Führung 4.0
© Marika Kleinhesseling
Führung zu Krisenzeiten

"Corona: Wichtig zu beruhigen ohne zu beschwichtigen"

Die massiven Folgen der Coronavirus-Pandemie verunsichern Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen. Wie man mit den Belastungen und Sorgen am Arbeitsplatz umgehen kann, erläutert Franziska Stiegler, Projektleiterin bei der Initiative psychische Gesundheit in der Arbeitswelt (psyGA).

Frau Stiegler, Unternehmen müssen ihre Arbeit umstellen oder sogar aussetzen, Mitarbeitende machen sich Gedanken um ihre Gesundheit oder haben Angst um ihren Job. Was bedeutet die aktuelle Situation für Betriebe und Beschäftigte? Was erleben Sie derzeit?

Auch bei uns dominiert die „Coronakrise“ die Arbeit und Gespräche. Im psyGA-Netzwerk findet viel Austausch dazu statt, was die wirtschaftlichen, aber auch gesundheitlichen Folgen der derzeitigen Ausnahmesituation sind. Beides gehört eng zusammen, wenn es z. B. um das Thema Arbeitsplatzsicherheit geht. Da wir auch internationale Konzerne im Netzwerk haben, merken wir, wie unterschiedlich Unternehmen auf der ganzen Welt reagieren müssen, abhängig vom Ausmaß des Erkrankungsgeschehens. Uns ist jetzt wichtig zu zeigen, dass man in Krisen wie diesen effektiv etwas für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz tun kann und sollte. Als Kooperationsprojekt aus Gesundheit, Wirtschaft und Wissenschaft können wir einiges an Fachwissen und praktischen Tipps einbringen.

Welche Rolle spielen die Führungskräfte in der aktuellen Situation? Wie sollten sie sich verhalten und kommunizieren?

Es gilt die alte Faustregel: Die Haltung der unmittelbaren Führungskraft ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entscheidend. Wenn wir wollen, dass die Beschäftigten die offiziellen Verhaltensregeln einhalten, dann müssen das auch ihre Führungskräfte konsequent tun. Sie sind hier Vorbild. Darüber hinaus haben sie eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie müssen sachlich und bedacht mit ihnen kommunizieren, Informationen geben, aber auch Bedenken und Sorgen ernstnehmen. Die Devise muss lauten: beruhigen, ohne zu beschwichtigen. Nicht alle Menschen gehen auf gleiche Weise mit der Krise um.

Welche Reaktionen gibt es denn?

Grundsätzlich gibt es, etwas plakativ gesprochen, drei Reaktionstypen von Menschen: die Vernunftbestrebten, die nach rationaler Aufklärung und Handlungsempfehlungen suchen. Dann diejenigen, die das Risiko eher leugnen und die man dazu bringen muss, Schutzmaßnahmen einzuhalten. Und drittens die Ängstlichen bis Panischen, denen man die extremen Sorgen nehmen muss. In der Kommunikation müssen Unternehmen alle erreichen.

Wie machen Sie das?

Es wird nicht gelingen, alle Beschäftigten einzeln anzusprechen. Deshalb sollte man seine Kommunikation möglichst breit aufstellen. Dabei muss es erstens darum gehen, Verständnis- und Informationslücken zu schließen, also Zusammenhänge zu veranschaulichen, medizinische Fakten allgemeinverständlich zu erläutern und wirklich die Fragen zu beantworten, die die Beschäftigten bewegen. Hierfür kann man z. B. Infografiken verwenden oder Vergleiche zu bekannten Krankheiten ziehen. Zweitens sollte die Wortwahl Sicherheit vermitteln. Das geht, indem man positive und neutrale Begriffe wie „Lösungen“, „Empfehlungen“, „Pläne“ oder „Unterstützung“ verwendet und auf Krisenbegriffe wie „Bedrohung“, „Infektion“, „Ansteckungsrisiko“ oder „Todesfälle“ verzichtet. Und drittens sollte man Informationen anbieten, aber sie den Beschäftigten nicht aufzwingen.

Es gibt immer auch Menschen, die besonders besorgt sind oder Mythen verbreiten. Wie kann man mit ihnen im Gespräch bleiben?

Indem man andere Positionen und Sorgen ernstnimmt, auch wenn sie nicht der eigenen Haltung entsprechen. Das bietet auch die Möglichkeit, die eigenen Standpunkte zu überdenken. Um unnötige Konflikte zu vermeiden, sollte man aber auf eine sachliche Ebene kommen, weg von Spekulationen und Gerüchten. Darüber hinaus ist es ratsam, nicht ausschließlich über das Coronavirus zu reden, sondern über andere Themen, die es ja auch noch gibt. Das bringt wieder ein Gefühl von Normalität in die Beziehungen.

Blicken wir auf das Thema Home-Office. Viele Beschäftigte machen gerade das erste Mal umfassender Erfahrung damit. Was raten Sie Führungskräften, damit es gelingt?

Unersetzlich ist natürlich die technische Infrastruktur. Darüber hinaus gibt es ein paar Regeln, die helfen. Erstens: Bleiben Sie in Kontakt und vereinbaren Sie hierfür feste Zeiten. Nichts ist schlimmer als überraschende Anrufe durch die Führungskraft, nur um der Kontrolle willen. Zweitens: Treffen Sie klare Abmachungen, was bis wann zu erledigen ist. Damit machen Sie deutlich, dass das Ergebnis zählt, nicht der Weg. Das funktioniert in der Regel gut, da die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Selbstorganisation gewohnt sind. Und drittens: Tauschen Sie sich ausdrücklich darüberaus, was im Home-Office funktioniert und was nicht. So können Sie an den Stellen nachsteuern, wo es noch nicht rund läuft.

Und was empfehlen Sie Mitarbeitenden, die aufgrund der jetzigen Ausnahmesituation wenig zu tun haben?

Wie in jeder Krise liegt auch hier eine Chance. Bis vor kurzem drehte sich die Diskussion noch um Arbeitsverdichtung, Stress und den Wunsch nach Entschleunigung. Nun ist genau diese Situation eingetreten, wenn auch nicht freiwillig. Dennoch sollten wir das Beste daraus machen. Zum Beispiel kann man die vorhandene Zeit für Qualifizierung nutzen und sich endlich das aneignen, was man bisher nicht geschafft hat, etwa Tutorials im Internet anschauen oder Fachthemen nachlesen. Oder man nutzt die Zeit, um die Ablage aufzuräumen oder Maschinen und Werkzeuge auf Vordermann zu bringen. All das wird nützlich sein für die Zeit nach Corona.

Apropos Zukunft: Verändert das Coronavirus die Belegschaften?

Die Gefahr besteht, wenn Stigmatisierung um sich greift. Das müssen wir vermeiden. Es ist wichtig, die Krankheit vom Menschen zu unterscheiden und die Weltgesundheitsorganisation zu unterstützen, wenn sie sagt: Wer von Covid-19 betroffen ist, hat nichts falsch gemacht, sondern verdient unsere volle Unterstützung und Herzlichkeit. Das können wir schon bei unserer Sprache zeigen, indem wir nicht von „Covid-19-Fällen“ sprechen, sondern von „Menschen, die wegen Covid-19 in Behandlung sind“.

Haben Sie zum Abschluss ein paar Faustregeln? Was ist das „Händewaschen“ für die Psyche?

Erstens: Minimieren Sie den Nachrichtenkonsum auf das Notwendige. Sonst bekommt das Thema zu viel Raum. Zweitens: Nutzen Sie seriöse Informationsquellen und folgen Sie keinen Gerüchten. Drittens: Bieten Sie anderen Unterstützung an. Das festigt langfristig die sozialen Beziehungen. Und viertens: Konzentrieren Sie sich darauf, was nach wie vor alles möglich ist. Es gibt noch viel Freiheit, die man bewusst nutzen kann. 

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