Conny lehnt sich entspannt im Bürostuhl zurück
© Thomas Walloch
Glosse

Aktives Nichtstun

Bestseller-Autorin Constanze Kleis schlüpft für topeins in die Rolle von Hausmeisterin Conny. Sie betrachtet alltägliche Dinge der Arbeitswelt aus einem ganz speziellen Blickwinkel.

Eigentlich neige ich nicht zu Verschwörungstheorien. Ich meine, ich bin Hausmeisterin, da bleibt man schon von Berufs wegen auf dem Boden. Trotzdem habe ich heute Morgen kurz darüber nachgedacht, ob nicht doch etwas dran ist an der Behauptung, dass Aliens Menschen entführen, um sie umzuprogrammieren. Denn so hatte ich unseren Chef noch nie erlebt: Statt wie sonst hektisch wie ein Hamster am Rad zu drehen und mindestens zwei Dinge gleichzeitig zu tun, saß er so ruhig in seinem Stuhl und tat weiternichts, als zu atmen und aus dem Fenster zu schauen, dass ich zur Abwechslung mal ganz unruhig wurde „Was ist bloß los mit Herrn Müller? Scheidung? Oder gab es in der Kantine etwas, das ich besser nicht auch noch essen sollte“, fragte ich Lisa vom Empfang, die gewöhnlich immer alles weiß. Die Antwort kam prompt: „Du erlebst gerade die Entdeckung der Muße und Langsamkeit!“

Trends kommen, Trends gehen

Herr Müller habe die Nase mal wieder ganz vorn im neuen Business-Trend „Joy of Missing Out“. Das sei die Freude daran, etwas Wegzulassen, nämlich die Hektik und das Gefühl, auf allen Hochzeiten tanzen zu müssen, klärte Lisa mich auf. „Statt jede Minute zweckdienlich auszuweiden, im Terminkäfig weiter hin und her zu hetzen, tut man jetzt ganz bewusst einmal nichts. Weil man danach angeblich wieder sehr viel produktiver sein kann.“ „Aber dann tut man ja doch etwas!“, argumentierte ich – wie ich fand – messerscharf. „Nämlich auch die Pause zum Nutztier zu machen, das möglichst viel Ertrag an Kreativität und Power bringen soll, anstatt die Muße sinnlos zu verplempern – wozu sie ja eigentlich mal gedacht war.“ Aber dann rezitierte mir Lisa Herrn  Müllers Vortrag. Demnach bedeute Muße ohnehin „Gelegenheit, Möglichkeit“. Damit habe Muße immer schon als Plansoll für aktives Nichtstun gegolten.

Joy of Missing Out

Das klang schon eher nach Herrn Müller, nun auch noch das Ausruhen zu einer Art Vollbeschäftigung zu machen. Als ich ihn kurz darauf laut und ungeduldig rufen hörte: „Frau Schmidt!! Wo bleibt mein Grüner Tee?“, war ich irgendwie doch ganz froh, dass er offenbar nicht von Aliens infiltriert, sondern ganz der Alte war. Nicht, dass Frau Schmidt nun auch das aktive Pausenmachen entdeckt und aus dem Fenster geschaut hätte. Vielmehr hatte sie während Herrn Müllers bewusster Auszeit seinen Vortrag korrigiert. Offenbar ist der Trend „Joy of Missing Out“ dann doch nicht für jeden gedacht. Ich jedenfalls werde der Muße weiterhin in meiner Freizeit frönen. Aber dann darf sie auch so sein, wie sie immer war – ein von jedweden Hausaufgaben befreites Vergnügen.

Autorin: Constanze Kleis

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