Zeit- und Leistungsdruck ausgleichen
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Zeit- und Leistungsdruck

Druck aktiv ausgleichen

Hin zur Allroundkraft – so haben sich die Jobanforderungen in den letzten Jahrzehnten verändert. Vor allem in Dienstleistungsberufen heißt das: steigender Zeit- und Leistungsdruck. Eine Studie hat hinterfragt, wie Führungskräfte damit umgehen. topeins sprach mit einem der drei Autorinnen und Autoren, Professor Dr. G. Günter Voß.

Professor Voß, viele Beschäftigte finden, dass der Druck in der Arbeitswelt immer weiter zunimmt. Woran könnte das liegen?

Wir beobachten seit vielen Jahren die Veränderung der Arbeitswelt. Die Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, an der ich mitgewirkt habe, war ein willkommener Anlass, dies zu vertiefen. Hierarchien und Abteilungsgrenzen lösen sich auf, ebenso Arbeitszeiten und das Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben. Zugleich verdichten sich die Aufgaben vor allem im Management. Es wird mehr verlangt, was schneller erledigt sein soll. Dabei haben die Beschäftigten eine Vielzahl von Entscheidungen zu treffen – oft vor dem Hintergrund widersprüchlicher Vorgaben.

Das erfordert nicht nur fachliche, sondern auch unternehmerische Fähigkeiten. Wie gehen Beschäftigte damit um?

Sie sind Teil eines komplexen Spiels, das sie selbst kaum mehr durchschauen. Die Beschäftigten stehen auf unterschiedlichen Ebenen und sehr verschiedenartig unter Druck und können zwar belastende Situationen schildern, aber selten systematisch einzelne Ursachen benennen. Manchmal ist die Überlastung nicht mehr zu bewältigen. Das hängt auch von der betroffenen Person ab und ist sehr unterschiedlich.

Welche Rolle spielen Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen?

Manchmal werden sie als wichtiger Rückhalt erlebt. Doch bei den Interviews mit 52 Fach- und Führungskräften haben wir auch gehört, dass sich die Menschen alleingelassen fühlen, dies bei der Arbeit jedoch nicht offen zugeben.

Ein Beispiel?

Wir konnten jeweils das Management und qualifizierte Fachkräfte eines Krankenhauses, eines privaten Bildungsanbieters und eines Technikdienstleisters intensiv begleiten und ausführlich interviewen. Was etwa ein Standortleiter oder ein Chirurg berichten, klingt sehr ähnlich: Die Belastung besteht darin, neben der ohnehin engen Tagesplanung Adhoc-Ereignisse zu koordinieren. Typisch ist auch, dass ein Oberarzt beklagte, sich nur zur einen Hälfte als Mediziner zu fühlen, zur anderen als Betriebswissenschaftler. Der Widerspruch von fachlichen und finanziellen Leistungszielen reibt die Menschen auf. In allen Branchen war die Rede von hohem bis sehr hohem Druck. Und alle Führungskräfte erwarten, dass er noch zunimmt.

Welcher Art ist dieser Druck?

Zum einen gibt es Zeitdruck, also eng getaktete oder sogar gleichzeitige Tätigkeiten; alles beschleunigt sich. Zum anderen ist der Leistungsdruck zu nennen, der durch hochgesteckte und teilweise widerstreitende Ziele, immense Komplexität und starke Regulierung zustande kommt.

Wie gehen Menschen damit um?

Wer ein hohes Berufsethos hat, neigt zur Selbstausbeutung. Die zunehmenden Paradoxien unserer Arbeitswelt können systematisch erhebliche psychische Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Viele der Interviewten räumen ein, dass sowohl die Qualität ihrer Arbeitsleistung als auch ihre Befindlichkeit unter dem Druck leiden. „Mit uns kann man es ja machen“ – so brachte es jemand auf den Punkt.

Wie steht es um die Führungskräfte?

Offensichtlich erlebt diese Gruppe Druck als „normal“ und versucht, ihn möglichst sachbezogen zu bewältigen. Beispielsweise räumt der Großteil der Ärzteschaft ein, bei der Berufswahl um den hohen Stresspegel gewusst zu haben. Viele betreiben Kraft und Ausdauersportarten, um sich fit zu halten. Andere Parameter für die eigene Gesundheit wie Ernährung und ausreichende Erholungsphasen seien mit dem Berufsalltag jedoch kaum zu vereinbaren. Das gilt auch für die Technikdienstleister, deren Kundschaft kurze Reaktionszeiten erwartet und die ständig mit hohem Mobilitätsaufwand erreichbar sein müssen. Die meisten Befragten wussten gar nicht zu sagen, wie sie konkret mit dem Druck umgehen; sie müssen es irgendwie hinkriegen. Und viele haben Zweifel, ob sie das langfristig durchhalten können.

Was würde Führungskräften helfen?

Sich den Druck, unter dem sie stehen, bewusst zu machen, wo möglich Ursachen anzugehen und sich ansonsten klare Leistungsgrenzen zu setzen. Wichtig ist zudem die Selbstfürsorge, also auf die eigene Gesundheit und Lebensqualität zu achten. Am besten lernen Fach- und Führungskräfte das schon in der Ausbildung und werden ihr ganzes Berufsleben lang durch Training und Mentoring unterstützt.

Welche Hebel haben Betriebe?

Ehrlichkeit. Es hilft, den vorhandenen Druck offen zu akzeptieren und dort aktiv zu werden, wo sich die größte Belastung zeigt. Mit pauschalen Angeboten zur betrieblichen Gesundheit ist dem nicht beizukommen. Ich halte es auch faktisch für illusorisch, den Druck abbauen zu wollen, auch wenn das oft notwendig wäre. Vielmehr muss er aktiv gestaltet werden.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Nicht die Intensität des Drucks, aber wie sehr er ignoriert wird. Dafür finde ich diese Aussage typisch: „Mit viel Einsatz und viel Kompromissbereitschaft geht das schon, aber man bewegt sich immer in einer Grauzone.“ Wenn das ein leitender Arzt einräumen muss, finde ich das sehr bedenklich.

Das Interview Führte: Miriam Becker

 

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