ein junger Pfleger sitzt erschöpft auf einer Treppe
Psychische Belastung

Hilfe für die Helfenden

Die Corona-Pandemie hat besonders bei Krankenhauspersonal für mehr Stress und Belastung gesorgt. Wie Führungskräfte in Kliniken ihre Mitarbeitenden schützen und auf psychische Belastungen angemessen eingehen, zeigt topeins.

Als Dr. Ingolf Hosbach an einem Abend im März die Coronavirus-Station im Bochumer BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil miteröffnet, bricht eine ältere Pflegerin in Tränen aus. Sie hat Angst, ihre Enkel nicht mehr sehen zu können, weil sie nun ständig mit infizierten Patientinnen und Patienten arbeiten würde. „In solchen Situationen ist es wichtig, auf die Beschäftigten zuzugehen und ihnen ihre Befürchtungen zu nehmen“, sagt Hosbach, leitender Betriebsarzt am Bergmannsheil und Leiter der Pandemiegruppe. „Tatsächlich sind ja die Schutzmaßnahmen auf den Infektionsstationen besonders hoch – und die Infektionsgefahr ist damit geringer als anderswo im Bergmannsheil.“ Dennoch sorgten sich zunächst viele Beschäftigte um ihre Angehörigen. Sie isolierten sich teilweise stark von der eigenen Familie, um diese vor Ansteckung zu schützen.

Unvorhergesehenes schürt trotz guter Vorbereitung Ängste

Als Maximalversorger mit einer der größten Intensivkapazitäten der Ruhr-Region und als älteste Unfallklinik der Welt ist das Bergmannsheil seit jeher Anlaufstelle für Menschen mit verschiedensten Krankheiten. Der Ausbruch der Corona-Pandemie traf die Beschäftigten daher nicht unvorbereitet: Schon früh plante die Klinik Unterkünfte für Corona-Verdachtsfälle, erstellte Ende Februar einen ersten Pandemieplan, den sie ständig aktualisierte, informierte unter anderem über Schutzmaßnahmen und den Pandemieverlauf in Bochum, orderte Atemschutzmasken und Kittel und schickte Mitarbeitende ins Homeoffice, wenn es die Aufgaben erlaubten. Auch teilte der Krisenstab das Krankenhaus in Corona-freie und -belastete Bereiche auf, richtete einen separaten Covid-19-Operationsbereich ein und verhängte einen Besuchsstopp. 

Trotz der guten Vorbereitung kam es zu Problemen: Testmöglichkeiten gab es anfangs nur begrenzt. Auch die Schutzkleidung schmolz schnell dahin – zum einen wegen der vielen Verdachtsfälle, zum anderen aufgrund von Diebstählen. So befürchteten Hosbach und sein Team, dass die Schutzmaßnahmen nicht reichen könnten oder dass Bereiche möglicherweise vom Gesundheitsamt geschlossen würden, um Infektionsketten zu unterbrechen. Zudem stand die Frage im Raum, ob ein Teil der Beschäftigten in Kurzarbeit gehen müsse. Sorgen, die sich nicht bestätigten, aber dennoch für Unsicherheit sorgten – und die bei einer zweiten Pandemiewelle erneut aufkommen dürften.

Grenzerfahrungen im Pflegealltag können zu Belastungen führen

Für Krankenhauspersonal ist die Corona-Pandemie besonders belastend – körperlich und psychisch. Auch wenn die Fallzahlen in Deutschland im Vergleich zu Italien, Spanien oder den USA relativ niedrig sind, so gab es doch auch im Bergmannsheil unter den 28 bislang an Covid-19 erkrankten Patienten und Mitarbeitenden gut ein Drittel schwere Verläufe, die eine intensivmedizinische Versorgung erforderten. Drei Personen sind trotz Einsatzes einer künstlichen Lunge gestorben. Eine davon, obwohl sie keine Vorerkrankungen aufwies. Doch nicht nur der Kampf um die an Covid-19 Erkrankten, – auch die knapp 400 Verdachtsfälle sorgten für eine erhöhte Belastung. Bei jeder positiv getesteten Person aus Patienten- und Belegschaft muss das Klinikum dutzende bis mehr als hundert Kontaktpatienten und Beschäftigte abstreichen und Letztere zum Teil in Quarantäne schicken. Neben dem Arbeits- und Organisationsaufwand bedeutete dies auch eine psychische Belastung für die betroffenen Mitarbeitenden und deren Familien. Zumal zu Beginn der Corona-Krise, als es bis zu sechs Tage dauerte, bis die Testergebnisse vorlagen. Solche Erlebnisse sind Grenzerfahrungen, die durchaus zu gesundheitlichen Problemen führen könnten, warnt Anne Gehrke, Diplom-Psychologin am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). „Für Beschäftigte im Gesundheitswesen ist ein klarer Schnitt zwischen Beruf und Privatleben nicht mehr möglich – schließlich ist das Coronavirus auch in der Freizeit präsent.“ 

Damit trifft die Pandemie Krankenhausangestellte gleich doppelt. Und nicht nur die Abgrenzung fällt schwerer: Die Corona-Krise zwingt Beschäftigte dazu, neue Entscheidungen zu treffen und Aufgaben zu übernehmen, für die sie nie ausgebildet wurden. Bei Geburten etwa gab es zu Hochzeiten der Pandemie die Regelung, dass der Vater nicht dabei sein durfte oder die Klinik zumindest kurz danach verlassen musste – wegen des Infektionsrisikos. Eine Hebamme musste zum Beispiel den Vater davon abhalten, sich seiner Frau zu nähern, obwohl sie eigentlich dazu da ist, die Mutter emotional zu stabilisieren. Eine Pflegekraft musste Angehörigen eines todkranken Patienten erklären, dass sie nicht nach ihm sehen dürften. „Für betroffene Beschäftigte kann das emotional sehr belastend sein“, sagt Gehrke. Solche Situationen seien mit massiver Hilflosigkeit verbunden, was gerade für Menschen in helfenden Berufen schwer zu verkraften sei.

Lösungsansätze und Handlungshilfen

Um Mitarbeitende hier zu unterstützen, ist es laut Gehrke wichtig, sich im Team regelmäßig abzustimmen und als Führungskraft auch kurzfristige fachliche Absprachen zu ermöglichen. Wichtige Entscheidungen, wie zum Beispiel über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen, werden nach festgelegten Kriterien getroffen. Dabei sollte möglichst das Mehraugen-Prinzip angewandt werden: „Beschäftigte sollten bei solchen Fragen nicht allein entscheiden müssen“, erklärt die Psychologin. Beschäftigte des Klinikums Bergmannsheil können sich mit belastenden Erfahrungen an den psychologischen Krisenstab wenden, der sich zu Beginn der Krise gebildet hatte. Bislang wurde er noch nicht in Anspruch genommen. Angesichts der wieder steigenden Infektionszahlen könne sich das aber auch ändern, gibt Hosbach zu bedenken. „Darüber hinaus versuchen wir stets, eine transparente Kommunikation zu gewährleisten“, sagt Prof. Dr. Thomas Au­huber, Medizinischer Direktor des Klinikums. Auf einer Corona-Intranetseite können Beschäftigte Fragen stellen, es gibt Schulungsvideos und einen Podcast, der über die Lage im Klinikum informiert. Bald wird zudem eine Belegschafts-App ans Netz gehen. Betriebsarzt Hosbach beobachtet bisher keine Anzeichen für Traumata bei den Mitarbeitenden. Allerdings muss sich ein gesundheitliches Problem auch nicht sofort bemerkbar machen, betont Psychologin Gehrke. „Viele Menschen halten in der Krise durch und werden erst später von ihren Erfahrungen überwältigt.“ 

Belastungen erkennen und ihnen entgegenwirken

Führungskräfte haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Beschäftigten, betont Gehrke. Sie sind daher gehalten, auf Anzeichen psychischer Belastungen zu achten: Ziehen sich Mitarbeitende in sich zurück? Zeigen sie übertriebenen Aktivismus? Dann sollten Vorgesetzte die Person ansprechen und ein Einzelgespräch anbieten. Die Präventionskampagne kommmitmensch der gesetzlichen Unfallversicherung bietet hierfür praktische Unterstützung (siehe Infobox). Auch in größeren Gesprächsrunden sei es wichtig, sich nicht nur fachlich auszutauschen, sondern über Ängste und Emotionen zu sprechen. Führungskräfte sollten hier den ersten Schritt machen, um ihre Mitarbeitenden zu ermutigen – vor allem in dem oft hierarchisch geprägten Krankenhaussystem. Neben dieser sogenannten Intervision ist es laut Gehrke wichtig, eine Supervision anzubieten, also Fachleute von außerhalb als Ansprechpersonen heranzuziehen. Stationen mit besonderen Belastungen wie die Onkologie verfügen oftmals schon über entsprechende Angebote. 

Die Unfallkassen bieten im Rahmen des Psychotherapeutenverfahrens probatorische psychotherapeutische Sitzungen an. In Corona-Zeiten ist bei einigen Unfallkassen (UK) auch eine telefonische Krisenberatung möglich, unter anderen bei der UK Berlin und der UK Rheinland-Pfalz. Manche Beschäftigte wenden sich bei psychischen Belastungen hingegen lieber an Kolleginnen und Kollegen, weil die Hemmschwelle niedriger ist. Daher ist es sinnvoll, Mitarbeitende in psychologischer Erstbetreuung ausbilden zu lassen. Doch selbst die einfühlsamste Betreuung wird Sorgen wohl nicht ganz vertreiben können. Denn auch wenn viele Krankenhäuser in Deutschland die erste Pandemiewelle gemeistert haben – die Angst vor einem neuen Ausbruch bleibt. Umso wichtiger ist es, dass Führungskräfte die Zeit bis zur nächsten Belastungsprobe nutzen, um ein gutes Hilfesystem für ihr Team aufzubauen.

Autorin: Nina Bärschneider

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