Fotomontage, Mann mit Datenbrille sitzt in einer futuristischen Werkshalle
IFA im Porträt

Forschen für den Arbeitsschutz

Die Arbeitswelt befindet sich in stetem Wandel. Moderne Technologien wie kollaborierende Roboter oder Datenbrillen verändern, wie und unter welchen Bedingungen wir arbeiten. Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) in Sankt Augustin untersucht, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf den Menschen haben und wie Arbeitsplätze künftig aussehen sollten.

Die Arbeit des IFA bringt Ina Neitzner, zuständig für wissenschaftliche Kooperationen, auf den Punkt: „Wir beraten, forschen und prüfen zu naturwissenschaftlich-technischen Fragen für mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.“ Rund 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untersuchen in Sankt Augustin bei Bonn die Ursachen von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten und entwickeln praktische Hilfen für mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Die Palette der Forschungsgebiete ist breit: Das Thema Atemschutz spielt ebenso eine Rolle wie die Gefährdungen, die beim Umgang mit Robotern oder durch elektromagnetische Felder entstehen können. Vor allem die zukunftsgerichteten Forschungsfragen gewinnen an Bedeutung. Die übergeordnete Frage lautet: Wie lässt sich Arbeiten 4.0 sicher und gesund gestalten? „Konkrete Beispiele sind Untersuchungen zu Datenbrillen, mobiler IT oder Bewegungsförderung im Büroalltag“, so Neitzner.

Gefahren von morgen heute identifizieren

Technischer Fortschritt ist Chance und Konjunkturmotor. Er kann aber auch Risiken für die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten bergen und damit für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Beispiel Gefahrstoffsektor: Hier verlangen unter anderem Nanotechnologien und immer komplexere Stoffgemische nach spezieller Mess- und Analysetechnik, um mögliche Gesundheitsgefahren frühzeitig zu identifizieren. Das IFA errichtet dafür gerade ein neues Laborgebäude. Damit erweitert das Institut seine Forschungskapazitäten für den Arbeitsschutz der Zukunft und stellt sich noch stärker auf die Anforderungen des technologischen Wandels ein. Etwa 60 Beschäftigte werden sich in dem neuen Laborgebäude schwerpunktmäßig mit Belastungen durch Gefahrstoffe in modernen Arbeitsumgebungen befassen.

Virtuelle Realität

Innovative Technologien sind aber nicht nur Forschungsthema, sondern eröffnen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch neue Wege. Die sogenannte Virtuelle Realität (VR) beispielsweise hilft Fachleuten am IFA, Arbeitssysteme zu simulieren. Hierbei erzeugen Rechnersysteme und Projektoren auf einer Fläche von acht Metern Breite und drei Metern Höhe eine virtuelle, dreidimensionale, dynamische Arbeitsumgebung. Bewegungen in der Umgebung lassen sich von Maschinen und/oder Personen direkt steuern. Perspektive, Blickwinkel und Akustik ändern sich abhängig davon, wo der Mensch steht und wie er sich bewegt. „Eine Person kann sich mithilfe dieser Technik zum Beispiel in einer großen Anlage bewegen oder mit einer Maschine realitätsnah interagieren“, berichtet Neitzner. VR ermöglicht es, eine Risikobeurteilung von Maschinen durchzuführen, die erst noch gebaut werden, oder Arbeitsszenarien nachzustellen, die in der Realität zu gefährlich sind, nur aufwendig realisiert werden können oder noch nicht existieren.

Simulierte Zusammenarbeit

Die Anwendungsmöglichkeiten von VR sind vielfältig. In einem ersten Projekt simulierte das IFA die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter. Hierzu wurde ein Kooperationsarbeitsplatz eingerichtet, mit dessen Hilfe sich die Bedürfnisse des Menschen ableiten lassen – konkret etwa, wie wohl sich eine Person bei einem bestimmten Abstand oder bei schnelleren Bewegungen des Roboters fühlt. „Theoretisch können wir in unserem VR-Labor jede Arbeitssituation simulieren“, erklärt Neitzner. Die Größe eines Arbeitsplatzes oder einer Anlage spielt dabei keine Rolle, wie am folgenden Beispiel deutlich wird: Als die Schleusenanlage Kochendorf als erste von 26 Neckarschleusen auf die fast anderthalbfache Länge vergrößert werden sollte, war eine Risikobeurteilung erforderlich. Das IFA entwickelte ein virtuelles, funktionales und dynamisches Modell, das realitätsnahe Szenarien simulierte und eine virtuelle Vorab-Begutachtung der 140 Meter langen Schleusenkammer durch Arbeitsschutz-Fachleute möglich machte.

Aufgabenbereich Beratung und Normung

Neben Forschung und Gefahrstoffanalysen hat das IFA weitere Aufgaben: Es berät Berufsgenossenschaften und Unfallkassen und deren Versicherte – und es wirkt in den Prozessen der Normung und Regel­setzung zum Arbeitsschutz mit. Auch wenn das Institut grundsätzlich nur von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung beauftragt werden kann, gibt es Ausnahmen: Bei Produktprüfungen – etwa von Fußbodenbelägen oder Maschinen – ist es auch direkt für Hersteller tätig.

Autor: Peter Büttner

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