Arbeiten 4.0

Ein hoher Verlust an Lebensqualität

Nathan Zeldes hat sich als internationaler Experte für den „Information Overload“ einen Namen gemacht. Für ihn liegt die Ursache der unproduktiven Informationsflut in der heutigen Unternehmens- und Arbeitskultur.

Herr Zeldes, wenn Sie die vergangenen zehn  Forschungsjahre zur Informationsüberlastung  betrachten, haben Sie dann den Eindruck, dass man das Problem im Griff hat?

Nathan Zeldes: Nicht im Geringsten. Wenn ich an die Firmen denke, die darunter leiden, sehe ich deutlich, dass das Problem hochaktuell ist und dass die Informationsflut nach wie vor einen hohen Preis an Produktivität und auch an Lebensqualität von jedem Einzelnen fordert.

Was sind Ihrer Ansicht nach die typischen Ursachen, weshalb Beschäftigte von Informationsüberlastung betroffen sind?

Die Belegschaft ist nicht nur damit konfrontiert. Sie ist auch Hauptverursacher des Problems und wird dahin getrieben: Der Grund für immer mehr Informationen liegt irgendwo in undurchsichtigen Schichten der Unternehmenskultur, in denen Misstrauen, ein Überwettbewerb, zu viel „Rette-deinen-Hintern“-Mentalität und so weiter grassieren. Menschen sind einfach so. Oft geht es auch darum, dass sich niemand traut, den ersten Schritt zu tun und den Mailverkehr zu reduzieren. 

Mittlerweile gibt es neben den E-Mail-Programmen viele Messenger-Dienste. Die könnten doch eine Art Heilmittel sein. 

Die Verbreitung neuer Werkzeuge alternativ zur E-Mail könnte durchaus zur Entlastung und zu mehr Produktivität beitragen. Allerdings nur, wenn Menschen diese Werkzeuge optimal einsetzen. Jedoch bin ich nicht so optimistisch, dass das klappt, wenn ich mir ansehe, wie wir im Umgang mit E-Mails versagt haben. Es fehlen austa rier te Verhaltensnormen in der Kommunikation über E-Mail, andere Medien und Meetings. Die Kommunikationswerkzeuge entwickeln sich viel schneller als der entsprechende Umgang mit ihnen. Hier wäre ein Redesign der Unternehmenskultur dringend nötig.

Können Collaboration-Plattformen dazu beitragen?

Sehr wahrscheinlich können sie das, aber es kommt eben darauf an, wie man sie nutzt. 

Denken Sie, dass es in der Zukunft möglicherweise völlig neue Jobs geben könnte, die sich explizit auf das Management des Informationsflusses fokussieren?

Kürzlich hielt ich einen Vortrag vor Beschäftigten einer Bibliothek und wies darauf hin, dass eine ihrer Rollen in den kommenden Jahren darin bestehen wird, Studentinnen und Studenten zu vermitteln, wie man sich am besten durch die Informationsflut navigiert. Sie müssen sie dabei unterstützen, die wichtigen Aspekte in der Fülle von Informationen ausfindig zu machen. Diese Fertigkeiten zu haben und sie zu vermitteln, wird immer wichtiger.

Gibt es eine Universallösung, mit der man sich der hohen Informationsflut entledigen könnte?

Das Problem ist zu komplex für eine allumfassende Einzellösung. Dennoch empfehle ich Unternehmen, sich dieses Problems aus einer erweiterten, kulturellen und Verhaltensperspektive anzunehmen, um so die dort zu findenden grundsätzlichen Ursachen zu adressieren.

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