Berufsbedingt unterwegs
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Aus Wissenschaft und Forschung

Gute Fahrt!

Berufsbedingt unterwegs – das trifft auf viele Menschen in Deutschland zu. Und es werden mehr, denn die Mobilität im Job steigt. Damit die Beschäftigten sicher ankommen, werden im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) Präventionsansätze erforscht – praxisnah im Betrieb.

Autobahn, Stadtverkehr, Stau, Parkplatzsuche: Für viele Berufstätige ist das auch im Job Teil des Alltags. Pflegedienste, Montage- und Serviceteams, Vertriebsmitarbeitende und viele andere sind jeden Tag auf den Straßen unterwegs. Ihr Beruf erfordert es, mobil zu sein, auch wenn die eigentliche Arbeit nicht im Fahrzeug stattfindet (wie es beispielsweise bei Lastwagenführenden der Fall ist). Stressiger Verkehr, langes Sitzen, enge Taktung und eine erhöhte Unfallgefahr sind nur einige der Belastungen, denen diese Beschäftigtengruppen ausgesetzt sind. Der Trend ist deutlich: Die berufliche Mobilität in Deutschland steigt. Damit die Unfallzahlen nicht mitsteigen, ist Prävention unerlässlich. 

Wo drückt der Schuh?

Im Auftrag der DGUV erforscht ein Team aus Fachleuten der Technischen Universität Dresden, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der systemkonzept GmbH aus Köln Präventionsmaßnahmen bei berufsbedingten mobilen Tätigkeiten. Das Projekt heißt „BestMobil“. Um funktionierende Maßnahmen zu entwickeln, ist es zunächst wichtig, die Belastungen und Gefahren im Verkehr zu verstehen. Und die sind vielfältig. „Maßgebliche unfallbegünstigende Situationen beziehen sich auf das Fahrumfeld, das Verkehrsumfeld und die Verkehrssituation, und natürlich auf das Fahrzeug selbst“, erklärt Dr. Katrin Höhn von der TU Dresden, die im Projekt mitarbeitet. „Außerdem spielen das betriebliche Umfeld, also zum Beispiel die Stressbelastung, die Arbeitsorganisation, und die 
Menge der Fahrten eine wesentliche Rolle.“ 

Doch wie geht man am besten vor, um diese Vielzahl an Belastungen zu erkennen und zu benennen? Zunächst wurden über 35 Betriebe gefunden: aus der Pflegebranche, dem Rettungsdienst, dem Consulting sowie Unternehmen, die Montageteams beschäftigen. Die Betriebe wählten Mitarbeitende aus. Diese wurden mehrfach befragt, sie führten über mehrere Tage arbeitsbezogene Tagebücher und wurden auf ihren Fahrten begleitet. 

Mit GoPro auf Fahrt

Ein Alleinstellungsmerkmal der Studie ist es, dass sogenannte psycho-physiologische Belastungen erfasst wurden, das heißt vor allem, welche körperlichen Reaktionen welchen psychischen Belastungen folgen und umgekehrt. Dafür wurden die Testpersonen ausgestattet mit Herzfrequenzmessern und GoPro-Kameras. Die kleinen Kameras wurden im Fahrzeug in Kopfhöhe montiert und erstellten sogenannte Point-of-view-Aufnahmen, also Aufnahmen aus der Perspektive der fahrenden Person. Die Testpersonen mussten außerdem im Tagebuch vor und nach jeder Schicht eine Reihe von Fragen beantworten – zum Beispiel, ob und wie sie Stress empfunden haben, wie ihre Schlafqualität war und ob sie im Laufe des Tages Konfliktsituationen erlebt hatten. Stressbelastungen durch Faktoren wie Termindruck oder Stau konnten so gut erkannt werden.

Sammeln und individualisieren

Einige Ergebnisse dieser Analysen fasst Dr. Höhn zusammen: „Es zeigte sich, dass vor allem Zeitdruck, ungeregelte Pausen und zum Teil auch lange Autofahrten zum Alltag vieler mobil Tätigen gehören. Dies sind unsere Ansatzpunkte für die Prävention.“ Nämlich Ansatzpunkte zum Handeln: Die Forscherinnen und Forscher stellten anhand der gewonnenen Erkenntnisse aus der Voruntersuchung eine große Zahl an Maßnahmen zusammen. Von der technischen Aufrüstung der Fahrzeuge über Fahrsicherheitstrainings bis zu organisatorischen Veränderungen: 130 Instrumente und Best Practices wurden gelistet und getestet.
Welche Maßnahmen in welchen Betrieben bei welchen Personen Sinn ergeben, ist individuell sehr unterschiedlich. Die Empfehlungen für die Betriebe sollen deshalb auf die Branche zugeschnitten und in Maßnahmenbündeln angeboten werden. 

Beispiel gefällig?

Wie im Unternehmen S.: Es bietet technische Dienstleistungen in den Bereichen Energie und Kommunikation an. Während der BestMobil-Analyse stellte sich heraus, dass an einigen Stellen besonderer Handlungsbedarf bestand:  

  •    Zeitdruck durch Kundentermine
  •   Informationsüberflutung
  •   fehlende Pausen und Erholung 
  •   hohe Risikobereitschaft und geringe Risikokompetenz der Mitarbeitenden
  •   ungünstige Umgebungsbedingungen im Einsatz

Durch die Testphase im Unternehmen kristallisierten sich Maßnahmen heraus, die für diesen spezifischen Mobilitätstyp besonders wirksam sind: 

  •   Coaching zum Fahrverhalten, Stärkung der Risikokompetenz 
  •   Pausenmanagement und Stressregulation
  •   Stärkung von Kommunikation, Mediation, Motivation (etwa Plakat-Aktionen, Multiplikatoren-Workshops) 
  •   Workshop zum Umgang mit belastenden Situationen

Die Maßnahmenbündel können Betriebe einsetzen, wenn sie Bedarf sehen. Noch sind die Bündel jedoch nicht geschnürt: Leitfaden und Praxishilfe für die Unternehmenspraxis werden nach Abschluss des Projektes Ende 2019 vorliegen.

Autorin: Maren Zeidler

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