank der vielen Kanäle – von Telefon über E-Mail bis hin zu Messenger-Diensten – jonglieren  Beschäftigte den ganzen Tag lang einen Mix aus Job- und Privatangelegenheiten. „Diese Flexibilisierung eröffnet Freiheiten“, erklärt Dr. Susanne Roscher,  Leiterin des Bereichs Arbeitspsychologe der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG). „Die Vermischung kann jedoch zur psychischen Belastung werden.“ Folgerichtig ist heute nicht  mehr von „Work-Life-Balance“ die Rede, sondern von „Work-Life-Blending“. 

Ständiger Rollenwechsel braucht Energie 

Ein Forscherteam analysierte die Smartphone-Nutzung von 63 Personen in einer Tagebuchstudie. Fazit: Wer häufig beruflich motiviert zum Handy greift, nimmt Anforderungen am nächsten Tag als deutlich belastender wahr. Denn es kostet viel Energie, zwischen den Rollen als Beschäftigte und als Privatpersonen hin- und herzuwechseln. Die Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung zeigt einmal mehr, dass es belastend ist, nach Feierabend mobil erreichbar zu bleiben. Auch eine Metastudie der Universität Freiburg für die „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ legt negative Folgen für die Psyche nahe und zeigt: Wo Erwartungen an Erreichbarkeit geklärt und konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, gibt es weniger Erschöpfung.

Die meisten Unternehmen setzen gar keine Leitplanken

Der Umgang von Unternehmen mit Erreichbarkeit hat sich mit der Ausweitung digitaler Kommunikation entwickelt – nun taucht das Thema auch bei Gefährdungsbeurteilungen oder Mitarbeiterbefragungen auf. Auch die am stärksten betroffene Gruppe hinterfragt den Umgang mit der wachsenden Informationsflut: das Management. Jana Biemelt von der Medical School Hamburg (MSH), die gemeinsam mit der VBG eine Studie zur Erreichbarkeit durchführt, berichtet: „Es gibt Führungskräfte, die teilweise nachts herausgeklingelt werden. Andere haben in ihrem Bereich klare Regeln etabliert und eigene Erwartungen kommuniziert, so dass sie nur in absoluten Notfällen kontaktiert werden.“ Hier geht es um das Zuteilen von Kompetenzen. Wenn nur eine einzige Person ein Problem lösen kann, ist das weder für sie selbst noch für das Unternehmen gesund. Biemelt: „Irgendwann muss ein Ausgleich kommen. Ansonsten droht eine emotionale Erschöpfung.“ Sollten die Beschäftigten also ihren Feierabend wieder ernst nehmen? Dafür gibt es ein klares „Ja“ von allen, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen von erweiterter Erreichbarkeit befassen. „Es gibt Maßnahmen auf der persönlichen Ebene wie eine klare Abgrenzung der eigenen Kommunikation“, erklärt Roscher. „Aber das gelingt nur so weit, wie es das betriebliche Umfeld zulässt.

Pauschale Lösungen gibt es nicht

Die Ansätze zum Umgang mit Erreichbarkeit kann man nicht verallgemeinern, es gibt aber Stellschrauben, die durch betriebliche Regelungen präzisiert werden können. Was wünschenswert und machbar ist, unterscheidet sich von Betrieb zu Betrieb, sogar von Team zu Team. Das häufige Totschlagargument, die Kundschaft erwarte ständige Erreichbarkeit, hält einer Überprüfung oft nicht stand (siehe auch Interview). „Vielmehr kommen Fragen der Arbeitsorganisation auf den Tisch“, berichtet Roscher aus den Workshops der Studie. „Weil sie ihre Aufgaben am Arbeitsplatz nicht erledigen können, nehmen Beschäftigte die Arbeit mit nach Hause.“ Dann ist Erreichbarkeit nur ein Indikator für chronische Überlastung, die organisatorisch gelöst werden muss. Beim Arbeiten 4.0 gilt wie bisher: Vorgesetzte haben Vorbildfunktion. Wo die Priorität gesunder Betriebe liegt, bringt Windemuth auf den Punkt: „Wer seine Aufmerksamkeit vor allem seinem Smartphone widmet, gilt längst nicht mehr als Vorbild.“
 

Autorin: Manuela Müller

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