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BEM

Zurückkommen und bleiben

Sechs Wochen ausfallen und dann voll durchstarten? Das geht selten gut. Mit einem Eingliederungsmanagement fahren Betriebe deutlich besser.

Nach längerer Abwesenheit kommt Petra Gruber (Name von der Redaktion geändert) an den Arbeitsplatz zurück. Alle Beteiligten sind erleichtert, dass sie wieder einsatzfähig ist. Zunächst hatte sich die Altenpflegerin an einzelnen Tagen wegen Rückenschmerzen krankgemeldet. Schließlich sorgte ein Bandscheibenvorfall dafür, dass die Mittvierzigerin ins Krankenhaus und zu Reha-Maßnahmen musste. Für das Team des Pflegedienstes hieß das: Grubers Aufgaben wurden verteilt, die Kolleginnen und Kollegen mussten in die Bresche springen, auch der Chef hatte einiges mehr zu tun. 

Wiedereinstieg – gut vorbereitet

Die Gesetzeslage ist eindeutig: Fehlen Beschäftigte mehr als 42 Tage innerhalb von zwölf Monaten, sind Unternehmen verpflichtet, den Rückkehrenden ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anzubieten. Dies ergibt sich aus § 167 Absatz 2 Sozialgesetzbuch IX. Kommen Betriebe dieser Pflicht nicht nach, kann das durchaus Folgen haben – etwa bei einer krankheitsbedingten Kündigung. Bietet das Unternehmen den Betroffenen kein BEM an, setzt es sich dem Risiko aus, einen nachfolgenden Kündigungsschutzprozess zu verlieren. Darauf weist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinen Publikationen zum BEM explizit hin. 

Die Idee hinter dem BEM: die Arbeitsfähigkeit nach längerer Erkrankung oder Verletzung wiederherstellen und erhalten. „Es liegt im Interesse des Betriebes, gegebenenfalls die Arbeitsbedingungen an die gesundheitliche Konstitution anzupassen, wenn Beschäftigte nicht mehr so einsatzfähig sind wie zuvor“, erklärt Tobias Belz, Leiter des Sachgebietes „Beschäftigungsfähigkeit“ bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Neue Ausfallzeiten vermeiden

Für Petra Grubers Chef ist klar, dass eine mögliche weitere Krankschreibung das Team an die Belastungsgrenze brächte – und ihn gleich mit. „Wenn die Rückkehr nicht gut läuft, kann es zu erneuten Ausfallzeiten, zu Konflikten untereinander oder gar zu arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen kommen“, weiß er aus einem vorherigen Fall. 

Egal, ob körperliche oder psychische Beschwerden für die Ausfallzeiten gesorgt haben: Das BEM leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit – das gilt vor allem angesichts älter werdender Belegschaften. „Der Betrieb sollte über die Ziele und das Vorgehen aufklären“, rät Tobias Belz. Er weiß jedoch, dass viele Unternehmen auch fast 15 Jahre nach Einführung der gesetzlichen Verpflichtung nicht über geeignete Prozesse und Kompetenzen zum BEM verfügen. Ein strukturiertes Vorgehen und die Unterstützung von Führungskräften seien allerdings wichtig, um mit den betroffenen Personen konstruktiv und fair umgehen zu können und sie wieder einsatzfähig und mobil zu machen.

Wie das BEM mobil macht

Die Werkbank für einen hoch gewachsenen Mitarbeiter erhöhen. Einen gefederten Sitz in einen Gabelstapler einbauen. Oder einen individuellen Einsatzplan für den Drei-Schicht-Betrieb entwickeln – solche Maßnahmen können aus einem BEM entstehen. Grundsätzlich sind folgende Aspekte zu berücksichtigen beziehungsweise hilfreich für die Wiedereingliederung: 

  • Arbeitszeit und/oder -pensum erst nach und nach steigern
  • Arbeitsplatz und/oder -umfeld ergonomischer gestalten
  • Arbeitsorganisation verändern
  • Tätigkeit verändern, gegebenenfalls qualifizieren oder umschulen
  • Im Umgang mit chronischen Erkrankungen schulen 
  • Arbeitsmedizinische Beratung, beispielsweise zu Sucht- oder Mobbingaspekten

Welche Maßnahmen im jeweiligen Fall die richtigen sind, finden die Beteiligten in den Rückkehrgesprächen heraus.

„Wir lernen jetzt Rückengesundheit“, sagt Petra Gruber nach dem Gespräch mit ihrem Chef. Das Maßnahmenpaket: Am Anfang ein paar Stunden mehr organisatorische Aufgaben im Büro, danach die Einsatzzeiten im ambulanten Dienst steigern. Außerdem wird eine Hebehilfe angeschafft, mit der Personen rückenschonender umgebettet werden können – das kommt allen Teammitgliedern zugute. Ebenso wie eine Beratung zum Thema Rückengesundheit, die der Chef des Pflegedienstes bei der Berufsgenossenschaft anfragen will.

Führungskräfte brauchen Handlungssicherheit

„Manchmal werden durch BEM Veränderungen angestoßen, von denen das ganze Team gesundheitlich profitiert“, weiß auch Sascha Goldbeck, Reha- und BEM-Berater bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Er empfiehlt Führungskräften, das Gespräch mit zurückgekehrten Beschäftigten möglichst früh und aktiv zu suchen. „Das gibt – am besten in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben – den Führungskräften Handlungssicherheit“, so Goldbeck. Unterstützung finden sie bei der Personalabteilung, bei Betriebsärzten und -ärztinnen und bei Fachkräften für Arbeitssicherheit. In der Regel ist es hilfreich, die betriebliche Interessenvertretung einzubeziehen. Ausnahme: Die Person, um deren Wiedereinstieg es geht, möchte dies nicht. 

Selbstverständlich unterliegen beim BEM alle Beteiligten der Schweigepflicht. Auch der Datenschutz muss sehr ernst genommen werden. „Gerade diese Aspekte sollten gegenüber Beschäftigten hervorgehoben werden – und zwar von Beginn an“, empfiehlt Goldbeck. „Ansonsten lässt sich eine betroffene Person kaum darauf ein.“ Verpflichtet werden kann sie zum BEM nämlich nicht. Entscheidet sie sich dafür, ist sie zur Mitwirkung verpflichtet, kann ihr Einverständnis jedoch widerrufen. 

Aufwand gering halten

Um den Aufwand gering zu halten, nutzen Betriebe für ein BEM möglichst bestehende Strukturen der Prävention und Rehabilitation. Berufsgenossenschaften und Unfallkassen bieten auf Anfrage Beratung zum Thema BEM an. Eventuell lohnt es sich für Betriebe, eigene BEM-Beauftragte qualifizieren zu lassen. „Es gelten keine formalen Zugangsvorraussetzungen“, erklärt Goldbeck. „Wer die Aufgabe übernehmen will, sollte das Vertrauen von Belegschaft und Führungskräften genießen, Empathie und Durchsetzungsvermögen mitbringen und die Aufgabe mit Herzblut angehen.“ 

Petra Gruber geht ihrem Job wieder mit vollem Einsatz nach – nur rückenschonender. Sie trainiert regelmäßig in einem Fitnessstudio und hat von ihrem Chef gezeigt bekommen, wie sie Belastungen beim Heben und Tragen vermeidet oder besser damit umgeht. Projekt BEM geglückt.

Autorin: Miriam Becker

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