Die Illustration zeigt Büroangestellte, die auf Uhren laufen.
Illustration (oben): © Getty Images / sorbetto; Illustration (unten): © Thinkstock/Meilun
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Manche mögen's flexibel

Arbeiten, wann man will – für die einen ist dieses Szenario der Arbeitswelt ein Traum, für die anderen ein Albtraum. Klar ist, dass die Arbeitszeit immer freier gestaltet werden kann. Chancen und Risiken für Führungskräfte sowie Beschäftigte.

Sie wollen weniger ihrer Zeit „verkaufen“, sondern sich stärker der Familie oder einem Hobby widmen. „Zeit ist das neue Geld“, sagen sie. Andere wollen oder können nicht auf Einkommen verzichten und arbeiten lieber mehr. Auf welcher Seite jemand steht, kann sich ändern, weil sich die Lebenssituation verändert. 

Die Arbeitszeit ist und bleibt ein Diskussionspunkt. Nicht nur wirtschaftlich, auch ergonomisch soll sie sein – also an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet. Dazu steuert auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) Fakten bei. Prof. Dr. Martin Schütte vom Fachbereich Arbeit und Gesundheit verweist auf Studien, die den Zusammenhang herstellen zwischen zunehmender Dauer der Arbeitszeit und Beeinträchtigungen des Schlafs, des Herz-Kreislauf-Systems oder der Psyche. „Vor allem wenn potenziell gefährdende Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten zusammenkommen, kann die Gesundheit leiden.“

Mehr Handlungsspielräume denn je

Heute haben Unternehmen und öffentliche Einrichtungen mehr Möglichkeiten denn je, Arbeitszeit zu gestalten. Mit Teil- oder Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit oder Sabbaticals wird immer mehr auf individuelle Wünsche eingegangen. Angesichts faktischer Vollbeschäftigung trauen sich Erwerbstätige, ihre Work-Life-Balance in Richtung „Life“ zu drehen. Dies hat Margret Suckale, bis 2017 Personalvorstand der BASF, Arbeitsdirektorin und Standortleiterin in Ludwigshafen, beobachtet: „Ob Kinderbetreuungsangebote, ortsunabhängiges Arbeiten oder flexible Arbeitszeitmodelle – Unternehmen wie BASF gelingt es immer besser, jungen Menschen die Flexibilität zu ermöglichen, die sie brauchen.“ Das Chemieunternehmen setzt Arbeitszeit gezielt ein, um Fachkräfte zu rekrutieren und zu halten. 

Tatsächlich lassen sich Beruf und Familie besser durch flexible Arbeitszeiten als durch Teilzeit unter einen Hut bringen. Dies ermittelte der „iga. Report 36“ der Initiative Gesundheit und Arbeit bei einer Erwerbstätigenbefragung. Mehr als die Hälfte gab an, über Zeiten verhandeln zu können. „Flexible Arbeitszeiten scheinen einen großen Beitrag zur gesundheitsfördernden Arbeitsgestaltung zu leisten. Beschäftigte mit Gleitzeitregelungen, Vertrauensarbeitszeit oder Homeoffice berichten häufiger von Spaß an der Arbeit und haben häufiger das Gefühl, ihr Unternehmen setze sich für ihre Gesundheit ein“, heißt es. 
Viele Beschäftigte nutzen Gestaltungsspielräume jedoch, um bei Arbeitszeit und Gehalt eine Schippe draufzulegen. Diese Erfahrung macht unter anderem Aesculap. Das mittelständische Unternehmen bietet eine Wahlarbeitszeit zwischen 30 und 40 Stunden an. Nur eine Minderheit hat reduziert, 85 Prozent hat die volle Arbeitszeit gewählt. Dank der Flexibilisierung können Menschen wirtschaftlichen Erfolg und selbstbestimmtes Leben zusammenbringen. Doch Arbeitsdirektorin Margret Suckale weist auch auf die Eigenverantwortung der Beschäftigten hin. „Wichtig ist, sich regelmäßig Ruhepausen zu gönnen und in der Freizeit abzuschalten. Bei BASF haben wir unter anderem mit einer E-Mail-Etikette das Bewusstsein dafür geschärft, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter selbst eine wichtige Rolle innehat. Das abendliche Zwangsabschalten von Servern ist jedenfalls für ein globales Unternehmen nicht der richtige Weg.“  

Grenzen verschwimmen

Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Tatsächlich tragen beide Seiten Verantwortung dafür die neue Freiheit zu managen: Unternehmen und Beschäftigte. So kann jeder Betrieb, jede öffentliche Einrichtung Regeln zur internen Erreichbarkeit vereinbaren – passend zur Kultur, Branche und zu einzelnen Tätigkeiten. Für Ausnahmen sollte es einen Krisenplan geben. Die Regeln in Leitlinien oder eine Betriebsvereinbarung zu integrieren, schafft Verbindlichkeit. 

Jeder und jede Einzelne muss jedoch auch auf sich selbst achten – und insbesondere als Führungskraft Vorbild sein. Ansonsten fühlen sich Beschäftigte genötigt, auch nach Feierabend zeitnah auf Mails zu reagieren. Ob Erreichbarkeit als belastend empfunden wird, hängt davon ab, ob sie für die Beschäftigten planbar ist. Übrigens: Je zufriedener jemand im Job ist, desto höher ist die Bereitschaft, immer erreichbar zu sein.

Verlust schützender Regeln

Das Thema Erreichbarkeit treibt Professor Dr. Dirk Windemuth weniger um als der Verlust geregelter Arbeitszeiten. Denn der maximalen Arbeitsdauer liegen arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde. Der Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG) bringt es so auf den Punkt: „Wer mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, lebt gefährlich. Vor allem die für Leistung und Konzentration so wichtige Erholungsfähigkeit im Schlaf leidet, wenn Arbeits- und Ruhezeiten nicht eingehalten werden.“

„Wer mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, lebt gefährlich.“

Der unter anderem in der EU-Arbeitszeitrichtlinie und dem Arbeitszeitgesetz festgesetzte Rahmen orientiert sich an physischen und psychischen Belastungsgrenzen. Also: nur ausnahmsweise mehr als acht Stunden am Tag und regelmäßig nicht mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten. Eine 30-minütige Pause in den Arbeitstag einplanen und am besten ein paar Fünf-Minuten-Auszeiten. Die Phase zwischen Arbeitsende und -beginn soll laut Gesetz elf Stunden betragen. 
  
Tatsächlich nutzen viele Beschäftigte die neue Flexibilität dazu, mehr zu arbeiten: „Bei flexiblen Arbeitszeiten besteht die Gefahr, rasch abends noch beruflich etwas zu erledigen und morgens gleich wieder loszulegen, vor allem im Homeoffice.“ Gerade Eltern nutzen diese Möglichkeit, um nachmittags für die Familie da zu sein. „Mit Blick auf die eigene Gesundheit und Sicherheit sollte das die Ausnahme sein“, so Windemuth. Auch die BAuA macht einen Trend zu längeren Arbeitszeiten aus: Ein Viertel der mehr als 20.000 befragten Erwerbstätigen arbeitet regelmäßig abends und jeder vierte arbeitet ständig oder regelmäßig in den Abendstunden. 

Es ist vor allem eine Führungsaufgabe, mit dem Kontrollverlust durch flexible Arbeitszeiten umzugehen. Laut iga.Report 36 setzen die meisten Unternehmen auf Gleitzeitmodelle, während Vertrauensarbeitszeit und die Arbeit im Homeoffice deutlich seltener zur Anwendung kommen. Gordon Bonnet ist Vorreiter. Der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Wiesbaden hat vor über zehn Jahren dabei mitgewirkt, die Vertrauensarbeitszeit einzuführen. „Diese unterstützt eine Unternehmenskultur, die Beschäftigte wertschätzt in dem, was sie tatsächlich leisten. Wir erzielen damit Erfolge für die IHK und können denjenigen, die Stress im Privaten haben, mehr Freiräume gewähren.“ Die Abschaffung der Stechuhr müsse jedoch von Maßnahmen flankiert werden, die Halt geben, wie regelmäßige Mitarbeitergespräche.

Die Wissenschaft bestätigt: Für Beschäftigte ist es wichtig, ihre Arbeitszeit vorhersehen, planen und am besten mitgestalten zu können. Auf dieser Basis können Beschäftigte und Führungskräfte klären: Wie viel Flexibilität darf’s denn sein? 

Autorin: Miriam Becker

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