Mann fährt auf einem Lastenrad
© DLR
Betriebliches Mobilitätsmanagement

Auf die letzte Meile, fertig, los!

Vor allem in Großstädten können Lastenräder für Unternehmen eine umweltfreundliche und praktische Alternative zum Pkw oder Lkw darstellen. Auf den ersten Einsatz sollten Betriebe ihre Beschäftigten gut vorbereiten.

Als der Onlineversandhändler Amazon im Oktober 2017 sein Logistikzentrum in Dortmund eröffnete, parkten vor dem Gebäude zahlreiche Luxuslimousinen. Der fahrbare Untersatz von Stefan Peltzer wirkte neben so vielen PS eher ungewöhnlich. Drei Räder, vor dem Lenker ein großer Aufbau aus Holz: Peltzer war mit dem Lastenrad angereist. „Wir wollten damit ein Zeichen setzen“, erklärt Peltzer, der bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund das Referat Mobilität, Verkehr und Logistik leitet und deshalb zur Eröffnung des Logistikzentrums geladen war. Schon seit dem Jahr 2014 beschäftigt sich die IHK mit Transporträdern als Alternative für den Fuhrpark. „In einer Metropole haben Lastenräder echte wirtschaftliche Vorteile“, sagt Peltzer. Statt selbst für kurze Wege endlos im Stau zu stehen, können Unternehmen ihre Produkte schnell und kostengünstig von einem Ort an den anderen transportieren. Bis zu 500 Kilogramm können die Räder tragen. Das Ziel der IHK: möglichst viel Werbung für das Lastenrad machen, damit sich mehr Unternehmen im Netzwerk ebenfalls dafür entscheiden.

Städte entlasten – auf mehreren Ebenen

Die IHK zu Dortmund ist eine von rund 800 Teilnehmenden des bundesweiten Projekts „Ich entlaste Städte“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Von Sommer 2017 bis Ende 2019 haben Unternehmen und Institutionen für jeweils drei Monate getestet, wie gut sie mit einem Lastenrad zurechtkommen. Bei den Teilnehmenden handelte es sich etwa um Handwerksbetriebe, öffentliche Einrichtungen und Lieferdienste. Das DLR begleitete sie mit regelmäßigen Befragungen und GPS-Tracking. „Rund 80 Prozent der Teilnehmenden entschieden sich aus Umweltgründen für die Teilnahme am Lastenradtest“, sagt Projektleiter Johannes Gruber. „Vielen war es zudem wichtig, als gutes Beispiel in ihrer Branche voranzugehen.“ Das Fazit: Knapp ein Drittel der sogenannten Testpiloten waren von den Lastenrädern so überzeugt, dass sie sie nun langfristig im Fuhrpark einsetzen.

Lastenräder sind im Straßenverkehr längst keine Ausnahme mehr. Rund 76.000 von ihnen wurden im vergangenen Jahr hierzulande verkauft, geht aus den Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) hervor. Immerhin vier Prozent aller in 2019 verkauften E-Bikes waren Lastenräder. Bei Liefer- und Kurierdiensten sowie bei der Post sind sie bereits etabliert. Aber auch in anderen Branchen kann sich der Einsatz lohnen. So berichtete ein Immobilienmakler aus Pulheim bei Köln nach dem DLR-Projekt, dass sich das Lastenrad für seine Besichtigungstermine optimal eigne: Laptop, Aktenordner und Kameraequipment habe er problemlos verstauen können.

Vorteile überwiegen

„Unternehmen setzen Lastenfahrräder zunehmend für die letzte Meile ein“, sagt Ralf Hüttig von der BG Verkehr, außerdem Leiter des Sachgebiets Postsendungen im Fachbereich Handel und Logistik der DGUV. Die Gründe: Transporträder sind flexibler als Autos, sie können Staus in der Innenstadt ausweichen und brauchen kaum Abstellfläche. Wer ein Lastenrad fährt, braucht zudem keine Fahrerlaubnis – selbst wenn es sich um ein Modell mit elektromotorischer Tretunterstützung bis 25 km/h handelt. Und nicht zuletzt sind die Räder meist günstiger als Automobile: Posträder oder sogenannte Pizzabikes sind laut DLR-Experte Gruber im niedrigen vierstelligen Bereich erhältlich. Am teuersten sind mit 8.000 bis 12.000 Euro noch die professionellen Schwerlast-Dreiräder. Wartungs- und Versicherungskosten sind niedriger als beim Pkw. Die Teilnehmenden des DLR-Projekts berichten zudem davon, dass der Einsatz der Lastenräder ihr Image verbessert, die Gesundheit der Beschäftigten fördert und deren Bindung ans Unternehmen stärkt.

Dass sich Lastenräder noch nicht flächendeckend im Fuhrpark durchgesetzt haben, hat mehrere Gründe. Einigen Unternehmen ist die Umstellung zu aufwändig. Räder werden nur als zusätzliches Transportmittel angeschafft, weiß Gruber vom DLR. „Sie ersetzen die Pkw deshalb nicht sofort. Die Kostenersparnis durch das Lastenrad macht sich also nicht direkt bemerkbar.“ Auch ist die Ladekapazität eines Rads begrenzt: Sperrige Teile lassen sich kaum transportieren. Radfahrende sind zudem Wind und Wetter ausgesetzt.

Gefährdung erfassen

Betriebe müssen deshalb auch das Gefährdungspotenzial der Fahrzeuge im Blick haben. Wer vorher nie ein Lastenrad genutzt hat, weiß zum Beispiel oft nicht, wie man es richtig belädt. „Wichtig ist, die Lasten gleichmäßig und sicher zu verstauen“, sagt Hüttig von der BG Verkehr. „Der Gesamtschwerpunkt sollte so niedrig wie möglich sein und das maximal zulässige Zuladungsgewicht jeder einzelnen Lastenaufnahme nicht überschritten werden.“ Dennoch können vor allem ungeübte Fahrende stürzen oder umkippen – gerade bei zweirädrigen Modellen gelingt es nicht immer auf Anhieb, die Balance zu halten. 

Hüttig empfiehlt dringend einen Fahrradhelm – am besten regelten Unternehmen das über eine betriebliche Helmpflicht. Im Sommer ist auch auf ausreichenden UV-Schutz zu achten. Ist der Radweg zu schmal oder die Strecke schwierig zu befahren, sei es sinnvoll, das Tempo zu drosseln – oder eine andere Route zu wählen. Das betrifft vor allem Fahrten auf Kopfsteinpflaster: Der unebene Grund führt zu Vibrationen, die Knochen- und Gelenkschäden, Durchblutungsstörungen in Hand und Arm sowie Rückenschmerzen verursachen können. 

Unbedingt: Unterweisung

Betriebe müssen ihre Beschäftigten auf den Fahrradeinsatz vorbereiten, sagt Hüttig. „Aufbauend auf der Gefährdungsbeurteilung sollten Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor dem ersten Einsatz theoretisch und praktisch unterweisen, worauf sie beim Lastenrad achten müssen.“ Auch eine schriftliche Betriebsanweisung sollten die Beschäftigten erhalten. Gleichzeitig hält der Verkehrsexperte es für notwendig, dass Arbeitgebende das Lastenfahrrad regelmäßig prüfen lassen und dass Mitarbeitende vor Fahrtantritt eine Sicht- und Funktionskontrolle durchführen.

Auch die IHK zu Dortmund hat ihr Team auf den Einsatz des Lastenrads vorbereitet. „Wir haben alle einen Helm getragen und ein Radfahrtraining absolviert“, sagt Referatsleiter Peltzer. Vor ihrem ersten Einsatz haben die Beschäftigten möglichst viele Szenarien durchgespielt, etwa: Was tun bei einem platten Reifen? „Genau wie für unsere Pkw-Flotte haben wir hierfür einen Pannendienst“, erklärt Peltzer. Gemeinsam mit der örtlichen Wirtschaftsförderung hat die IHK zu Dortmund nun die Initiative „CargoBike Dortmund“ gestartet: Sie vermittelt Betriebe an geeignete Anbieter und organisiert Testeinsätze – ganz nach ihrem Motto, ein Zeichen zu setzen.

Autorin: Nina Bärschneider

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