Schematische Darstellung eines Lkw mit Fahrerassistenzsystemen
© Getty Images / alex-mit
Betriebliches Mobilitätsmanagement

Unsichtbar, aber wachsam

Zusätzliche Fahrerassistenzsysteme im Fuhrpark lohnen sich, denn Verkehrsunfälle haben oft weitreichende Folgen. Welche Systeme sich besonders anbieten – und worauf Unternehmen bei der Umrüstung achten sollten – weiß topeins.

Wenn sich die Mitarbeitenden der Straßenmeistereien in Burgwedel und Ronnenberg für ihre Räum- und Reparaturdienste bereit machen, sind sie nie ganz allein: Sämtliche Fahrzeuge der beiden niedersächsischen Straßenmeistereien sind mit zusätzlichen Fahrerassistenzsystemen (FAS) ausgestattet. Die insgesamt zwanzig 7,5-Tonner verfügen seit knapp einem Jahr über einen sogenannten Abbiegeassistenten, der die Fahrerinnen und Fahrer vor Zusammenstößen mit Zu-Fuß- Gehenden und Radfahrenden warnen soll. Will zum Beispiel ein Räumfahrzeug rechts abbiegen, wenn sich hinter oder neben dem Fahrzeug ein Mensch befindet, nehmen ihn die Sensoren und Kameras an den Seiten des Lkw wahr und lösen ein Tonsignal aus.

Umrüstung bis 2022

Die Umrüstung der Nutzfahrzeuge ist Teil eines Strategie- und Handlungskonzepts zur Verkehrssicherheit der Region Hannover. Bis 2022 – und damit weit vor der gesetzlichen Frist, die ab 2024 lediglich für neu zugelassene Fahrzeuge greift – will der Kommunalverband seinen gesamten Fuhrpark inklusive Tochterunternehmen mit Abbiegeassistenten ausstatten. Bei den zwei Straßenmeistereien hatte es bis dato zwar keine Unfälle gegeben. „Die Fahrerinnen und Fahrer fühlen sich mit dem Assistenzsystem jedoch deutlich sicherer“, sagt Klaus Abelmann, Sprecher der Region Hannover. Im Jahr 2018 kamen 3.275 Menschen bei Verkehrsunfällen auf deutschen Straßen ums Leben, berichtet der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Für 70 Prozent aller Getöteten bei Massen- respektive Auffahrunfällen, die weitere Unfälle nach sich ziehen, sind Lkw mitverantwortlich. Eine Kampagne der BG Verkehr, des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung sowie der KRAVAG Versicherungen zeigte: Werden Lkw und Busse mit Spurhaltewarnsystem, Abstandsregeltempomat und elektronischem Stabilitätsprogramm (ESP) ausgestattet, sinkt die Anzahl der Unfälle pro eine Million gefahrene Kilometer um 34 Prozent. Deshalb sind diese drei Assistenzsysteme für Nutzfahrzeuge inzwischen gesetzlich vorgeschrieben.

Unfälle abmildern, bestenfalls vermeiden

FAS funktionieren wie besonders aufmerksame Beifahrerinnen oder Beifahrer: Sie warnen die Person am Steuer in bestimmten Verkehrssituationen vor möglichen Gefahren und können teilweise notfalls eingreifen – der Notbremsassistent etwa legt eine Bremsung ein. Anders als beispielsweise ein Airbag soll ein FAS nicht im Moment des Unfalls reagieren, sondern es gar nicht erst dazu kommen lassen. „Menschen machen Fehler“, sagt Welf Stankowitz, Leiter des Referats Fahrzeugtechnik beim DVR. „Deshalb muss die Technik einen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.“ Um das zu erreichen, werden immer mehr FAS bald Pflicht sein. Das haben EU-Parlament und der Rat der EU Ende vergangenen Jahres beschlossen. Ab 2022 soll es in allen neu entwickelten Fahrzeugtypen intelligente Systeme geben, die erkennen können, ob die Fahrerinnen und Fahrer müde sind oder zu schnell fahren, und sie beim Rückwärtsfahren vor möglichen Hindernissen warnen. Auch geben sie dem nachfolgenden Verkehr unabhängig von der Reaktion des Fahrzeugführenden ein Lichtsignal, wenn der eigene Wagen plötzlich abbremsen muss. Ab 2024 gilt die Verordnung auch für jedes neu zugelassene Fahrzeug. In Pkw und leichteren Nutzfahrzeugen soll es zudem Notbrems- und Spurhalteassistenten geben.

Ganz schön viel zu beachten?

Wer Busse und Lkw steuert, muss also bald mit einer noch größeren Zahl an unsichtbaren Beifahrerinnen und Beifahrern zurechtkommen. Auch die Kosten sind nicht zu unterschätzen: Die Region Hannover rechnet, so Abelmann, für die Umrüstung ihres kompletten Fuhrparks mit 4,24 Millionen Euro. Jedoch sind immer mehr Speditionsunternehmen bereit, in eine bessere technische Unterstützung zu investieren, beobachtet DVR-Experte Stankowitz. Denn kommt es zu einem Unfall, ist das für alle daran Beteiligten meist mit viel Leid verbunden. Außerdem fällt die Fahrerin oder der Fahrer oft für längere Zeit aus. Kommt es zum schlimmsten Fall, und es stirbt ein Mensch, so sind die Folgen noch gravierender – für Familien, Mitarbeitende und das Unternehmen. Die Investition lohnt sich also aus vielen Gründen.

Auch FAS sind nicht perfekt

Trotzdem kann es vorkommen, dass FAS nicht immer so funktionieren, wie sie sollen. Solange etwa der sogenannte Müdigkeitswarner nicht anspringt, sind Fahrerinnen und Fahrer offiziell nicht müde, machen also auch keine Pause. Für Menschen, die viel unterwegs sind, kann das lebensgefährlich werden. DVRExperte Stankowitz betont: „Man sollte immer auf die eigene Intuition vertrauen. Wer müde ist, sollte rechts ranfahren, egal, was das System sagt.“

Manchmal schlägt ein FAS auch fälschlicherweise Alarm. Diese Erfahrung machten die Straßenmeistereien der Region Hannover: Seitdem die Fahrzeuge mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet sind, ertöne manches Mal ein Warnsignal, wenn es eigentlich nichts zu warnen gebe, berichtet Sprecher Abelmann: „Der Assistent macht dann etwa auf einen sich nähernden Radfahrenden aufmerksam, den es nicht gibt.“ Fehlwarnungen können durch Verkehrsschilder oder Bäume ausgelöst werden. Dieser falsche Alarm ist laut Abelmann bedenklich: „Fühlen sich die Menschen am Steuer von den ständigen Signalen eines Assistenten überfordert, stumpfen sie ab und nehmen die Warnung im Ernstfall vielleicht nicht mehr wahr.“

Die Gefahr, dass Assistenzsysteme nicht so reagieren, wie es die Person hinterm Steuer will, besteht immer. Etwa wenn ein Kind plötzlich auf die Straße rennt. Der Fahrer oder die Fahrerin verreißt das Lenkrad dann intuitiv – ein Spurhalteassistent würde den Wagen jedoch wieder zurück auf die Straße drängen. „Allerdings sind FAS, anders als beim automatisierten Fahren, nicht für einen Unfall verantwortlich“, stellt Stankowitz klar. Denn: Die meisten Assistenzsysteme lassen sich übersteuern. Es reiche aus, das Steuer gegen den Impuls des Spurhalteassistenten zu drücken, um das Fahrzeug dann doch in die gewünschte Richtung zu lenken – und einen Unfall zu verhindern. Deshalb sind letztendlich immer die Menschen gefordert: Trotz der mitaufpassenden Technik müssen sie aufmerksam, wach und reaktionsfreudig sein.
 

Autorin: Nina Bärschneider

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Schwebebahn in Wuppertal
Betriebliches Mobilitätsmanagement

Zusammen mehr erreichen

Das Projekt „BMM HOCH DREI“ hat erforscht, wie Unternehmen ihr Betriebliches Mobilitätsmanagement verbessern können. Das Ergebnis: Es lohnt, sich mit... Weiterlesen

Betriebliches Mobilitätsmanagement

Sicher unterwegs

Dienstfahrzeuge sind regelmäßig auf ihre Betriebssicherheit zu prüfen und die Beschäftigten im sicheren Umgang damit zu unterweisen. Warum sich das... Weiterlesen

Aus Wissenschaft und Forschung

Gute Fahrt!

Berufsbedingt unterwegs – das trifft auf viele Menschen in Deutschland zu. Und es werden mehr, denn die Mobilität im Job steigt. Damit die... Weiterlesen