Mehr Schlaf wagen
© Thomas Walloch
Arbeiten 4.0

Mehr Schlaf wagen

Nicht nur Schichtdienst, selbst klassische Arbeitszeiten zwischen 7 und 19 Uhr sorgen bei vielen Beschäftigten für Schlafmangel und gesundheitliche Probleme. Wichtig für Führungskräfte: Schlaf und Biorhythmus entscheiden über die Leistungsfähigkeit – individuell anpassbare Arbeitszeiten und eine neue Schlafkultur sind smarte Stellschrauben im Betrieb.

Ausreichender, erholsamer Schlaf ist eine Grundvoraussetzung für gesunde, leistungsfähige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ausreichend sind nach aktuellem Stand der Schlafforschung sieben bis siebeneinhalb Stunden täglich. Eine Zahl, die viele Erwachsene nicht erreichen. 

Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK) aus 2017 schläft jede zweite erwachsene Person nur sechs Stunden oder weniger. Jede vierte kommt lediglich auf bis zu fünf Stunden Schlaf pro Tag – bei Menschen mit wechselnder Arbeitszeit beträgt der Anteil sogar 37 Prozent. „Wenn man drei Nächte nicht richtig geschlafen hat, ist man geistig nicht mehr fit und kann eigentlich nicht mehr arbeiten“, gibt Professor Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité zu bedenken.

Schlafmangel senkt die Leistungsfähigkeit und erhöht das Unfallrisiko

Nach der Erwerbstätigenbefragung 2018 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) klagt jede zweite erwerbstätige Person über allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung. 7,6 Prozent aller Erwerbstätigen waren in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung wegen Schlafstörungen in Behandlung. Dennoch findet sich das Thema Schlaf im betrieblichen Gesundheitsmanagement meist nicht wieder. Völlig zu Unrecht. Denn zum einen hat die Lage der Arbeitszeit großen Einfluss auf die Dauer des Schlafs. Zum anderen sind die wirtschaftlichen Folgen von Schlafmangel und Schlafstörungen gravierend.

Das Non-Profit-Forschungsinstitut RAND Corporation beziffert den durch Schlafstörungen verursachten Produktionsverlust in Deutschland auf 60 Milliarden Euro pro Jahr. Laut dem DAK-Gesundheitsreport 2017 stieg die Zahl der Fehltage aufgrund von Schlafstörungen unter DAK-Versicherten von 2,25 Fehltagen pro Jahr in 2005 auf 3,86 Fehltage in 2015. 

Fehltage aufgrund von müdigkeitsbedingten Arbeits- und Wegeunfällen kommen noch dazu. Laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) spielt bei jedem fünften Verkehrsunfall mangelnder oder gestörter Schlaf eine Rolle. Nachts verdoppelt sich das Risiko sogar. Internationale Studien gehen davon aus, dass jeder sechste Unfalltote auf Einfluss von Schläfrigkeit zurückgeht – mehr als unter Alkoholeinfluss. Bei Arbeitsunfällen gehen laut einer Schweizer Metaanalyse rund 13 Prozent auf Schlafdefizite zurück (siehe Infobox auf Seite 14).

Voller Akku, leere Batterie

Doch warum schlafen so viele berufstätige Menschen zu wenig und nach übereinstimmenden Ergebnissen verschiedener Studien in mindestens jedem dritten Fall nur schlecht? 

Eine Ursache sind die Arbeits­bedingungen. Die häufigsten Faktoren für Schlaf­störungen und Schlafmangel sind:

  • Früher Arbeitsbeginn
  • Arbeiten an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit
  • Starker Termin- und Leistungsdruck
  • Häufige Überstunden
  • Nacht- und Wechselschichten 
  • Erreichbarkeit nach Feierabend 

Etwa jeder Achte kümmert sich laut DAK-Gesundheitsreport spätabends noch um dienstliche Dinge wie E-Mails oder die Planung des nächsten Arbeitstages.

Mangelnder und schlechter Schlaf sind zum Teil auch hausgemacht: Während die meisten Erwerbstätigen dafür sorgen, dass ihr Handy morgens einen vollen Akku hat, wird das Aufladen der eigenen Batterie versäumt. Vor allem die abendliche Nutzung von Smartphones, Notebooks und Fernsehen ist einer der Gründe dafür. Ein Großteil der Erwerbstätigen schaut unmittelbar vorm Schlafen fern oder erledigt private Aufgaben an mobilen Endgeräten.

Neben der damit verbundenen psychischen Belastung spielt das von Bildschirmen abgestrahlte Licht eine Rolle bei Schlafstörungen. Besonders der Blauanteil wirkt sich auf den Schlaf-wach-Rhythmus – den sogenannten zirkadianen Rhythmus – aus. Für den Abgleich mit dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus der Erde ist Tageslicht der entscheidende Faktor (ein Fachartikel über die Rolle von Licht für die Gesundheit folgt in einer der nächsten Ausgaben der topeins). 

Der zirkadiane Rhythmus steuert, bedingt durch den genetisch festgelegten Zeit- oder Chronotyp, die physiologischen Prozesse des Menschen. Denn der Chronotyp entscheidet, wer wann einschlafen kann oder leistungsfähig ist. Frühe Chronotypen oder „Lerchen“ haben ihre Leistungsphase meistens zwischen 10 und 18 Uhr. Sie können gut früh zu Bett gehen und einschlafen. Bei späten Chronotypen oder „Eulen“ liegt die Leistungsphase eher zwischen 14 und 22 Uhr. 

Frühdienst macht aus Eulen keine Lerchen

Wer je nach Anfahrtsweg und familiärer Verpflichtung um 5.30 Uhr aufstehen muss, um morgens rechtzeitig am Arbeitsplatz zu sein, müsste für sieben Stunden Schlaf bereits um 22.30 Uhr einschlummern. Für moderate Spättypen, die in Mitteleuropa vorherrschend sind, ist das kaum möglich. Sie würden am besten schlafen, wenn sie zwischen 24 und 1 Uhr zu Bett gingen und zwischen 8 und 9 Uhr aufstehen könnten. 

Damit ist selbst ein Arbeitsbeginn um 9 Uhr für viele Beschäftigte zu früh. Noch gravierender ist der Schlafmangel später Chronotypen beim Frühdienst. In Skandinavien beginnt die Frühschicht daher häufig erst um 7 statt um 6 Uhr. Umgekehrt haben Frühtypen ein Problem damit, im Spät- oder Nachtdienst leistungsfähig zu sein. Sehr frühe und späte Arbeitszeiten, die sich mit dem bevorzugten Schlaffenster überschneiden, führen meist zu Schlafstörungen, was Herz-Kreislauf-Probleme und viele weitere Erkrankungen nach sich ziehen kann.

Schlaf als Führungsaufgabe 

Wenn Beschäftigte ausgeschlafen und leistungsfähig am Arbeitsplatz erscheinen sollen, muss Schlaf im Betrieb ein Thema sein. Selbstbestimmte, flexibel an den eigenen Chronotyp angepasste Arbeitszeiten würden laut Schlafforscher Fietze das Leistungspotenzial erheblich steigern. Bei Wechselschicht sollten Beschäftigte selbst entscheiden können, in welcher Schicht sie tätig sein möchten (weitere Empfehlungen siehe Infobox).

Vor allem sollten Führungskräfte den Schlaf von seinem negativen Image befreien, indem sie

  • Schlaf in die Betriebliche Gesundheitsförderung aufnehmen und 
  • den Kurzschlaf am Arbeitsplatz erlauben.

Statt den zehnten Kaffee zu kippen, ist es bei Schlafdefizit oder Suppenkoma viel effektiver, einen Powernap von 10 bis 20 Minuten einzulegen – notfalls neben der Tastatur, wenn es keine Ruheräume mit Liegen oder Yogamatten gibt. „Büroschlaf kostet nichts und fördert ein größeres Leistungspotenzial“, so Fietze. Sein Motto: „Lasst die Leute schlafen, wenn sie müde sind!“

Autorin: Manuela Müller

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