Maschinenmanipulation
©Thomas Walloch
Studie "Active Workplace"

Null Toleranz bei Manipulation

Jedes Jahr passieren tausende Arbeitsunfälle, weil Produktionsmaschinen manipuliert werden. Für Unternehmen bedeutet das ein großes Risiko. Durch Unfälle fallen wichtige Beschäftigte aus. Und: Führungskräfte haften unter Umständen für entstandene Schäden.

Für Schlagzeilen sorgte im Jahr 2010 ein Glashersteller aus dem Emsland: Ein 19-jähriger Auszubildender des Betriebes hatte an einer computergesteuerten Glasschleifmaschine gearbeitet, war von ihr erfasst worden und später an seinen schweren Verletzungen gestorben. Die Ursache: Bereits Jahre zuvor war eine Lichtschranke der Maschine ausgebaut worden, die die Sicherheit der Beschäftigten gewährleisten sollte.
Tragische Unfälle wie dieser kommen öfter vor als vermutet. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) der DGUV sind an rund jeder dritten Maschine in Unternehmen Schutzeinrichtungen teilweise oder dauerhaft manipuliert. 90 Prozent der Beschäftigten, die an manipulierten Maschinen arbeiten, wissen um die ausgeschalteten Schutzvorkehrungen. Doch nur sieben Prozent empfinden das als erhöhtes Risiko. Ein Trugschluss, denn: Nach Schätzung von Fachleuten geschieht jeder vierte Arbeitsunfall an Maschinen als Folge manipulierter Schutzeinrichtungen.

Sicherheit vor Schnelligkeit

Für Unternehmen ist es unerlässlich, dieses Risiko ernst zu nehmen. Kommt es zu einem Unfall, fallen nicht nur wichtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Unter Umständen haften Führungskräfte auch persönlich für entstandene Schäden. Im Fall des Glasveredlers beispielsweise wurden zwei der drei Geschäftsführer wegen fahrlässiger Tötung zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, der dritte zu einer Geldstrafe. Erstere hatten die Lichtschranke zwar nicht selbst demontiert, nach Einschätzung des Gerichts den Ausbau jedoch angeordnet und so die Sicherheit der Beschäftigten gefährdet.
„Beschäftigte, die Sicherheitsvorkehrungen außer Kraft setzen, tun das nicht grundlos“, sagt Stefan Otto, Experte vom IFA. Häufig führen Leistungsdruck, Bequemlichkeit und die Hoffnung auf eine Zeitersparnis zu Manipulationen. Schutzeinrichtungen an Maschinen werden dann außer Kraft gesetzt, wenn sie den Arbeitsablauf stören“, erläutert Otto. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn der Arbeitsraum schlecht einsehbar ist oder der erforderliche Arbeitstakt nicht erreicht wird. Liegen solche Defizite vor, spricht man von einem Manipulationsanreiz. Aber: „Führungskräfte dürfen Manipulation unter keinen Umständen dulden!“, warnt Otto. Grundsätzlich ist es wichtig, mit den Beschäftigten ins Gespräch zu kommen, um als Führungskraft frühzeitig zu erkennen, wo Manipulationsanreize bestehen.

Manipulation von vornherein vermeiden

Wer Arbeitsunfälle durch Manipulation verhüten will, muss Anreize erkennen und abstellen. Folgende Ansatzpunkte haben sich hierfür bewährt.

  • Firmen sollten bereits beim Einkauf neuer Maschinen auf lückenlose Sicherheitskonzepte achten, die möglichst wenige Manipulationsanreize bieten. Die Website stop-manipulation.org bietet dafür eine Checkliste mit den entscheidenden Fragen zur Ermittlung möglicher Manipulationsanreize an.
  • Manipulationen können bereits ab Werk durch technische Maßnahmen erschwert werden. So können Maschinenhersteller beispielsweise verdeckte Sicherheitsschalter einbauen oder komplexe Schutzvorkehrungen verwenden, die Beschäftigte nicht einfach aushebeln können.
  • Unternehmen sollten prüfen, ob Manipulationsanreize bestehen. Hier kann eine Evaluations-Software des IFA helfen, mit der für jede Maschine die Vorteile einer Manipulation auf einer Skala von 0 (kein Vorteil) bis ++ (hoher Vorteil) bewertet werden. Diese Evaluation sollten auf jeden Fall Personen, die mit der Bedienung der Maschine vertraut sind, gemeinsam mit einer Fachkraft für Arbeitssicherheit vornehmen. Die IFA-Software zeigt dann an, wie hoch der Anreiz zur Manipulation ausfällt. Ist der Anreiz hoch, lohnt es sich für Betreiberinnen und Betreiber, die Maschine umzurüsten oder zu ersetzen. Hier gilt: Vorsicht ist besser als Nachsicht – damit Unfälle gar nicht erst passieren.

Autorin: Anna Friedrich

 

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