Nüchtern bleiben
© iStock/Getty Images Plus/nitrub (Bierglas), TPopova (Schirm), ValentynVolkov (Bierflasche), EHStock (Weinglas), unalozmen (Whiskyglas)
Alkohol am Arbeitsplatz

Nüchtern bleiben

Alkohol am Arbeitsplatz beeinträchtigt die Arbeitssicherheit, das Arbeitsklima und die Produktivität in Betrieben. Führungskräfte haben die Pflicht, Unfälle im Zusammenhang mit Alkohol zu vermeiden. Dr. Peter Raiser, stellvertretender Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.?V. (DHS), erklärt, warum Alkohol am Arbeitsplatz kein Kavaliersdelikt ist, wie Führungskräfte richtig handeln und wo sie Unterstützung finden.

Herr Raiser, Experten gehen davon aus, dass etwa 10 Prozent der Beschäftigten Alkohol in missbräuchlicher Weise konsumieren, weitere 5 Prozent gelten als alkoholabhängig. Das sind hohe Zahlen. Welche Auswirkungen hat Alkohol am Arbeitsplatz denn auf die Betriebe?

Ja, die Zahlen zum Alkoholkonsum sind zutreffend.Alkohol bei der Arbeit kann zu Arbeits- und Wege­unfällen führen. Das sind zum Beispiel Verletzungen der alkoholisierten Arbeitnehmenden, aber auch der Kolleginnen und Kollegen. Außerdem können Sachschäden entstehen. Das führt zu Arbeits- und Produktionsausfällen und Unternehmen werden empfindlich beeinträchtigt. Wenn man von den tatsächlichen Unfällen absieht, dann ist da trotzdem die Gefährdung: Alkoholisierte Beschäftigte sind unaufmerksamer, machen Fehler. Wenn Sie dann noch eventuelle Fehlzeiten oder Leistungsabfälle berücksichtigen, sind die Auswirkungen schon sehr deutlich. 

Und die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen?

Alkoholmissbrauch und risikohafter Alkoholkonsum verursachen der Volkswirtschaft jährlich einen Schaden von rund 40 Mrd. Euro. Alkoholbedingte Produktivitätsverluste werden auf 9 Mrd. Euro jährlich geschätzt. 

Wie steht es um die Betroffenen selbst? Da ist der Leidensdruck sicherlich auch hoch?…

Ja. Vor allem können wir aus der Erfahrung sagen, dass viele Betroffene gerne früher angesprochen worden wären. Das ist ein Wunsch, den wir wirklich oft hören. Sucht entsteht über viele Jahre – hier hat man die Chance, früh einzugreifen.

Aber wie spreche ich ein Alkoholproblem an? Wenn ich als Führungskraft merke, dass in meinem Team jemand betroffen ist, wie gehe ich vor?

Führungskräfte haben eine besondere Fürsorgepflicht und müssen deshalb reagieren. Wenn eine Führungskraft beispielsweise sieht, dass ein Fahrer alkoholisiert in einen Lastwagen steigt, ist sie verpflichtet, einzuschreiten und die Ausübung der Tätigkeit zu verhindern. Das bezieht sich auf konkrete Gefährdungssituationen, aber so klar ist es ja oft nicht. Wenn sich im Arbeitsalltag abzeichnet, dass Betroffene aufgrund von Alkohol häufiger mit Kolleginnen und Kollegen aneinandergeraten, dass ein Leistungsabfall deutlich wird, dass sich Fehlzeiten häufen usw., dann muss die Führungskraft zunächst das Gespräch suchen.

…und betroffene Personen direkt konfrontieren?

Ja. Zunächst sollte man Betroffenen offensiv Hilfe anbieten. Oft ist das schon der entscheidende Schritt. Es sind aber auch weitere Schritte bis hin zu Sanktionen möglich. Wir empfehlen, dass Unternehmen einen Stufenplan vorbereiten, den sie für solche Fälle vorhalten. Sehr hilfreich ist es für Führungskräfte auch, wenn es bereits Gesprächsleitfäden und konkret ausgearbeitete Verhaltenshinweise gibt. Klar muss auch sein: Wenn die Arbeitssicherheit durch den Konsum von Alkohol gefährdet ist, dann muss etwas passieren, da sind die Regeln eindeutig. Arbeitgebende sind dazu verpflichtet, darauf zu achten, dass Arbeitsaufgaben nicht Personen aufgetragen werden, die erkennbar nicht in der Lage sind, diese ohne Gefahr für sich oder andere auszuführen.

Und unter Kolleginnen und Kollegen? Das Thema

anzusprechen ist vielen sicherlich sehr unangenehm – gibt es da Hilfestellungen?
Wenn es sich um jemanden handelt, mit dem man ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, kann man immer die Sorge um die Person in den Vordergrund stellen. Erzählt der Kollege jeden Montag, wie betrunken er beim Feiern am Wochenende war, kann man ihm spiegeln: „Ist das vielleicht zu viel? Ich mache mir Sorgen um dich.“ Wenn man eine kollegiale Beziehung zur betroffenen Person hat, sollte man eher ansprechen, dass man nicht bereit ist, das Verhalten weiter mitzutragen. Wichtig ist es, dass man die eigene Rolle kennt. Als Kollegin oder Kollege sollte man sich klarmachen: „Ich bin nicht in der Verantwortung. Ich kann mich sorgen, aber ich muss niemanden retten.“ Als Führungskraft ist das anders, Führungskräfte müssen auch Verantwortung übernehmen. 

Wie kann ich denn erkennen, ob jemand betroffen ist?

Oftmals wissen die Beschäftigten untereinander schon sehr früh, wenn etwas nicht stimmt. Wichtig ist es, ein offenes Gesprächsklima zu schaffen, um eigene Sorgen und Erwartungen an gute Zusammenarbeit anzusprechen. Ansonsten gilt es, aufmerksam zu sein, nachzufragen und immer auch zu signalisieren, dass man bereit ist für ein Gespräch. 

Interview: Maren Zeidler

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Ein zusammengesetzter Bildschirm mit verschiedenen Quadern, teilweise sind Icons zu sehen, teilweise Fotos, teilweise nur Pixel.
Arbeitsschutz

Gut zu wissen

Arbeitsschutz ist Chefsache. Manche Führungskräfte wissen das überhaupt nicht, wieder andere rätseln wofür genau und in welchem Umfang sie zuständig... Weiterlesen

Tatort Arbeitsplatz
Gewalt am Arbeitsplatz

Tatort Arbeitsplatz

Viele Beschäftigte wurden schon einmal Opfer von Gewalt. Besonders betroffen sind Mitarbeitende im Rettungsdienst. Wie Arbeitgebende ihre... Weiterlesen

Vertrauen
Aus Wissenschaft und Forschung

Sicherheit ist auch Vertrauenssache

Vertrauen kann sich positiv auf Sicherheit und Gesundheit auswirken – und gilt als wichtiges Kriterium für ein gutes Betriebsklima. Doch nicht jede... Weiterlesen