Trauma nach Unfall
Betriebliches Mobilitätsmanagement

Die Angst überwinden

Traumata nach Verkehrsunfällen sind keine Seltenheit. Jedes vierte Unfallopfer erleidet psychische Verletzungen, die sowohl das Privatleben als auch die Berufsausübung stark beeinträchtigen. Eine frühzeitige Therapie und das Training im Fahrsimulator können helfen, die Probleme zu überwinden.

Björn P. ist als Außendienstmitarbeiter oft mit dem Auto unterwegs. So auch im März 2012 ,als er morgens auf einer kurvenreichen Landstraße zu einem Kunden nahe der Schweizer Grenze fährt. Dort wird er jedoch nicht ankommen. Vom Tippen am Handy abgelenkt verlässt ein entgegenkommender Autofahrer plötzlich seine Spur und rast direkt auf ihn zu. Für ein Ausweichmanöver bleibt keine Zeit. Mit 100 km/h prallt das andere Auto frontal auf Björn P.s Wagen. Die Windschutzscheibe zersplittert, die Fahrertür ist herausgerissen, als das Auto von Björn P. nach mehreren Drehungen zum Stehen kommt. 

Aussteigen kann der damals 39-Jährige allein. Sein erster Gedanke: „Ich lebe noch!“ Dann registriert er die vielfältigen Verletzungen: Beide Handgelenke sind gebrochen, er hat Schnittwunden am Arm, Prellungen an Schulter und Hüfte – die Sonnenbrille ist mit Glassplittern gespickt. Im Krankenhaus wird zudem eine Gehirnerschütterung festgestellt. Lebensgefahr besteht nicht; die Airbags haben Schlimmeres verhindert. Dennoch beeinträchtigen die Folgen des Unfalls den vierfachen Familienvater monate- und jahrelang. Neben den starken Kopf- und Handschmerzen sind es vor allem die seelischen Verletzungen: Björn P. leidet unter Panikattacken und starker Fahrangst. Der Unfall hat ihn traumatisiert.

Was ist ein Trauma? 

In der Psychologie versteht man unter Trauma das Erleben einer bedrohlichen Situation oder eines Ereignisses, das mit ausgeprägten Gefühlen von Angst und Hilflosigkeit und/oder dem schutzlosen Ausgeliefertsein einhergeht. Die Folgen sind sehr häufig Angst, ungewolltes Wiedererleben des Unfalls und Entfremdung vom sozialen Umfeld – so auch bei Björn P. Mit den Gedanken ständig bei dem Unfall und durch die starken Schmerzmittel von seinen Gefühlen abgeschnitten, kann er über Monate nicht die Bedürfnisse seiner Frau und Kinder wahrnehmen. Er ist schreckhaft und reizbar: „Ich war völlig unausstehlich damals“, sagt der Familienvater heute.

2017 erlitten rund 33.000 Menschen ein solches Trauma aufgrund von Verkehrsunfällen auf dem Weg zu oder von der Arbeit beziehungsweise während eines Dienstwegs (siehe Zahlenzitat auf Seite 12 oben). 
Auch wenn es relativ häufig zu Beschwerden kommt, treten sie nicht zwangsläufig auf. Jeder Mensch reagiert anders auf traumatisierende Erlebnisse durch einen Verkehrsunfall. 

Manche Betroffene meiden bestimmte Situationen, Orte oder Personen, die sie an den Vorfall erinnern. Wieder andere entwickeln Fahrängste. Die Angst kann sich auf spezielle Situationen, wie Fahren auf der Autobahn, beziehen, oder auf das Fahren im Straßenverkehr im Allgemeinen, wie bei Björn P.

„Im Normalfall verschwinden solche Symptome nach einer gewissen Zeit. Einige leiden aber auch Wochen oder Monate danach noch unter den Symptomen. Bei diesen Personen liegt oft die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) vor“, erklärt Anne Gehrke, Referentin im Bereich Verkehrssicherheit beim Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG). 

Schnelle und professionelle Hilfe ist entscheidend

Autofahren kann Björn P. nach dem Unfall überhaupt nicht. Für ihn als Außendienstmitarbeiter ist das existenzgefährdend. Er entscheidet sich, die Hilfe einer Psychotherapeutin in Anspruch zu nehmen. Es dauert ein Jahr, bevor er sich wieder hinter das Steuer setzen kann, begleitet von seiner Frau. Die nur 300 Meter lange Fahrt durch den Ort zum Metzger gleicht einer Höllentour. Die Hände ums Lenkrad gekrampft, den Körper in Schweiß gebadet, zuckt Björn P. bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Der Unfall ist noch nicht verarbeitet.

„Wenn Traumatisierungen nicht zeitnah erkannt und zielgerichtet behandelt werden, können sich bei den Betroffenen schwerwiegende Krankheitsbilder einstellen. Dies ist auch mit wirtschaftlichen Folgen für das Unternehmen verbunden“, so Gehrke. Eine professionelle Behandlung und gegebenenfalls auch Fahrtrainings sind geboten, um dauerhafte Angstzustände und eine Chronifizierung zu vermeiden. „Bei sehr massiven oder spezifischen Ängsten in Bezug aufs Fahren bietet das IAG Fahrtrainings in einem Fahrsimulator an. Das Training ist ein unterstützendes Angebot zur Therapie von Fahrängsten oder PTBS“, erklärt Gehrke. Bei Björn P. ist es schließlich der Fahrsimulator, der die Wende im Heilungsprozess bringt.

Was können Arbeitgebende tun?

„Traumatisierende Situationen lassen sich natürlich nie gänzlich vermeiden. Doch mit der richtigen Prävention lernen Beschäftigte mit diesem Risiko umzugehen. Und: Prävention geht immer vor Rehabilitation!“, so Gehrke. Dies erspare seelisches und körperliches Leid – und es reduziert die Kosten. So können Führungskräfte ihren Beschäftigten Schulungen an­bieten, die auf brenzlige Situationen vorbereiten: In der ambulanten Pflege sind das etwa Strategien zum inneren Abstandnehmen nach belastenden Situationen beim Klienten, bevor die Autofahrt zum nächsten Termin erfolgt.

Traumata in die Gefährdungsbeurteilung aufnehmen

Die DGUV empfiehlt Unternehmen, ihre Gefährdungsbeurteilung (GBU) um mögliche Gefährdungen durch traumatisierende Ereignisse zu erweitern. „Ergibt sich anhand der GBU Handlungsbedarf, müssen Unternehmen ihre bisherigen Maßnahmen überprüfen und gegebenenfalls ein Konzept zur Betreuung von Mitarbeitenden erstellen“, erklärt Gehrke (siehe Kasten auf Seite 11). Die Psychologin empfiehlt, dabei eine Fachkraft für Arbeitssicherheit und eine Betriebsärztin oder einen Betriebsarzt einzubeziehen. Auch die Ausbildung von psychologischen Erstbetreuerinnen und Erstbetreuern ist eine gute Sache. Hilfe bekommen Arbeitgebende von der gesetzlichen Unfallversicherung. Eine Kooperation mit externen Anbietern psychologischer Erstbetreuung, die im Ernstfall schnell zur Stelle sind, ist ergänzend oder alternativ empfehlenswert. „Je schneller eine psychologische Erstbetreuung stattfindet, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich keine Traumafolgestörung entwickelt“, bekräftigt Gehrke.

Das Risiko eines traumatisierenden Erlebnisses durch Verkehrsunfälle variiert je nach Branche. Gerade Beschäftigte, die beruflich ein Auto nutzen, sind davon betroffen. Aber auch Lokführerinnen oder Lokführer sind diesem Risiko ausgesetzt, wenn sich etwa jemand vor den Zug wirft. „Es gibt nicht ‚den Weg‘ für Unternehmen, mit dieser Thematik umzugehen. Natürlich gelten bestimmte Regeln und Pflichten. Doch muss bei traumatisierten Menschen immer auch individuell gehandelt werden“, sagt Gehrke. Die Mediensammlung der DGUV zu den Themen Psyche und Trauma informiert Führungskräfte gezielt über Hintergründe und Handlungsmaßnahmen (siehe Infobox). 

Führungskräfte sollten ihre Mitarbeitenden ermutigen, sich professionelle Hilfe zu holen. Und sie sollten aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt – auch in Sachen Wiedereingliederung. „Betroffene, die beruflich Auto fahren müssen, können zu Beginn der Wiedereingliederung Verwaltungsaufgaben übernehmen, etwa das Festlegen der Fahrtstrecke oder das Kontrollieren und Warten der Fahrzeuge. So bleiben sie in der Thematik. Bei Berufskraftfahrenden besteht auch die Möglichkeit, diese zunächst mit einer Kollegin oder einem Kollegen mitfahren zu lassen“, erklärt Gehrke. 

Per Fahrsimulator zurück in den Beruf

Für Björn P. bringt das Training im Fahrsimulator die Wende. Denn obwohl er nach einem Jahr wieder Auto fuhr, hatte er doch ständig Angst, die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren. Zudem lösen knallende Türen oder das Splittern von Glas Panikattacken aus. Das speziell für ihn konzipierte Training führt ihn allmählich an die erlebte Situation heran: Ein Fahrzeug kommt ihm frontal entgegen. Mehrmals muss Björn P. die Simulation mit erhöhtem Puls und schweißgebadet abbrechen. Doch dann der Durchbruch: Wieder rast ein Fahrzeug auf ihn zu. Er bleibt gelassen und weicht aus. Heute kann Björn P. auch auf der Straße sein Auto ebenso sicher und angstfrei steuern. Er hat keine Panikattacken mehr, fühlt sich gesund. „Ich kann meinen Beruf wieder ausüben und meiner Familie ein Partner und Vater sein“, sagt Björn P. dankbar.

Autor/in: Florian Jung / Manuela Müller

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