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Verkehrssicherheit

Schluss mit dem toten Winkel

Immer wieder kommt es beim Rechtsabbiegen von Nutzfahrzeugen zu tödlichen Unfällen, weil Rad Fahrende und zu Fuß Gehende übersehen werden. Mittlerweile gibt es technische Lösungen, die den Fahrzeugführenden helfen könnten. Eine EU-weite Pflicht soll erst in einigen Jahren kommen. Doch immer mehr Unternehmen und Behörden ergreifen bereits jetzt Maßnahmen für mehr Sicherheit.

Die Gefahr ist erkannt, aber sie ist noch nicht gebannt. Lkw bieten aus der Fahrerkabine keine gute Rundumsicht. Fahrerinnen und Fahrer von Nutzfahrzeugen können das Geschehen vor und neben dem Fahrzeug meist nur eingeschränkt und unter Nutzung mehrerer separater, optimal eingestellter Spiegel einsehen. Besonders kritisch ist der tote Winkel rechts vom Fahrzeug – vor allem dann, wenn der Abbiegevorgang bereits eingeleitet ist und sich von hinten ein Fahrrad nähert, wie es im Frühsommer in Köln geschah: ein Siebenjähriger wurde auf seinem Rad von einem abbiegenden Müllfahrzeug überrollt und starb noch an der Unfallstelle.

Die Unfallforschung der Versicherer schätzt, dass ein Drittel der tödlichen Unfälle von Radfahrerinnen und Radfahrern auf Abbiegeunfälle zurückgeht. Allein im Jahr 2017 forderten sie 128 Verkehrstote. Die Bundesanstalt für Straßenwesen wies zudem nach, dass Abbiegeunfälle wesentlich häufiger als alle anderen Unfälle zwischen Lkw und Rad Fahrenden tödlich für Letztere enden. Genaue Opferzahlen sind schwer zu erheben, da der tote Winkel nicht ausdrücklich in der Straßenverkehrsunfallstatistik erfasst wird.

Traumatische Belastungen

Auch wenn die Fahrzeugführenden bei Abbiegeunfällen körperlich meist unversehrt bleiben, sind die seelischen Folgen gravierend. Sie tragen oftmals ein Trauma davon, das im schlimmsten Fall zur dauerhaften Berufsunfähigkeit führen kann. Für Organisationen, die Nutzfahrzeuge im Einsatz haben, können solche Unfälle außerdem einen nachhaltigen Imageschaden bedeuten. Doch was können Führungskräfte tun, um ihre Fuhrparks sicherer zu machen und Beschäftigte sowie Verkehrsteilnehmende zu schützen?

Technische Hilfsmittel

Einfach, aber wirksam – der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) empfiehlt: Die am Lkw angebrachten Positionsleuchten sollten gemeinsam mit dem Fahrtrichtungsanzeiger blinken. Rad Fahrende werden so besser auf die Abbiegeabsicht aufmerksam. Auch durchsichtige Türen der Fahrerkabine, vor allem gläserne Beifahrertüren, sind hilfreich. Vorgeschriebene zusätzliche Außenspiegel mindern das Problem, lösen es aber nicht.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Assistenzsysteme am Markt. Ob Ultraschall, Funkradar, Infrarotlaserradar oder fahrerunterstützende Kamerasysteme zum Einsatz kommen: Letztlich seien alle Maßnahmen, die die Verkehrssicherheit erhöhen, zu begrüßen, sagt Christopher Frank vom Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG). Zwei Grundvoraussetzungen müssten diese Systeme erfüllen: „Sie müssen zuverlässig warnen, wenn sich eine Person im toten Winkel aufhält, und sie dürfen nicht abschaltbar sein.“ Der DVR empfiehlt zudem eine selbstständige Bremsfunktion des Assistenzsystems.

Vor- und Nachteile von Kamera-Monitor-Systemen

Die BG Verkehr hat in einer umfangreichen Studie die Eignung von Kamera-Monitor-Systemen (KMS) untersucht. „Die Studie zeigt auf, dass KMS den Fahrzeugführenden bereits heute in den meisten Fällen eine Hilfe sind und in der Praxis gut angenommen werden“, berichtet Dr. Klaus Ruff, stellvertretender Leiter des Geschäftsbereichs Prävention bei der BG Verkehr. Im Gegensatz zu Spiegeln könnten verschiedene Ansichten in einem Bild vereint werden. Die Kamera ist individueller positionierbar, da die Fahrerin oder der Fahrer keine direkte Sicht auf die Kamera, sondern auf den Monitor haben muss: Gefahren werden dadurch besser und schneller erkannt.

„Ein großer Nachteil von KMS ist mit der Altersweitsichtigkeit der Menschen verbunden“, so Ruff weiter. „Es ist wichtig, dass sich alle Beteiligten beim Einbau eines KMS bei der Platzierung des Monitors Gedanken um Altersweitsichtigkeit machen, damit alle Altersgruppen das Fahrzeug bedienen können.“

Rechtliche Situation erfordert Eigeninitiative

Eine nationale Verpflichtung zum Einbau von zulassungsrelevanten Bauteilen in Fahrzeuge verbietet derzeit das Europarecht. Erst ab 2022 sollen nach einem Verordnungsvorschlag der EU-Kommission vom Mai dieses Jahres elektronische Abbiegeassistenten in Lkw und Bussen Pflicht werden – zunächst jedoch nur in neuen Lkw.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer setzt derweil auf flankierende Maßnahmen. Im Juli gab er den Startschuss zur Aktion Abbiegeassistent, um die Einführung zu beschleunigen. Bis 2019 sollen die Nutzfahrzeuge der nachgeordneten Behörden mit Abbiegeassistenten ausgerüstet werden. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen sind aufgerufen, ihre Fuhrparks schon jetzt mit Abbiegeassistenzsystemen auszustatten. So haben die Frankfurter Entsorgungsbetriebe (FES) bereits 20 Prozent der großen Müllsammelfahrzeuge mit einem elektronischen Abbiegeassistenten ausgerüstet. Im Zuge der Erneuerung des 700 Einheiten umfassenden Fuhrparks werden weitere dazukommen. Geprüft wird von den FES derzeit, inwieweit auch ältere Fahrzeuge, die bereits Kamerasysteme haben, mit einem Assistenten nachgerüstet werden können. In München läuft aktuell ein Stadtratsantrag, der die Einführung von Assistenzsystemen sowie die Überprüfung von Kreuzungen fordert.

Infrastruktur radfreundlich gestalten

In der Region Hannover ist die Nachrüstung der großen Fahrzeuge der Straßenmeisterei bereits beschlossen. Für 2019 sind für Abbiegesysteme 45.000 Euro eingeplant. 5,1 Millionen Euro fließen jährlich in die sichere Infrastruktur innerorts. Im Rahmen eines Modellprojekts berieten im August über 20 Beteiligte, wie Kreuzungen für den Rad- und Fußverkehr sicherer gestaltet werden können. Dieser Idealtyp soll auf andere Kreuzungen übertragbar sein. „In 2019 werden wir zusätzlich 50.000 Euro in eine Sonderprüfung von Sichtverhältnissen an Kreuzungen und Einmündungen unserer Regionalstraßen investieren. Zudem werden Kreuzungen mit Lichtsignalanlagen auf die Möglichkeit einer separaten Signalisierung überprüft“, erläutert Pressesprecher Klaus Abelmann.

Das maßgebliche technische Regelwerk für Planung, Entwurf, Bau und Betrieb von Radverkehrsanlagen in Deutschland sind die Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA). Weitere nützliche Hinweise bietet der DVR in einem Ratgeber (siehe Infokasten). So sind vorgezogene Radaufstellstreifen ebenso wie am Boden rot markierte Radfurten eine in der Praxis bewährte Methode, gefährliche Kreuzungen zu entschärfen. Ebenso die von Hannover angedachten niedrigen Ampeln für Rad Fahrende. Zu den Kommunen, die das bereits umgesetzt haben, gehören etwa die Radhochburgen Münster und Freiburg im Breisgau. Beide Städte erstellten in den vergangenen Jahren umfassende Analysen der Unfälle zwischen Kraftfahrzeugen und Rad Fahrenden und leiteten daraus Maßnahmen zum Umbau der Infrastruktur, aber auch zur Bewusstseinsbildung der Verkehrsteilnehmenden ab.

Schulungen und Hilfen für Fahrzeugführende

Eine kostengünstige Sofortmaßnahme zur Prävention von Abbiegeunfällen sind Spiegel-Schablonen. Dazu wird das Nutzfahrzeug auf eine Fläche gefahren, die die Gefahrenzonen auf dem Boden anzeigt. So können die Außenspiegel optimal auf die schwer einsehbaren Bereiche ausgerichtet werden. Die BG Verkehr hat entsprechende Planen entwickelt, die von Mitgliedsbetrieben benutzt werden können. Spezielle Schulungen für Fahrerinnen und Fahrer von Lkw, Bussen und Co. sind ebenfalls hilfreich. Themen wie das Rechtsabbiegen könnten individuell in den Trainings geschult werden, sagt Dr. Klaus Ruff: „Die BG Verkehr unterstützt ebenso wie andere Unfallversicherungsträger ihre Mitgliedsunternehmen bei der Teilnahme an einem Fahrsicherheitstraining und bezuschusst es bei mindestens eintägiger Dauer.“

Autor / Autorin: David Schahinian / Manuela Müller

 

 

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