Illustration, Hausmeisterin Conny mit Krönchen
Illustration: Thomas Walloch
Glosse

Voll Wertvoll!

Bestseller-Autorin Constanze Kleis schlüpft für topeins in die Rolle von Hausmeisterin Conny. Sie betrachtet alltägliche Dinge der Arbeitswelt aus einem ganz speziellen Blickwinkel.

Heute Morgen fürchtete ich mal kurz, dass ich bald tot sein könnte. Oder gekündigt. Oder dass ein Meteorit auf die Erde zurast. Nein, es lag nicht an meinem Tageshoroskop. Mir war nur der Geschäftsführer unserer Firma im Flur begegnet. Eigentlich ist Herr Dr. Müller ja immer total im Stress. Mehr als ein kurzes Kopfnicken, ein „Guten Morgen!“ oder ein knappes „Danke!“, wenn ich ihm eine neue Birne in seine Bürolampe geschraubt habe, ist da meist nicht drin.

Heute aber hatte er richtig viel Text. Fragte mich „Hatten Sie einen guten Wochenstart?“ und erklärte mir tatsächlich, wie toll er meine Arbeit fände. Kurz fühlte ich mich, wie in einem dieser Fernsehkrimis, in denen die Kommissare immer dann besonders zugewandt und milde sind, wenn sie Angehörigen eine schlimme Nachricht überbringen müssen. Aber dann beruhigte mich Lisa vom Empfang: „Der Chef kommt gerade von einem Coaching, ‚Führungsaufgabe Nummer eins: Wertschätzung zeigen‘!“ Sie hielt mir einen Prospekt unter die Nase. Und da stand, dass aktive Anerkennung und staunende Beachtung die Superkräfte der Wirtschaft seien, der Treibstoff von Motivation und einer produktiven Arbeitsatmosphäre. „Oh, da bin ich wirklich froh“, sagte ich zu Lisa. Und nicht nur, weil ich sehr erleichtert war, nun doch nicht so bald sterben zu müssen. Ich fühlte mich tatsächlich enorm beflügelt und Herrn Dr. Müller sehr nahe.

Ich meine, wir als High Performer wissen ja selbst sehr gut, wie man vor lauter Alltagsgerödel oft zu nix mehr kommt und anderen deshalb schon mal vorenthält, was man selbst bei der Arbeit noch mehr vermisst als ein paar zusätzliche Feiertage: die Grundnahrungsmittel einer jeden Beziehung – nämlich Respekt, Beachtung, Bedeutsamkeit. Und unter uns: Es lohnt sich! Lisa hat mir jedenfalls gleich einen Kaffee gekocht, nachdem ich ihr endlich mal gesagt habe, wie beeindruckend sie diese total komplizierte Telefonanlage managt, und hat mich nach Kräften zurück voll wertgeschätzt. So beflügelt habe ich ihr dann endlich auch den Computertisch repariert und bin beschwingt nach Hause gegangen, um auch meinen Mann einmal für das leckere Essen zu loben, das er fast jeden Abend für uns kocht. „Willst du dich scheiden lassen? Hast du einen Neuen? Bin ich schwer krank?“, wollte er wissen. Aber da konnte ich ihn schnell beruhigen. Am Ende wissen wir ja eigentlich, dass es ohne uns nicht geht. Wir würden es bloß einfach gern sehr viel öfter hören.  

Autorin: Constanze Kleis

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