Führungskraft im Gespräch mit Mitarbeitern
Fotos: Thinkstock/jacoblunt; DGUV
Interview

Führungskräfte sollten gute Vorbilder sein

Die Kampagne kommmitmensch setzt bei den Führungskräften an, um das Arbeitsklima zu verbessern. Von der Kampagne werden in den nächsten Jahren sechs Handlungsfelder thematisiert: Führung, Kommunikation, Beteiligung, Fehlerkultur, Betriebsklima, Sicherheit und Gesundheit. Führungskräfte müssen sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein, erklärt Tabea Scheel, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Europa Universität in Flensburg.

Frau Scheel, warum sollten Führungskräfte Vorbilder für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein?

Nur so lassen sich sinnvolle Normen durchsetzen. Sonst können Führungskräfte Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit und Sicherheit nicht glaubwürdig vermitteln, so dass sich Beschäftigte auch daran halten. Führungskräfte müssen ihre Rollen lernen. Ihnen muss bewusst sein, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz genau anschauen, wie sich ihre Vorgesetzten verhalten, und sie dieses Verhalten dann adaptieren.

Was sollten Führungskräfte vermeiden?

Führungskräfte sollten beispielsweise nicht krank zur Arbeit kommen. Denn dann denken Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter automatisch, dass das auch von ihnen erwartet wird. Und aus dieser Erwartungshaltung entsteht dann Stress. Präsentismus ist in vielen Unternehmen ein Problem. Die Arbeitsproduktivität lässt durch die Leistungseinschränkung nach, so dass die Beschäftigten nicht rechtzeitig mit Aufgaben fertig werden. Diese Art von Stress können Führungskräfte vermeiden, wenn sie als gutes Vorbild vorangehen und bei Krankheit zu Hause bleiben. Oftmals sind Führungskräfte außerdem die Ersten und Letzten im Büro. Auch das ist schlechtes Vorbildverhalten, weil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so das Gefühl bekommen, ebenfalls Überstunden ableisten zu müssen. Sie können dann nicht mehr guten Gewissens pünktlich nach Hause gehen.

Wie sieht die ideale Kommunikation aus?

Führungskräfte müssen lernen, mit ihren Beschäftigten auf Augenhöhe über die Arbeit zu sprechen. Sie müssen es ihnen ermöglichen, auch mal „Nein“ zu sagen, gleichzeitig aber auch dabei helfen, Stresssituationen zu meistern. Jährliche Mitarbeitergespräche sind ein wichtiges Instrument für Feedback von beiden Seiten. Dabei sollten Führungskräfte darauf achten, dass sie keine Kritik am Menschen, sondern an der Arbeit geben, und auch ihre Wertschätzung aussprechen.

„Führungskräfte sollten als Vorbild nicht krank zur Arbeit kommen.“

Mitarbeitergespräche finden in den meisten Unternehmen jährlich statt. Wie können Führungskräfte über das Jahr verteilt schon Probleme erkennen?

Es ist auch im Alltag wichtig, das Gespräch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu suchen. Oft sind die Hintergründe für Stress ganz unterschiedlich. Die einen sind wegen der Arbeitszeiten gestresst. Wenn die Führungskraft das weiß, kann sie gemeinsam mit dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin an einem Teilzeitmodell arbeiten. Andere brauchen eine längere Mittagspause oder können sich nicht gut im Großraumbüro konzentrieren. Auch hier können im gemeinsamen Gespräch Lösungen gefunden werden, wenn der Draht zwischen Führungskräften und Beschäftigten funktioniert.

Viele Unternehmen bieten Ermäßigungen für Fitnessstudios oder Wellnessangebote an. Können sich Führungskräfte so beliebt machen?

Im besten Fall ist das ein Ausdruck von Wertschätzung. Im schlimmsten Fall wirkt es zynisch, wenn beispielsweise das Klima schlecht ist, die Arbeitszeiten wahnsinnig sind und die Entlohnung nicht stimmt. Führungskräfte sollten deshalb zur Stressbekämpfung und Gesundheitsförderung nicht als Erstes Gesundheitsmaßnahmen auskippen. Vor allem, weil das Beschäftigten auch spiegelt, dass sie möglichst gesund und fit für das Unternehmen sein sollen. Da sollten Führungskräfte vorsichtig sein, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht das Gefühl bekommen, eine Nackenmassage soll Probleme im Unternehmen ausgleichen. Die bekämpft höchstens die Symptome. Nicht den Kern des Problems.

Welche Gefahren sehen Sie, wenn Führungskräfte ihrer Vorbildfunktion nicht nachkommen?

Für das Unternehmen bedeutet das meistens kurz- und langfristige Ausfälle von Beschäftigten. Stress und Unaufmerksamkeit können leicht zu Arbeitsunfällen führen und auch psychische Erkrankungen kommen immer häufiger vor. Durch hochgradige Stresskomplexe fallen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft sehr lange aus. Wenn Personal ausfällt, stresst das wiederum alle anderen, weil so schnell oft kein Ersatz gefunden wird. Dazu kommen Kündigungen, was sich nochmal schlechter auf das Arbeitsklima auswirkt.

Autorin: Annika Fröhlich

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