Rueckwärtsfahrten nur im Ausnahmefall
©TBS Schwelm
Kommunikation

Rückwärts nur als Ausnahme

Wenn neue Regeln zum Arbeitsschutz nicht nur die Beschäftigten eines Betriebes, sondern auch die Bevölkerung betreffen, kann es zu Konflikten kommen. Im Dialog findet man aber gute Lösungen – ein gelungenes Beispiel sind die Technischen Betriebe Schwelm AöR (TBS).

Schwelm ist ein kleines Städtchen im bergischen Land – mit Hügeln, schmalen Gassen und zwei Müllwagen, die den Abfall einsammeln. Dabei müssen die Wagen gelegentlich rückwärtsfahren. Das geht meistens gut, doch die Statistiken zeigen, dass Rückwärtsfahren ein Risiko birgt: Die Unfallzahlen bei zurücksetzenden Lkw sind besonders hoch. Deshalb wird in der DGUV Branchenregel von 2016 auf das Rückwärtsfahren von Abfallsammelfahrzeugen intensiv eingegangen: Rückwärtsfahren ist nur in Ausnahmefällen gestattet und mit einer Gefährdungsbeurteilung verknüpft. Das hat Auswirkungen auf die Sammeltouren und betrifft auch ganz direkt die Anwohnerinnen und Anwohner.

„Wir wollen was tun“

Die Technischen Betriebe Schwelm wurden durch einen ihrer Sicherheitsbeauftragten – der selbst Müllfahrer ist – für die neue Branchenregel sensibilisiert und sahen Handlungsbedarf. „Wir fanden die neuen Regeln vernünftig“,  erinnert sich TBS-Vorstand Markus Flocke. „Allerdings wurde uns dann schnell klar: Das trifft ja ganz schön viele Haushalte“, so Flocke weiter. Lars Seibel, Abteilungsleiter für Abfall bei den TBS, fuhr zunächst auf den Wagen mit und dokumentierte jede Engstelle mit Fotos und Text. 63 problematische Stellen wurden identifiziert. Gemeinsam mit Wohnungsbaugesellschaften, Privateigentümerinnen und -eigentümern, der Feuerwehr, der Polizei und politischen Gremien suchten die TBS nach Lösungen. Ortsbegehungen und auch Einzelgespräche mit Betroffenen haben sich bewährt: „In 42 Fällen konnten wir in Gesprächen Lösungen finden, die alle zufrieden stellten“, berichtet Flocke. So wurden Wendeflächen verändert, neue Routen gefunden oder Parkverbote erlassen. 21 Stellen konnten jedoch nicht entschärft werden, so dass nun die Abfalltonnen von der Einwohnerschaft zu Sammelstellen gebracht werden müssen.

Öffentlichkeitsarbeit als Schlüssel

Ein wichtiger Faktor für die reibungslose Einigung war laut Klaus Grundmann, der die TBS von Seiten der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen (UK NRW) betreut, die Öffentlichkeitsarbeit des Betriebes. Frühzeitig wurde die Lokalpresse mit an Bord geholt. „Wir haben keine fertigen Lösungen präsentiert, die wir im stillen Kämmerlein entwickelt haben“, erklärt TBS-Vorstand Flocke. Stattdessen hat die Lokalpresse den Prozess transparent begleitet. Bei einem gemeinsamen Termin mit Presse, Feuerwehr, Polizei und der Öffentlichkeit demonstrieren die TBS außerdem die Risiken des Rückwärtsfahrens an einer exemplarischen Stelle der Sammeltour – und konnten so ‚live‘ auf Gefahren und Schwierigkeiten hinweisen. Das habe, so Flocke, Vertrauen bei der Bevölkerung geschaffen, am Ende „waren 99,9 Prozent der Betroffenen mit der Lösung zufrieden“. Und der Rest?

Geänderte Sicherheitsphilosophie

Ein Anwohner klagte gegen die TBS, der Fall ging auch durch die überregionalen Medien. Die Klage wurde Ende 2017 abgewiesen. Der Richter habe damals, so erinnert sich UK-NRW-Experte Grundmann, von einer geänderten Sicherheitsphilosophie gesprochen. „Abfallsammelfahrzeuge können heute eben nicht mehr in jede noch so enge Straße hineinfahren, auch wenn die Anrainer das jahrzehntelang gewohnt waren. Die Fahrzeuge sind größer geworden, das Verkehrsaufkommen ist gestiegen“, erklärt er. „Heutzutage werden die Gefahren, die insbesondere das Rückwärtsfahren mit sich bringt, viel kritischer gesehen.“ 

Vertrauen und Transparenz 

Ein Patentrezept für eine gelungene Beteiligung gibt es derweil für TBS-Vorstand Flocke nicht. Doch besonders wichtig sei gegenseitiges Vertrauen und Transparenz.  Auch Klaus Grundmann von der UK NRW betont: „Entscheidungen müssen offen  und transparent gefällt und kommuniziert werden, anders geht es nicht.“ Das hat in Schwelm so gut funktioniert, dass es Schule machte. Von überall riefen und rufen die Abfallentsorger an und fragen nach Empfehlungen. Die Technischen Betriebe Schwelm teilen ihre Erfahrungen gerne. „Am Ende“, so sagt Vorstand Flocke, „steckt dahinter die Empfehlung, den Arbeitsschutz ernst zu nehmen.“

Autorin: Maren Zeidler

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