Training mit einem Roboteranzug bei verletzter Wirbelsäule
Fotos: BG Unfallklinik Bergmannsheil Bochum
Erfolgreiche Rehabilitation

Wieder Laufen lernen im Roboteranzug

Verletzungen der Wirbelsäule führen meist zu einem Leben im Rollstuhl. Ein Training im Roboteranzug kann helfen, die Gehfähigkeit wiederzuerlangen. Die gesetzliche Unfallversicherung bietet ihren Versicherten für eine erfolgreiche Rehabilitation diese neue Therapieform an.

Mit den glänzend weißen „Knochen“ und Gelenken des Roboteranzugs, die seinen Körper von außen stützen, und dem Surren der Motoren, die seine Knie beugen, kommt Rolf Kalinski* (Name von der Red. geändert) sich anfangs vor wie ein Außerirdischer. Doch schnell gewöhnt sich der 34-jährige Architekt an das zweistündige Training im Exoskelett, das er nach einem Arbeitsunfall tagtäglich an der Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinik Bergmannsheil in Bochum absolviert. Kalinski stürzte bei der Besichtigung einer Baustelle vom Dach und erlitt eine schwere Verletzung der mittleren Brustwirbelsäule und der rechten Hüftgelenkspfanne. Diagnose: Querschnittslähmung mit geringer Restfunktion in puncto Bewegung und Berührungsempfinden. Sein Betrieb meldete den Unfall dem Unfallversicherungsträger sofort. Arbeits- und Wegeunfälle müssen der zuständigen Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse bei schweren Gesundheitsschäden oder immer dann, wenn die Beschäftigten mehr als drei Tage arbeitsunfähig sind, gemeldet werden. 

Der Roboter unterstützt die Bewegungsidee

Im Fall von Rolf Kalinski kümmerte sich die zuständige Berufsgenossenschaft um Heilbehandlung und Rehabilitation. Nach erfolgter Wirbelsäulen-OP und Heilung der Knochenbrüche schickte sie den Mitdreißiger knapp zehn Wochen nach dem Unfall zum Lauftraining mit dem Roboteranzug HAL nach Bochum. Das Exoskelett HAL unterstützt die Bewegungsabläufe. Es nimmt minimale Nervenimpulse in den Gliedmaßen mit Sensoren auf und interpretiert sie. Motoren an den Robotergelenken liefern die nötige Kraftunterstützung zum Ausführen der Bewegungsidee des Menschen. „Wir konnten in mehreren Studien zeigen, dass regelmäßiges Training die Bewegungsfähigkeit von Querschnittsgelähmten erheblich verbessert“, erklärt Dr. Mirko Aach, Oberarzt am Bergmannsheil.

Keine Wundermaschine

„Das Training mit dem Exoskelett kann die Bewegungsfähigkeit besonders bei frisch verletzten Querschnittsgelähmten dauerhaft fördern“, erklärt Dr. Aach. Wunder vollbringt der Roboteranzug jedoch nicht. Das Training hat nur Aussicht auf Erfolg, wenn die Querschnittslähmung nicht komplett ist. Geringe Aktivitäten in den für das Hüft- und Kniegelenk relevanten Muskeln müssen vorhanden sein, so dass schwache neurologische Restimpulse in der Muskulatur sensorisch erfasst werden können. 

Positive Effekte

Am Bergmannsheil wurden über 100 inkomplett querschnittsgelähmte Patientinnen und Patienten mit dem Exoskelett behandelt. Resultat: deutlich verbessertes Gehvermögen und gestärkte Muskeln. Gehen am Rollator, an Gehstützen oder auch ohne Gehstützen wurde für viele möglich. Weitere positive Effekte waren: Rückgang der Nervenschmerzen, weniger Muskelverkrampfungen, Erhöhung der Hautempfindlichkeit und damit ein verringertes Risiko des Wundsitzens oder -liegens. Nach der Therapie bleiben die Erfolge, wenn sich die Patientinnen und Patienten im Alltag aktiv bewegen – etwa aus dem Rollstuhl aufstehen, mit dem Rollator oder mit Gehstützen gehen. 

Nach dreimonatigem täglichen Training verbesserten sich auch bei Rolf Kalinski die Muskelfunktionen deutlich. Heute kann Kalinski selbstständig an zwei Unterarmstützen gehen. Mit Hilfe der gesetzlichen Unfallversicherung und dank Exoskelett-Training schaffte der Architekt die berufliche Wiedereingliederung und arbeitet wieder an seinem früheren Arbeitsplatz.

Autorin: Christine Speckner

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