Kommunikation Führung Arbeitsschutz
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Kommunikation

Die richtige Verbindung finden

Kommunikation ist Dreh- und Angelpunkt, um Beschäftigte für gelebte Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu motivieren. Führungskräften kommt hier eine besonders wichtige Rolle zu: Sie senden, empfangen und managen den Austausch. Wie kann diese Herausforderung gelingen?

Alles Wichtige teile ich mit“ – so denken viele Führungskräfte. Doch das ist oft ein Trugschluss. Eine Untersuchung im Vorfeld der neuen Präventionskampagne kommmitmensch der gesetzlichen Unfallversicherung bringt eine beachtliche Wahrnehmungslücke zutage: Während 61 Prozent der befragten Managerinnen und Manager meinen, dass alle wichtigen Informationen weitergegeben werden, sehen das nur 20 Prozent der Beschäftigten so. Legen die befragten Unternehmen Wert darauf, dass ihre Beschäftigten sicher und gesund arbeiten können? Auch bei dieser Frage weichen die Wahrnehmungen stark voneinander ab: 81 Prozent des Managements stuften dies als völlig zutreffend oder zutreffend ein. Dagegen empfanden das nur 53 Prozent der Beschäftigten so. Hier kommt das Handlungsfeld Kommunikation der Kampagne kommmitmensch ins Spiel, das im Herbst startet.

Kultur durch Austausch prägen

kommmitmensch wirbt für den Aufbau einer Präventionskultur in den Unternehmen. Eine wichtige Grundlage einer solchen Präventionskultur ist der Austausch über Sicherheit und Gesundheit. „Information und Appelle reichen nicht aus“, betont Dr. Marlen Cosmar von der DGUV. „Führungskräfte sollten gezielt Anlässe zum Austausch schaffen. Dadurch sind Beschäftigte aufmerksamer und geben Probleme oder Ideen zum Thema eher weiter. Letztlich wird es so mit der Zeit selbstverständlich, sich sicher und gesund zu verhalten.“
Wie Austausch in Gang kommen kann, macht die Verwaltung der Stadt Saarlouis vor. Zwei ihrer Führungskräfte ließen sich – professionell begleitet – von ihren Teams über einen anonymen Online-Fragebogen bewerten und gaben zudem eine Selbsteinschätzung ab. Angeschlossen waren ein Coaching und ein Workshop mit den Teams. „Daraus werden Handlungsmöglichkeiten für die gesamte Führungsriege abgeleitet“, erklärt Sascha Schmidt, der für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Wo solche Leitlinien als Selbstverpflichtung verbindlich gemacht werden, helfen sie im fairen Umgang miteinander.

Offener Umgang mit Dissonanzen

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) der Stadtverwaltung Saarlouis lädt die Belegschaft auch sonst ein, in Austausch zu treten – digital, analog oder face to face. „Wir haben eine breit aufgestellte Arbeitsgruppe, die vielfältige Wege nutzen und Lösungen auf den Weg bringen kann“, erklärt Mirjam Gattau für das BGM. „Das entlastet Führungskräfte, gerade wenn es um bereichsübergreifende Themen geht.“
Wo Informationen in beide Richtungen fließen, kann mit Unstimmigkeiten konstruktiv umgegangen werden. Eine solche Kultur des Austauschs verhindert auch, dass Beschäftigte sich ausklinken und in die innere Kündigung abdriften. Anstelle von Konflikten entstehen so Verbesserungsvorschläge – auch in Sachen Arbeitsschutz. Moderierte und ergebnisorientierte Workshops wie die kommmitmensch-Dialoge (siehe Bericht ab Seite 11) bieten dazu Gelegenheit.

Kommunikationskanäle einsetzen, Institutionen einbinden

„Ohne Kommunikation wäre Arbeitsschutz eine einsame Veranstaltung“, sagt auch Christoph Benning, leitende Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der Berliner Stadtreinigung (BSR). Die BSR nutzt neben den klassischen Informationskanälen gezielte Schulungen und betriebliche Institutionen:

  • Betriebsanweisungen sind bei der BSR dort zu finden, wo es sinnvoll und vorgeschrieben ist.
  • Aushänge informieren über Erste Hilfe, Brandschutz, Flucht- und Rettungswege.
  • Plakate weisen an den Schwarzen Brettern, an Bildschirmen, in den Kantinen und Pausenräumen auf aktuelle Veranstaltungen oder spezielle Themen der Unfallverhütung und Gesundheit hin.
  • E-Mail: Auf gesetzliche Änderungen, die Handlungsbedarf nach sich ziehen, macht Benning BSR-Führungskräfte gezielt per Mail aufmerksam.
  • Arbeitsschutzausschüsse der BSR nutzt Benning bei Handlungs- und Diskussionsbedarf.
  • Intranet: Es ist bei der BSR unverzichtbar für grundlegende Informationen wie interne Arbeitsschutzregelungen oder das Gefahrstoffkataster. Auch Präsentationen für Unterweisungen und E-Learnings sind dort zu finden.
  • Elektronische Unterweisungen haben sich für den Bürobereich sehr bewährt, etwa um das richtige Einstellen von Bürostuhl und Monitor zu vermitteln. So entlasten E-Learnings die Führungskräfte. Aber: „Das Lernen am Computer ersetzt die Unterweisung durch Vorgesetzte nicht gänzlich und es passt auch nicht zu allen Themen“, schränkt Benning ein. Wenn es darum geht, Sicherheitsvorkehrungen an Maschinen oder sicheres Rangieren von Straßenkehrmaschinen zu erläutern, ist das persönliche Gespräch zwischen Beschäftigten und Führungskraft unerlässlich.
Medien unterstützen das Gespräch auf Augenhöhe

„Am besten kommen die Botschaften an, wenn Fachleute und Vorgesetzte auf Augenhöhe mit den Beschäftigten sprechen und inhaltlich die gebotene Tiefe wählen“, ist Bennings Erfahrung. Medien wie Arbeitsschutzfilme seien dabei eine gute Unterstützung. So vermitteln etwa die Napo-Filme der DGUV Botschaften ohne Worte – aber unterhaltsam und eindeutig. Bei Sprachbarrieren bauen sie zudem hilfreiche Brücken und beugen Missverständnissen vor. Es gibt eine Vielzahl weiterer, meist kostenloser Medien, mit denen Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und ihr Spitzenverband DGUV betriebliche Kommunikation unterstützen. Das größte Angebot bietet die Plattform arbeitsschutzfilm.de. Neben Filmen und gedruckten Informationen gibt es E-Learning-Angebote und Apps. Ein Beispiel für digitale Medien sind die „Bausteine“ der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft. Bei thyssenkrupp infrastructure in Wuppertal wird die App-Version für mobile Endgeräte bei Sicherheitsbegehungen eingesetzt. „Das klappt super“, berichtet der stellvertretende Niederlassungsleiter Ullrich Schwalm.

„Boxenstopp“ schult Fahrerinnen und Fahrer

Die BSR setzt auch auf persönliche Ansprache von und Austausch mit unterschiedlichen Zielgruppen. Wer bei der Müllabfuhr ein Kraftfahrzeug lenkt, wird regelmäßig zu einem „Boxenstopp“ eingeladen, bei dem es um Sicherheit und Gesundheit und den Umgang mit aggressiven Passanten geht. „Das ist eine Mischung aus Information, praktischen Übungen, Rollenspielen und Erfahrungsaustausch, die sehr intensiv, nachhaltig und auf die Zielgruppe zugeschnitten ist“, erläutert Benning die Schulungen.
Die zielgruppengerechte, direkte Ansprache ist der Königsweg. Regelmäßige Team-, Bereichs- und Mitarbeitergespräche geben dazu Gelegenheit. Was zählt, ist: über das sprechen, was wichtig ist. Fällt Beschäftigten beispielsweise auf, dass sie ihre Arbeit nicht in der geforderten Qualität leisten können und es viele Anzeichen von Stress oder Übergriffen gibt, sollte dies beim Teamtreffen auf den Tisch. Gelegenheit dazu gibt ein fester Tagesordnungspunkt zu ‚Sicherheit und Gesundheit‘.

Bilder sagen mehr als Worte

Jeder Betrieb ist anders. Wie der Austausch im Unternehmen am besten gefördert werden kann, dafür müssen die Betriebe ihren eigenen Weg finden. So war es auch bei Schausteller Robért Hempen, der zum Auf- und Abbau seines Fahrgeschäfts „Big Bamboo“ Helfende beschäftigt, die kaum Deutsch beherrschen. „Trotzdem ist es wichtig, dass wir vor der Arbeit mögliche Gefahrensituationen durchsprechen“, so Hempen. Die Sprachbarriere hat er kreativ überwunden: „Ich habe Broschüren mit den wichtigsten Arbeitsschritten erstellt und den Erklärtext zu den Bildern ins Rumänische übersetzen lassen.“ Vieles läuft zudem über vereinbarte Handzeichen. Falls Fragen offenbleiben, übersetzt ein langjähriger Mitarbeiter.

Eigenständiges Handeln und Austausch fördern

Kommunikation muss insbesondere im Notfall schnell auf den Punkt kommen – so wie es die Praxishilfe „Dreisatz für Warnsignale“ der kommmitmensch-Kampagne zeigt. „Solche Kommunikationsansätze sind wichtig, weil Sicherheitsregeln und Vorschriften in Zeiten wachsender Komplexität und schneller Veränderung die Realität nicht vollständig abbilden können“, betont Dr. Cosmar. „Deshalb müssen Beschäftigte in die Lage versetzt werden zu handeln, nicht nur Regeln zu befolgen.“
Zu den Merkmalen gesundheitsorientierter Unternehmen gehört auch ein angemessener Raum für informellen Austausch. Das können einladende – gern selbst gestaltete – Kaffee- und Teeküchen, Pausen- und kleine Besprechungsräume sein. Eine weitere Möglichkeit sind strukturierte Netzwerke, wie sie Margret Suckale als Arbeitsdirektorin und Standortleiterin des BASF-Stammwerks in Ludwigshafen mit „Twinning“ geschaffen hat. Das Netzwerk besteht aus Tandems zwischen Menschen, die sich in Alter, Geschlecht, Herkunft oder Qualifikation unterscheiden. „Es ging um gegenseitiges Mentoring. Die Vorstellung, dass erfahrene Kolleginnen und Kollegen vom Wissen Jüngerer profitieren, musste sich erst durchsetzen. Die Digitalisierung hat da sehr geholfen“, berichtet sie. Wie gut, dass Wissen nicht weniger wird, wenn man es teilt – und dass Information und Wertschätzung umso wirkungsvoller sind, wenn sie konsequent und offen ausgetauscht werden.
 

Autorin: Miriam Becker

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