Homeoffice
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Homeoffice

Huch! Alle weg?

Vier von zehn Unternehmen in Deutschland setzen derzeit auf Homeoffice. Wieder andere Betriebe holen ihre Beschäftigten zurück ins Firmenbüro. Erfahrungswert für Führungskräfte: Homeoffice braucht klare Regeln und einen kontinuierlichen, direkten Austausch mit den Beschäftigten.

Wir testen neue Arbeitsmethoden, die Kosten für Büroflächen sparen und eine bessere Balance zwischen Job und Privatleben durch agiles Arbeiten ermöglichen“, erklärt Andreas Weiß, Bereichsleiter Controlling der BKK VBU Berlin. Ein Teil seines Teams erprobt derzeit das Arbeiten an unterschiedlichen Orten. Damit zählt die Betriebskrankenkasse zu den Trendsettern in einer sich wandelnden Arbeitswelt. Das digitale, globale und flexible Arbeiten 4.0 verabschiedet sich von der Präsenzkultur. Vorbei die Zeiten, als alle von „nine to five“ gemeinsam ihre Arbeitszeit verbrachten. Heute kommt der eine früher, die andere später und jemand Drittes arbeitet den ganzen Tag lang von zu Hause aus – inklusive Teilnahme am Meeting per Skype. Vielen gilt Homeoffice als Allzweckwaffe, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. Oder sich wenigstens einmal pro Woche das Pendeln zu ersparen. Oder einfach, um noch mehr zu arbeiten.

Souveränität versus Kreativität im Team

Selbstbestimmt zwischen Arbeits- und Privatleben hin und her switchen – das klingt verlockend. Aber ist es das auch? Sowohl die Erfahrung der Betriebe als auch aktuelle Studien legen nahe: Homeoffice als Pauschallösung funktioniert nicht. Es zeigt sich aber, welche Stellschrauben es gibt. Zunächst brauchen Führungskräfte eine klare Regelung der Unternehmensleitung. Denn wo Homeoffice als Privileg eingesetzt wird, gerät es schnell zum Zankapfel. Auch Compliance-Regeln und Gesetze können dagegen sprechen, Aufgaben in Privaträumen und per Internetverbindung erledigen zu lassen. Als weiteren Hinderungsgrund gaben Unternehmen in einer Umfrage von Bitkom Research die technische Ausstattung und den Arbeitsschutz an (siehe Kasten). Zudem geben Erfahrungen von Pionieren wie IBM zu denken: Bereits seit 1980 hatte das IT-Unternehmen Beschäftigten ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten. Doch schließlich holte Marketingchefin Michelle Peluso 2.600 Beschäftigte zurück in die Firmenbüros. Die Begründung: Nur Schulter an Schulter könnten echte Kreativität und Inspiration entstehen.

Ohne Vertrauen geht es nicht

Doch bei Beschäftigten steht Arbeiten im Homeoffice hoch im Kurs, weshalb das Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) es anbietet. Theoretisch können alle Beschäftigten – ob Voll- oder Teilzeitkraft – in begrenztem Umfang von zu Hause arbeiten. „Wir diskutieren für jeden einzelnen Fall, ob sich die Tätigkeit und die individuellen Voraussetzungen für Homeoffice eignen“, erklärt Abteilungsleiter Dirk Lauterbach. „Wer das aus meinem Team in Anspruch nehmen möchte, kommt auf mich zu und wir besprechen, welche Aufgabe in welchem Zeitfenster erledigt werden soll.“ Überzeugt der Plan und sorgt dieser für keine zusätzliche Belastung im Team, lautet die Botschaft: „Wir trauen dir das zu, weil wir dir vertrauen.“ 

Selbst auf den Gesundheitsschutz achten

Wer von zu Hause arbeiten möchte, braucht Gesundheitskompetenz. Ergonomisches Arbeiten und das Einhalten der gesetzlichen Ruhe- und Pausenzeiten gehören dazu. Ob Beschäftigte zur „interessierten Selbstgefährdung“ neigen, also auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit und der sozialen Kontakte gern noch eine Schippe drauflegen, hinge auch davon ab, was Führungskräfte vorleben: „Wer selbst rund um die Uhr Nachrichten und Arbeitsaufträge sendet, veranlasst Beschäftigte eventuell zu einem ähnlichen Verhalten“, so Lauterbach. 

Entgrenzte Erreichbarkeit ist die Kehrseite der Medaille Homeoffice. Wer einmal angefangen hat, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, kann sich meist schlechter abgrenzen. Und wer auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar ist, kann sich signifikant schlechter erholen oder gedanklich von der Arbeit lösen. Professor Dr. Frauke Jahn von der Abteilung Forschung und Beratung am IAG zieht dazu folgenden Schluss: „Für den Umgang mit arbeitsbedingter Erreichbarkeit gibt es nicht die eine für alle gültige Antwort. Es sind individuelle, gemeinsam entwickelte Konzepte einer digitalen Kultur notwendig, damit insgesamt die Vorteile überwiegen.“ 

Karriereknick durch Abwesenheit?

Insbesondere wo Arbeitskräfte ohnehin überlastet sind, wird im Homeoffice häufig erledigt, was nicht mehr in den vollen Arbeitstag gepasst hat. Die Frage, ob ein Karriereknick droht, wenn Beschäftigte durch Homeoffice aus dem Blickfeld geraten, ist zumindest für Frauen zu bejahen. „Wenn Beschäftigte Zeiten für Kinderbetreuung oder Pflege nutzen, werden sie in ihrem Arbeitsumfeld oft stigmatisiert und können Karrierenachteile erfahren“, heißt es in einem aktuellen Report des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung. „Diesen Aspekt greift die Gesamtbetriebsvereinbarung zur Einrichtung alternierender Arbeitsplätze bei der DGUV ganz bewusst auf. Sie betont, dass dies nicht zur Benachteiligung der Beschäftigten und der Beeinträchtigung ihres beruflichen Fortkommens führen darf“, so Lauterbach.  

Ergebnisse prüfen und bei Bedarf nachjustieren

Homeoffice zu nutzen ist beim IAG kein Status, der – einmal erzielt – für alle Zeiten gilt. „Es funktioniert nur, wenn Führungskräfte die Wirkung auf die Qualität der Arbeit, auf das Team und auf Beschäftigte im Homeoffice im Auge behalten“, so Lauterbach. Man dürfe korrigieren, wenn es nicht klappt, und könne beispielsweise durch Schulungen unterstützen. 
Für die gezielte Förderung der einzelnen Beschäftigten plädiert auch Kai Küpper, der das Firmenkundengeschäft der Commerzbank Krefeld/Duisburg verantwortet und als Coach der Wasserballmannschaft SV Uerdingen sehr erfolgreich war. „Es ist wichtig, mich mit der einzelnen Persönlichkeit zu beschäftigen. Welche Stärken hat jemand und wie können sie im Team zum Tragen kommen? Sowohl im Sport als auch im Beruf gibt es Menschen, die wollen vorneweg gehen, andere wollen mitgenommen werden“, so Küpper.
Mobiles Arbeiten respektive das Führen verteilter Teams erfordere ein stärkeres Eingehen auf die einzelne Person: „Ich muss einschätzen, ob jemand vom Homeoffice profitiert, etwa um Wegezeiten zu sparen. Oder ob eine räumliche Trennung von Arbeit und Wohnen besser ist. Darüber gilt es im Dialog zu bleiben“, bekräftigt Küpper. Auf jeden Fall müsse der Mehrwert für Beschäftigte und Betrieb erkennbar sein.

Autorin: Miriam Becker

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