Conny hält sich die Ohren zu, weil jemand flucht
Glosse

Brüllaffe im Streichelzoo

Bestseller-Autorin Constanze Kleis schlüpft für topeins in die Rolle von Hausmeisterin Conny. Sie betrachtet alltägliche Dinge der Arbeitswelt aus einem ganz speziellen Blickwinkel.

Gottes Tiergarten ist groß, sagt man ja. Das gilt natürlich auch und vor allem für die Arbeitswelt und ebenso für unsere Firma. Zumal, seit Dr. Brehm vor Kurzem hier angefangen hat und nun die betriebsinterne Artenvielfalt um die Kategorie „Brüllaffe“ erweitert. Nicht dass das hier vorher ein Streichelzoo gewesen wäre. Allerdings hatte es vor Dr. Brehm noch niemand geschafft, Mitarbeiter so dermaßen zu ängstigen. „Ich weiß ja nicht, was der sonst so draufhat – aber ganz sicher hat er ein Tyrannen-Diplom und zwar mit Auszeichnung“, unkte Lisa vom Empfang. Selbst unsere Buchhalterin Frau Schmidt, der man nachsagt, sie würde sich nicht mal durch einen Meteoriteneinschlag aus der Ruhe bringen lassen, kam kürzlich mit Tränen in den Augen aus dem Büro des Cholerikers. Der hatte sich eingebildet, Frau Schmidt hätte einen Fehler gemacht. Hatte sie natürlich nicht. Trotzdem sah Herr Brehm keinen Anlass, sich bei ihr zu entschuldigen.

Teuer zu stehen

Schon gar nicht für eine Personalpolitik, die vermutlich von der CIA ausgetüftelt wurde, nachdem die mit Guantanamo Bay fertig war, und für einen Ton, der eigentlich unter die Lärmschutzverordnung fallen müsste. „Seit wann werden bei uns Leute danach eingestellt, wie viele Dezibel sie schaffen!?“ wunderte sich Frau Schmidt, als sie sich wieder gefasst hatte. Dann rechnete unsere Zahlenexpertin mir noch vor, dass laut einer Studie immerhin drei von zehn befragten Fachkräften schon einmal wegen ihrer Vorgesetzten den Job gekündigt haben und dass Dr. Brehm unserem Betrieb aus diesem Grund noch teuer zu stehen kommen könnte: „Wer mag dauerhaft jeden Morgen freiwillig zum Kopfabreißen zur Arbeit?“ Ich sagte, dass gerade Männer, die brüllen, oft eigentlich bloß wahnsinnig unsicher sind. Frau Schmidt sah mich an, als halte sie mich für total meschugge, auch noch mildernde Umstände für Dr. Brehm geltend zu machen. Aber wie hatte schon Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister und Erfinder der sozialen Marktwirtschaft, gesagt: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie.“ Also habe ich Dr. Brehm kürzlich einfach auf dem Gang spontan mal kurz in den Arm genommen – selbstverständlich MIT Mund-Nase-Schutz. Seitdem weiß er offenbar auch, was Angst ist – denn er scheint sich ein wenig zu fürchten. Und nicht nur vor mir. Auch vor Kolleginnen und Kollegen, die alle ausnehmend entspannt sind, egal, wie sehr er das HB-Männchen gibt. Er weiß ja nicht, was wir dank Lisas exzellenter Verbindungen in die Vorstandsetage erfahren haben: dass der Brüllaffe vom Zoodirektor zum Anti-­Aggressions-Training mit anschließendem Schweige-Retreat beordert wird.

Autorin: Constanze Kleis

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