Kommunikation kommmitmensch
©Michael Hüter
Kommunikation

Ins Gespräch kommen

Eine sichere, gesunde und produktive Arbeitsumgebung braucht eine gute Gesprächskultur. Wenn die Kommunikation im Betrieb stockt, das Betriebsklima und die Arbeitsergebnisse leiden, helfen die kommmitmensch-Dialoge, Lösungen zu finden.

Der Wurm ist drin – im Betrieb läuft es irgendwie nicht rund. Es passieren kleine Unfälle, der Krankenstand ist hoch oder die Produktivität sinkt. Oftmals ist das in der Kultur des Unternehmens begründet. Wenn Sicherheit und Gesundheit eine eher geringe Rolle spielen und bei wichtigen Entscheidungen und Investitionen nicht bedacht werden, steigt das Risiko für Unfälle und Erkrankungen. 


Die Betriebskultur lässt sich am besten durch offene Gespräche erfassen und verändern. Die kommmitmensch-Dialoge, ein neues Instrument der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, sind dafür ein Türöffner. Mit ihrer Hilfe können Führungskräfte und ihre Teams auf sehr anschauliche Weise Schwachstellen aufspüren und das Verständnis für Sicherheit und Gesundheit im Betrieb schärfen. „Es geht darum, dass alle Beteiligten eine Präventionskultur entwickeln und anhand ganz konkreter Beispiele Lösungen schaffen, die langfristig Bestand haben“, sagt Dr. Marlen Cosmar, Diplom-Psychologin am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). 

Nicht übereinander, miteinander reden

Dr. Ulrich Schenk und sein Team von der evers Arbeitsschutz GmbH gehörten zu den Ersten, die im Rahmen eines Pilotprojekts die kommmitmensch-Dialoge ausprobiert haben. „Wir erleben in unserem Arbeitsalltag als Berater von Unternehmen immer wieder, dass Probleme oft aufgrund mangelnder Kommunikation entstehen und ungelöst bleiben“, sagt Dr. Schenk. Häufig werde mehr übereinander als miteinander geredet. Diese Erkenntnis veranlasste das evers-Team, einmal zu testen, wie es sich mit den Dialogen arbeiten lässt. Gesagt, getan.

Eine Box, sechs Handlungsfelder

Zwei Tage vor der Diskussionsrunde traf die kommmitmensch-Dialogbox bei evers ein. Gemeinsam wählten Geschäftsführung und Beschäftigte das Handlungsfeld Fehlerkultur aus – es gibt fünf weitere:

  • Führung
  • Kommunikation
  • Beteiligung
  • Betriebsklima
  • Sicherheit und Gesundheit

An der Diskussion nahmen Dr. Schenk selbst, sechs Fachkräfte für Arbeitssicherheit und der Abteilungsleiter Arbeitssicherheit teil, der als Moderator bestimmt wurde. Damit waren die drei Hierarchieebenen des Betriebs vertreten. „Unser Abteilungsleiter hat erst einen Tag vor dem Treffen diekommmitmensch-Dialoge bekommen und war etwas aufgeregt, ob er das alles hinbekommt. Doch die Dialoge sind übersichtlich gestaltet und selbsterklärend“, berichtet Dr. Schenk.

Von der Bestandsaufnahme schnell zum Ergebnis

Grundlage für die kommmitmensch-Dialoge ist das 5-Stufenmodell (siehe Infokasten). Mit Hilfe des Modells und der Dialogkarten lässt sich leichter einschätzen, wo ein Team oder ein Unternehmen als Ganzes bei einem Handlungsfeld aktuell steht und wohin es sich entwickeln kann. „Die Dialoge ermöglichen eine gemeinsame und offene Kommunikationsebene. Auch Gefühle kommen rechtzeitig zur Sprache. Denn oft heißt es nach einem Unfall oder Vorfall: Irgendwie habe ich geahnt, dass da etwas passiert“, so Dr. Schenk.

Wer jetzt denkt: „Das dauert bestimmt alles ewig, so viel Zeit kann ich mir dafür nicht nehmen“, irrt. So hatte die evers-Runde bereits nach anderthalb Stunden greifbare Ergebnisse. Dank der Disziplin des Moderators, der sich klar an die Vorgaben und den Zeitrahmen der kommmitmensch-Dialoge hielt, wenn es auf den Karten etwa hieß: „Für diese Diskussion haben Sie 20 Minuten Zeit.“ Ein Wecker half dabei, nicht abzuschweifen.

Gemeinsam Lösungen finden und handeln

Das Team kam am Ende zu dem Schluss, dass einige Themen auf den zwei untersten Stufen „Gleichgültig“ oder „Reagierend“ einzuordnen sind: So werden zum Beispiel kleine Verletzungen, wie ein eingeklemmter Finger, den Vorgesetzten mitunter nicht gemeldet. Erkenntnis aus der Diskussion: Auch aus so einem kleinen Vorfall könne der Betrieb für die Zukunft lernen und die Gefahrenstellen „proaktiv“ vermeiden. Konkrete Maßnahme: Die Verfahrensanweisungen wurden angepasst und das Verbandbuch liegt bei evers nun in der Aufenthaltslounge neben dem Verbandskasten aus. Dr. Cosmar ergänzt dazu: „Gerade die gezielte Aufarbeitung von Bagatell- und auch Beinahe-Unfällen kann dabei helfen, schlimmere Unfälle zu verhindern.“ Eine Kultur, in der solche Vorfälle offen und lösungsorientiert diskutiert werden, fördert die Sicherheit und die Gesundheit.

Bei Themen rund um psychische Belastungen konntedas evers-Team sich häufig in die vierte Stufe „Proaktiv“ oder in die höchste Stufe „Wertschöpfend“ einordnen.So werden etwa Außendienstmitarbeiterinnen und -mitarbeiter regelmäßig auch zum persönlichen Verhältnis zu den von ihnen betreuten Kundinnen und Kunden befragt. Sobald Probleme deutlich werden, wird umgehend gemeinsam daran gearbeitet, eine gute Lösung zu finden. Im Notfall übernimmt auch mal jemand anders den konkreten Auftrag.

Geschützte Gespräche ohne Chef oder Chefin 

Es gibt aber auch Situationen, in denen es hilfreich sein kann, die Führungskräfte zunächst aus den Diskussionsrunden herauszuhalten – so die Meinung von Dr. Cosmar: „Geht es um den Führungsstil der Vorgesetzten, gibt es wahrscheinlich nur ehrliche Aussagen der Angestellten, wenn sie frei und offen reden können.“ Die Chefin oder der Chef bekomme die Ergebnisse dann im Anschluss mitgeteilt.

Dr. Schenk bestätigt das: „Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wäre vermutlich anders miteinander gesprochen worden. Das ist ja auch in Ordnung undmenschlich.“ Es komme aber auch auf den Moderator oder die Moderatorin an. Redezeiten müssten gerecht verteilt und Gespräche ohne Vorgesetzte bei Bedarf ermöglicht werden.

Im Dialog bleiben fördert Veränderung

Veränderungen brauchen Zeit, bevor sie zur Gewohnheit werden – das ist die Schlussfolgerung nach den kommmitmensch-Dialogen. Ergebnisse des Dialogs müssen nachgehalten werden. Ergebnisse und Veränderungen regelmäßig zu prüfen, empfiehlt auch Dr. Cosmar. Dafür müsse es im Betrieb eine verantwortliche Person geben, die sich gegebenenfalls auch gegen Widerstände durchsetzen kann. Bei der evers Arbeitsschutz GmbH sind Führungskräfte und Beschäftigte aufgefordert, sich gegenseitig immer wieder auf Vereinbarungen aufmerksam zu machen und im Dialog zu bleiben. Wie wichtig Kommunikation ist und wie viel ihr Betrieb damit verändern und verbessern kann, ist die gemeinsame Erkenntnis des evers-Teams.

Autorin: Katharina Münster

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