Fotomontage Taunusstein, Rathaus in Stoppuhr
Fotos: Fotolia/markleschhorn; Illustrationen: Thinkstock/Scar1984, Marika Kleinhesseling
Führungskultur

Eine Stadt startet durch

Sandro Zehner, seit Oktober 2013 Bürgermeister in Taunusstein, einer Kommune mit 29.000 Einwohnern, hat der Verwaltung einen Kulturwandel verordnet. Zehner stellt die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in den Mittelpunkt.

Es war der Blick in die Altersstruktur der Beschäftigten der Stadt Taunusstein, der Sandro Zehner nachdenklich werden ließ. In den kommenden fünf bis zehn Jahren würde er fast die Hälfte der rund 350 Stellen in der Verwaltung nachbesetzen müssen, erkannte Bürgermeister Zehner. Das war Anfang des Jahres 2014 und für den damals gerade neu gewählten Verwaltungschef ein Aha-Erlebnis: „Mir ist klargeworden, dass wir uns dringend als attraktiver Arbeitgeber positionieren müssen, wenn wir im Wettbewerb mit der Konkurrenz aus der Wirtschaft und der nahegelegenen Landeshauptstadt Wiesbaden bestehen wollen.“ 

Punkten mit gesunden und variablen Arbeitsbedingungen

Beim Gehalt war angesichts der vorgegebenen Tarifstruktur im öffentlichen Dienst nichts zu machen – also will Zehner mit 
einer flexiblen und gesundheitsorientierten Arbeitsumgebung punkten. „Wir wollen so gut wie möglich auf die individuellen Bedürfnisse unserer Beschäftigten eingehen“, sagt er. „Arbeit und Privates sollen nicht in Konkurrenz stehen, sondern sich ergänzen.“ Dazu setzt Zehner zum Beispiel konsequent auf Teilzeitjobs und flexible Arbeitszeiten – und stellt unter anderem sehr gern Mütter und Väter ein, die keine volle Stelle wollen. Er ermöglicht auch grundsätzlich allen Beschäftigten die Arbeit im Homeoffice. Zum Paket gehören aber auch kostenloses Trinkwasser oder die gemeinsame Teilnahme an Firmenläufen.

Kultur der Wertschätzung etablieren

Für Zehner hat all das nicht nur mit Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zu tun. Er will grundsätzlich die Kultur in seinem Haus verändern: „Wir senden hier an die Beschäftigten die Botschaft: Du bist für uns nicht nur für acht Stunden am Tag eine Arbeitskraft, sondern du interessierst uns als Mensch 24 Stunden. Mit allem, was du an Themen hast, und mit den Paketen, die du von der Arbeit mit nach Hause bringst.“ In diesem Jahr befasst er sich gemeinsam mit den Bereichs- und Abteilungsleitern intensiv mit Ursachen und Folgen psychischer Belastungen. „Wir haben dahingehend zwar eine unauffällige Krankenstatistik, aber wir wissen auch, dass es Gefährdungen gibt“, sagt Zehner. Daher hätten alle Führungskräfte hier eine Verantwortung für die Prävention – was bei dem Thema durchaus eine sensible Arbeit sei. „Wir bringen uns deshalb gerade im ersten Schritt in Workshops als Führungskräfte auf einen gemeinsamen Wissensstand. Danach werden wir das Thema in die Organisation tragen“, erklärt der Bürgermeister.

Zehner ist wichtig, dass die Gefährdungsanalyse zu psychischen Belastungen von den Beschäftigten als Teil der Präventionskultur anerkannt wird und ihnen keine Angst macht, gerade auch dort, wo Mitarbeiter womöglich gar keine konkreten Gefahren an ihrem Arbeitsplatz erkennen. „Die beruflichen Anforderungen allein sind ja selten ausschlaggebend. Häufig entstehen die Probleme im Zusammenwirken mit privaten Umständen.“ Hier schließt sich dann der Kreis zur Präventionskultur. Wenn beispielsweise zuhause ein Pflegefall akut wird, ein Thema, mit dem Zehner zuletzt mehrfach in Berührung kam, dann kann eine flexible Arbeitsorganisation auch psychisch eine große Entlastung sein. 

Innovationen aus dem Team aufgreifen

Sich für dieses Denken zu öffnen, das falle in der Tendenz den jüngeren Beschäftigten leichter, berichtet Zehner. Sie sind es auch, die sein neues Führungsverständnis bislang besonders gut aufnehmen. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für uns die Innovationsträger. Sie liefern viele Impulse und Vorschläge für Verbesserungen. Wir Führungskräfte sind dann für die Umsetzung zuständig.“ Auch die Idee mit dem Gratis-Wasser in der Verwaltung kam von einer Mitarbeiterin, Zehner kümmerte sich um die Technik und die Finanzierung. Wenn Ideen so wertschätzend aufgenommen würden, dann werde allen im Haus klar: Gesundheit ist in Taunusstein keine Pflichtübung, sondern allen ein ernsthaftes Anliegen.
 

Autor: Oliver Wittrock

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