Lärmschutz
Lärmschutz im Büro

Störfaktor Nummer 1

Gesundheitsschädlicher Lärm am Arbeitsplatz wird meist mit Maschinenhallen in Verbindung gebracht. Zu Unrecht: Auch im Büro beeinträchtigt Lärm die Gesundheit und Produktivität der Beschäftigten. Doch Führungskräfte können gegensteuern – topeins zeigt, wie.

Bilder moderner Bürolandschaften zeigen oft ehemalige Fabrikhallen mit rotem Ziegelmauerwerk, riesigen Sprossenfenstern, nackten Betonböden, darauf Tischböcke mit langen weißen Arbeitsplatten, auf denen sich ein Flachbildschirm an den nächsten reiht. Das Open Plan Office – schlicht Großraumbüro – liegt voll im Trend. Es soll agiles Arbeiten und eine offene Kommunikation unter den Beschäftigten ermöglichen.

Doch das Gegenteil ist der Fall, wie die amerikanischen Wissenschaftler Ethan Bernstein und Stephen Turban in einer empirischen Studie herausfanden. Die direkte Kommunikation nahm in den untersuchten  Großraumbüros um 70 Prozent ab. Stattdessen kommunizierten die Beschäftigten lieber elektronisch.

Das bestätigt auch Dr. Florian Schelle vom Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA): „Es werden immer dieselben Fehler gemacht,“ zieht der Forscher kritisch Bilanz. Das IFA hat im Jahr 2017 in 13 Unternehmen untersucht, ob bestehende Regelwerke für den Lärmschutz in der Branche Bürobetriebe angemessen und wirksam sind. Nicht nur bei der Studie – auch bei der täglichen Arbeit des IFA – stellt Schelle immer wieder fest, dass die Raumakustik in Büros unzureichend ist. In den Lärmschutz wird  meist aus Kostengründen zu wenig investiert. Diese Rechnung geht nicht auf. 

Büroangestellte fühlen sich häufig durch Lärm gestört 

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat 2012 gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung eine Repräsentativbefragung unter 20.036 Erwerbstätigen durchgeführt. Dabei gaben 13,6 Prozent der befragten Männer und 12,6 Prozent der Frauen an, unter Lärm am Arbeitsplatz zu leiden. Was Lärm ist, hängt weniger vom Schalldruckpegel alsvon der menschlichen Bewertung ab: Alle unerwünschten, belästigenden oder störenden, die Leistungsfähig-keit und Gesundheit beeinträchtigenden Geräusche sind Lärm. An Büroarbeitsplätzen kommt es so gut wie nie zu Lärmeinwirkungen, die das Gehör schädigen können. Es geht hier um extra-aurale, nicht das Ohr betreffende Lärmwirkungen mit gravierenden Folgen. 

Lärm senkt das Wohlbefinden und die Produktivität 

Bei andauernder Lärmeinwirkung kommt es zu physischen wie psychischen Regulationsmechanismen – insbesondere bei geistigen Tätigkeiten, die eine hohe Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern. Der Körper reagiert mit erhöhter Ausschüttung von Stresshormonen, der Verengung von Blutgefäßen oder der Verspannung der Muskeln. Die körperlichen Symptome reichen von Kopfschmerzen und Magen-Darm-Problemen über Herz-Rhythmus-Störungen bis hin zu Erkrankungen des Skelett- und Muskelapparats. Zu den psychischen Reaktionen zählen Anspannung, Nervosität oder Resignation bis hin zur Depression. Neben vermehrten Fehlzeiten sorgen die geminderte Konzentration, die erhöhte Fehlerhäufigkeit und eine gestörte Kommunikation für sinkende Produktivität – nicht nur bei den einzelnen Beschäftigten, auch im gesamten Betrieb.

Die wenigsten Büros sind raumakustisch gut geplant und gesetzeskonform ausgestattet

Grundsätzlich sollten Bürogebäude und -einrichtungen so beschaffen sein, dass die Nachhallzeiten gering sind. Schallharte Oberflächen wie bodentiefe Glasfronten, Betondecken, Marmorböden oder Stahlmöbel sind eher ungeeignet. In Bürogebäuden sind sie dennoch häufig anzutreffen. Richtig eingesetzt schaffen schallabsorbierende Produkte wie Akustik-decken, Teppichböden, Wandpaneele, Lamellenstores oder Schallschutzbilder wirksam Abhilfe – sie können sogar dekorativ sein. Die derzeit in Überarbeitung befindliche DGUV Information 215-443 sowie das Lärmschutzarbeitsblatt IFA-LSI-01-200 geben einen guten Überblick über verfügbare Produkte und Materialien. Neben Bezugsquellen bieten sie praktische Hilfen und technische Daten zur akustischen Ausstattung von Büros (siehe Infobox auf Seite 12).

Lärmbelastung regelmäßig in der Gefährdungsbeurteilung überprüfen

„Arbeitgebende sind verpflichtet, den Beschäftigten konzentrationsgerechte Räume zur Verfügung zu stellen“, betont Dr. Schelle die Verantwortung der Betriebe. Dies geschieht am besten durch eine regelmäßige fachkundige Bewertung der Lärmbelastung in der Gefährdungsbeurteilung (GB). Nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes ist in der GB unter anderem die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte hin-sichtlich möglicher Gefährdungen zu überprüfen. Mit Erscheinen der ASR A3.7 „Lärm“ im Mai 2018 existieren nun auch konkrete und bindende Vorgaben zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm. Somit sind zum Beispiel Messungen der Nachhallzeit durchzuführen und Beurteilungspegel zu bestimmen. Zudem sind die Auswirkungen extra-auraler Lärmeinwirkungen auf die Psyche zu berücksichtigen: etwa die beeinträchtigende Wirkung von Gesprächen und Laufgeräuschen in Mehrplatzbüros.

Grundlegend sollte die lärmarme Gestaltung von Arbeitsstätten schon bei der Planung berücksichtigt werden. Dennoch erweist sich nach durchgeführter GB häufig, dass die bauliche Ausstattung bestehender Arbeitsstätten nicht ausreicht. Umbauten und andere ergänzende technische Maßnahmen sind dann gesetzlich vorgeschrieben. Erst danach kommen organisatorische Abhilfe und Persönliche Schutzausrüstungen wie Gehörschutzstöpsel ins Spiel. Das Tragen von Kopfhörern beziehungsweise das Hören leiser Musik zum Ausblenden von Gesprächen sollte eine Ausnahme sein. 

Autorin: Manuela Müller

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