©Markus Breig
Interview

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Motivation für Prävention – Professor Dr. Rüdiger Trimpop, Inhaber des Lehrstuhls für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, im Interview mit Natascha Plankermann von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.

Die meisten Unfälle am Arbeitsplatz passieren, weil sich jemand falsch verhält – ist das richtig?

Es stimmt, dass 80 Prozent der Arbeitsunfälle als verhaltensbedingt eingestuft und nur rund zwei bis fünf Prozent durch die Technik verursacht werden. Schaut man jedoch genau hin, dann spielt die organisatorische Komponente dabei auch eine große Rolle. So gerät etwa jemand mit der Hand in eine Presse, weil er unter Zeitdruck gesetzt wird. Oder eine Lichtschranke wird umgangen, weil sich auf diese Weise die Arbeit am schnellsten erledigen lässt. 

Steckt dahinter nicht auch menschliches Fehlverhalten? 

Ja. Aber bei 99 Prozent der rein verhaltensbedingten Unfälle finden wir auch Organisationsfehler von Führungskräften oder Fehlplanungen von Mitarbeitern. Das heißt, es geht nicht nur darum, das Verhalten desjenigen zu verändern, der den letzten Fehler in der Kette begeht. So wäre es zum Beispiel wichtig, nicht nur ein günstiges, sondern auch ein sicheres Gerät zu kaufen, wenn ein neuer Arbeitsplatz eingerichtet wird. Das bedeutet schon im Einkauf eine Änderung des Denkens und Verhaltens. 

Wie können Sicherheit und Gesundheit auch im betrieblichen Alltag einen anderen Stellenwert bekommen?

Wichtig wäre es, dazu Fragen bei Einstellungsgesprächen zu stellen sowie Jahresgespräche zum Arbeitsschutz einzuführen. 

Müssen dazu Anreize gegeben werden?

Ich halte es für weltfremd, von Menschen zu verlangen, alle Gefahren zu vermeiden. Stattdessen sollte man ihnen beibringen, wie sie ihre Kompetenzen nutzen können, um Gefahren richtig einzuschätzen. 

Geben Sie bitte ein Beispiel hierfür. 

Ich sage den Sicherheitsfachkräften immer, sie sollten den Nutzen eines Fehlverhaltens erfassen. Sie haben gewonnen, wenn sie es schaffen, die Menschen von einem anderen Verhalten zu überzeugen, bei dem die Idee, oder der Nutzen, die hinter dem falschen Verhalten stecken (etwa Zeitersparnis), erhalten bleiben. Ein bestimmtes Verhalten einfach zu verbieten, klappt in den seltensten Fällen. 

Aber es gibt doch Gesetze ... 

Richtig. Unternehmer sind allerdings in der Regel nicht daran interessiert, alle Gesetze einzuhalten – deshalb ist Regel-
treue nur für wenige ein passender Köder. Man möchte indes nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Deshalb ist es wichtig, bei bestimmten Maßnahmen eine Kosten- und Nutzenabwägung oder vielmehr eine Abwägung von Chancen und Gefahren zu machen. 

Muss zum Beispiel ein Gerüst aufgebaut werden, um auf einer Baustelle etwas in großer Höhe zu reparieren, so besagt die Regel: Die Baustelle soll stillgelegt werden, bis das Gerüst steht. Was macht aber ein Mensch, der Kosten und Nutzen optimiert? Er wählt eine andere Absturzsicherung und so kann jemand hochklettern, um die Reparatur zu erledigen. Auf diese Weise wird eine realistische und sichere Ersatzleistung gefunden, um auf anderen Wegen das Ziel zu erreichen. 

Was die Mitarbeiter betrifft, so werden diese andere Wege gehen, wenn sie bequem sind. Das geschieht jedoch nicht, wenn man sie verhaltensorientiert zwingt, einen umständlicheren Weg zu 
gehen. Es geht darum, Menschen klug zu machen, damit sie eine vernünftige Entscheidung treffen. 

Klappt das in jedem Fall?

Ein besonderer Fall ist das Chemieunternehmen Dupont: Dort wird streng kontrolliert, ob Mitarbeiter die Regeln einhalten. Sie erhalten eine Abmahnung oder gleich die Kündigung, wenn dies nicht geschieht. Allerdings wissen die Menschen auch, dass sie sicher und gesund bei der Arbeit bleiben, und bekommen dazu die passende Ausrüstung. Dennoch steht bei Dupont wie auch bei vielen amerikanischen Firmen ein entgegengesetzter Weg dahinter wie derjenige, den ich favorisiere: Dort erhalten die Mitarbeiter keine Handlungs-  und Entscheidungsfreiheit, es gibt einheitliche Standards, an die sie sich halten müssen. In der deutschen Großindustrie wird diese Art der Vorgaben häufig übernommen, mit fatalen Folgen: Der Stress steigt, die Motivation sinkt. 
Eine Vereinheitlichung der Kontrolle führt häufig zu psychischen Belastungen und nachlässigem Umgang mit Geräten – dadurch entstehen Unfälle. 

Sie sehen den Kontrollansatz also kritisch?

Ja, denn wenn jeder Schritt genau vorgegeben und dokumentiert wird, reduziert dies die Eigenverantwortung sowie die Motivation und erzeugt im Gegenzug sogar erhöhten Stress. Das zeigen viele Untersuchungen und arbeitspsychologische Modelle. 

Die Bedeutung der Eigenverantwortung gilt natürlich ebenso im Arbeits- und Gesundheitsschutz und erst recht in der Verkehrssicherheit. Denn da sitzt niemand daneben, sondern wir selbst bestimmen über unsere Sicherheit und Gesundheit. Förderliche Rahmenbedingungen und risikokompetente Mitarbeiter sorgen auch dann für Unfallprävention, wenn niemand sie überwacht oder eine unerwartete Gefahr auftritt. Alle gewinnen!
 

Autorin: Natascha Plankermann

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