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Präventionsbilanz

Klug gerechnet

Investitionen in Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zahlen sich aus: menschlich und ökonomisch.

Die Unterschrift der Mitarbeitenden unter den Arbeitsschutzregeln ist die eine, Nachgespräche von Unfällen die andere Klammer des Arbeitsschutzmanagementsystems (AMS)bei der Huth Metallbau GmbH in Bremerhaven. „Damit sich das Sicherheitsbewusstsein im Verhalten festsetzt, also damit die Schutzbrille beim Schleifen immer getragen wird und die Handschuhe beim Bohren nie getragen werden, ist das Thema ein ständiges Betätigungsfeld“, betont Geschäftsführer Felix Huth. Sein Credo: „Wenn man kleine Sachen abstellt, haben größere weniger Chancen.“ Huth weiß, dass Arbeitsunfälle oder arbeitsbedingte Erkrankungen meist auf einer Verkettung ungünstiger Umstände beruhen. „Aber“, so der Unternehmer, „die systematische Auswertung hilft uns, damit jeder Unfall möglichst nur einmal vorkommt und Berufskrankheiten vermieden werden.“

Die Folgekosten von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren sind hoch: In der EU verursachen arbeitsbedingte Verletzungen und Erkrankungen jährlich Kosten von 476 Milliarden Euro. Allein die Kosten für arbeitsbedingte Krebserkrankungen belaufen sich nach einem Bericht der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz auf 119,5 Milliarden Euro. Ganz so detailliert liegen die Zahlen für Deutschland nicht vor. Ermittelt wird das Arbeitsunfähigkeitsvolumen anhand von Krankmeldungen insgesamt. Ausgehend von diesen Zahlen schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin den volkswirtschaftlichen Produktionsausfall  2016 auf insgesamt 75 Milliarden Euro und den Ausfall an Bruttowertschöpfung auf 133 Milliarden Euro. Nach Angaben der DGUV beträgt der Produktionsausfall durch arbeitsbedingte Arbeitsunfähigkeit ca. 43 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Kosten lassen sich durch Prävention deutlich senken.

Positive Präventionsbilanz

Mehrere betriebswirtschaftliche Untersuchungen zur Prävention stimmen optimistisch. Der im DGUV Report 2013 veröffentlichte Bericht „Return on Prevention“ zieht die Präventionsbilanz aus Kosten und Nutzen bei 337 Unternehmen in 19 Ländern. Abgefragt wurden die Kosten etwa für Schutzausrüstungen, Vorsorgeuntersuchungen, Schulungen. Beim Nutzen spielen messbare Aspekte wie vermiedene Betriebsstörungen ebenso eine Rolle wie der kalkulierte Wertzuwachs durch gestiegene Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter oder durch nachhaltige Qualitätsorientierung und eine verbesserte Produktqualität. Das Ergebnis: Der Präventionsnutzen übersteigt mit 2.645 Euro deutlich die Gesamtkosten von 1.200 Euro. Für den betrieblichen Präventionsnutzen bedeutet dies: Wer einen Euro ausgibt, hat ein ökonomisches Erfolgspotential von 2,20 Euro. „Arbeitsschutz wird oft zu gering gewichtet“, schließt Forschungsleiter Dietmar Bräunig, Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen, aus den Studienergebnissen. „Denn zu den unmittelbaren Wirkungen kommen mittelbare.“ 

Mitarbeiterzufriedenheit und Produktivität steigen

Die bedeutsamsten Nutzenarten des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes liegen im Wertzuwachs durch höheres Image, im Wertzuwachs durch gestiegene Motivation und Zufriedenheit der Beschäftigten sowie in Kosteneinsparungen durch vermiedene Betriebsstörungen.
Die Befragten bewerten Mitarbeiterzufriedenheit mit 25 Prozent und höheres Image mit 22 Prozent im Nutzen sogar noch vor der Vermeidung von Betriebsstörungen mit 20 Prozent. Fazit: Prävention rechnet sich. 

Systematischer Arbeitsschutz steigert den Erfolg

Zwar ist es nicht möglich, durch Prävention gesteigerte Gewinne in einer einzelnen Firma auf den Cent genau zu beziffern. Doch die potenzielle Einsparung ist in Unternehmen unumstritten. Im Projekt der Verwaltungsberufsgenossenschaft „Return on Prevention 2.0: Kosten und Nutzen von AMS“ von 2014 wurden 250 Unternehmen befragt. Einigkeit besteht in diesem Punkt: Arbeitsschutz auf insgesamt hohem Niveau wird mit AMS noch konsequenter umgesetzt. Arbeitsschutzziele und wirtschaftliche Einzelziele werden mit AMS besser erreicht. Michael Spreen, Geschäftsführer des Zeitarbeitsunternehmens Erste Reserve in Karlsruhe, bestätigt die positiven Effekte von AMS speziell für den Arbeitsschutz. Er nutzt das System unter anderem dazu, neue und bereits seit längerem Beschäftigte kontinuierlich zu sensibilisieren, vor allem visuell. „Unser Fotokatalog zeigt die Ecken an den Werksarbeitsplätzen, an denen man besonders aufpassen muss“, so Spreen. „Ein Handschuh und damit auch der Finger, den eine Bohrmaschine zerfetzt hat, wirkt nachhaltig.“ Aufmerksamkeit wird so zur gesunden Basis für den Arbeitsschutz. Dank AMS steigt auch bei weniger drastischem Vorgehen die Akzeptanz der Maßnahmen zur Prävention bei Führungskräften und Beschäftigten, die Unternehmensorganisation wird so positiv beeinflusst.

Autorin: Ruth Lemmer

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