Führungskraft gießt Baum in Form eines Gehirns
Illustration: Thinkstock/Orla
Titelthema

Die Psyche stärken

Es geht den einzelnen Beschäftigten nicht anders als dem Unternehmen: Der Alltag ist ein Ringen um die Balance zwischen Stressoren und Ressourcen. Eine Gefährdungs­beurteilung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz kann diese Balance systematisch und schrittweise herstellen. Für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen ist sie Pflicht, für Führungskräfte eine besondere Herausforderung – aber eine, die sich auszahlt.

Gefühlt hat die psychische Belastung in den letzten Jahren zugenommen: So gab beim Fehlzeitenreport 2016 des wissenschaftlichen Instituts der AOK jede vierte der befragten Personen an, dass sie ihre Unternehmenskultur als schlecht bewerte und mit der eigenen Gesundheit unzufrieden sei. Bei einer schlecht bewerteten Unternehmenskultur fehlte 2016 nahezu jeder Dritte mehr als zwei Wochen im Betrieb. Studien wie die „Wissenschaftliche Standortbestimmung“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stellen zudem Zusammenhänge her zwischen belastenden Arbeitsbedingungen und Muskel‑Skelett- oder Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen sowie geminderter Leistungsfähigkeit. Handlungsdruck besteht also. Doch wo ansetzen und wie?

Psychischen Belastungen auf der Spur

Ein Instrument, das sich für die Suche nach den Ursachen anbietet, ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GBU Psyche). Laut DIN EN ISO 10075‑1 ist psychische Belastung „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken“. Klar ist, wer arbeitet, hat zwei „Welten“, die Einfluss auf die Psyche nehmen: die berufliche und die private. Und in beiden Welten sind Ressourcen und Stressoren zu finden. Für die Psyche ist wichtig, dass die Balance stimmt. Nur dann ist eine Arbeitskraft voll einsatzfähig. Im Privatleben können Beschäftigte selbst für die richtige Balance sorgen. Am Arbeitsplatz sind die Führungskräfte gefordert.

Wer das Thema psy­chische Belast­ungen im Betrieb angeht, räumt am besten drei weit verbreitete Miss­ver­ständ­nisse aus dem Weg:

ERSTES MISSVERSTÄNDNIS: Stress ist Privatsache

Bereits seit 1996 verlangt das Arbeitsschutzgesetz, Gefährdungen von Beschäftigten systematisch zu ermitteln, zu bewerten, Schutzmaßnahmen einzuleiten und deren Wirksamkeit zu prüfen. Der Tatsache, dass psychische Belastungen – gern fälschlich als Stress bezeichnet – dazugehören, wurde mit der Novellierung des Gesetzes vor vier Jahren Nachdruck verliehen. Trotzdem kann nicht einmal die Hälfte der deutschen Betriebe laut Betriebsbefragung 2015 der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie eine Gefährdungsbeurteilung vorweisen. Und noch weniger haben dabei die psychischen Faktoren berücksichtigt.

ZWEITES MISSVERSTÄNDNIS: Es geht um die Prävention gegen psychische Erkrankungen Stress = Burnout.

Auf diese einfache Formel wurde das Thema psychische Belastungen in den vergangenen Jahren oft verengt. Es stimmt zwar, dass es Arbeitsbedingungen gibt, die psychische Störungen hervorrufen können. Aber nicht jede psychische Erkrankung hat deswegen ihre Ursache am Arbeitsplatz. Umgekehrt können psychische Belastungen sich auch auf andere Weise äußern als durch Depressionen oder Suchterkrankungen. Rückenschmerzen oder Verdauungsbeschwerden sind klassische Beispiele für psychosomatische Erkrankungen, deren Ursache chronischer Stress sein kann. Erkrankt ein Mitarbeiter an einer Angststörung, sagt das also nicht unbedingt etwas über Stress bei der Arbeit aus. Umgekehrt ist es für die Führungskraft kein Anlass zur Zufriedenheit, wenn die Belegschaft zwar frei von Depressionen ist, die Arbeitsunfähigkeitstage wegen Rückenschmerzen aber durch die Decke gehen.

DRITTES MISSVERSTÄNDNIS: Stress kann man nicht messen

„Ein Stresspegel‑Messgerät wäre was Schönes, aber anders als bei Lärm oder Gefahrstoffen gibt es für psychische Belastungen kein so einfaches Messgerät“, sagt Professor Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV. „Das heißt aber nicht, dass man Stress nicht messen kann.“ Mitarbeiterbefragungen, strukturierte Gespräche und Organisationsanalysen seien wissenschaftlich gesicherte Instrumente, um Risiken auf die Spur zu kommen – und sollten daher Bestandteil einer GBU Psyche sein. „Mitunter fördern solche Untersuchungen nicht nur Stressoren zu Tage, sondern auch ineffiziente Prozesse und unnötige Bürokratie. Als Führungskraft erfährt man so manchmal mehr über seinen Betrieb als auf andere Weise“, so der Psychologe.

Ein Beispiel aus der Praxis

Andreas Bosse hat mit der GBU Psyche bereits Erfahrungen gesammelt. Der geschäftsführende Gesellschafter der Ihr Landbäcker GmbH und Geschäftsführer der Stendaler Landbäckerei ist das Thema nach Art eines Familienunternehmens angegangen: „Ein Schritt nach dem anderen. Wir haben nebenbei auch noch ein bisschen Brot zu backen.“ Bosse hat Erfahrungen und Ressourcen aus dem Arbeitsschutz genutzt – und er hat sich bei der Gefährdungsbeurteilung von seiner Berufsgenossenschaft unterstützen lassen. Um welche psychischen Belastungen es in seinem Betrieb geht, hat er systematisch analysiert: mit einer unternehmensweiten, anonymen Mitarbeiterbefragung, einer von Arbeitswissenschaftlern durchgeführten Studie der anfallenden Belastungen sowie einer Analyse der Krankenstandparameter durch eine Krankenkasse.

Hinschauen und Handeln

Vor allem aber setzt Bosse auf den strukturierten Austausch in seinen Teams: „Die Vorgesetzten bemerken früh, dass jemand seine Arbeit nur noch zu 20 oder 30 Prozent schafft. Jemand leidet – an was auch immer – und die Leistung fällt ab. Das schwächt das ganze Team, die anderen müssen einspringen, die Stimmung kippt. Das sind genug Anlässe zum Handeln.“ Das Management der Großbäckerei mit 600 Beschäftigten weiß, worauf es zu achten hat: In den Filialen steht der Kontakt zum Kunden im Mittelpunkt des Handelns. Das ist zugleich der größte Stressfaktor. Bosse: „Immer freundlich und flexibel zu sein gelingt nur, wenn es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut geht und sie sich im Team und von der Führung gut unterstützt fühlen.“ Dazu zählen regelmäßige Schulungen und Befragungen sowie Angebote des Betrieblichen Gesundheitsmanagements – alles Aktivitäten, die in die GBU Psyche einfließen.

Geringe Fluktuation

Die Vorgesetzten führen Teams aus 4 bis 20 Beschäftigten. Sie sind für den Umgang mit psychischen Belastungen qualifiziert: Konflikte oder organisatorische Probleme werden offen angesprochen, Maßnahmen direkt im Team diskutiert. Die Führungskräfte haben ausreichend Handlungsspielraum, Abläufe zu gestalten, Arbeitszeiten und Urlaube im Team zu planen und jemanden, der aus privaten Gründen weniger arbeiten kann, zu entlasten. Diese Art des Umgangs tut allen Beteiligten gut – und fördert die Gesundheit. Für die Landbäckerei zahlt sich das unter anderem in einer geringen Fluktuation und niedrigem Krankenstand aus. „Urkunden für 35 oder 40 Jahre Betriebszugehörigkeit schreibe ich fast jeden Monat“, berichtet Bosse. Dabei ist er sich bewusst, dass die GBU Psyche ein Prozess ist, den er mit seinem Team ständig fortsetzt – damit die Balance erhalten bleibt.

Autorin: Miriam Becker

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