Leistungsdruck
Zuviel ist manchmal zuviel. © Thomas Walloch
Arbeiten 4.0

Vorsicht, Überlast!

Die Belastung in der Arbeitswelt ist oft hoch und auch nicht so einfach zu reduzieren. Wer dies sich selbst und seinen Beschäftigten gegenüber eingesteht, kann mit Zeit- und Leistungsdruck konstruktiv umgehen.

Nach diesem Projekt wird es einfacher“, „Ja, der Kunde ist schwierig, aber das wird schon“, „Wenn die Kollegin wieder da ist, können Sie Aufgaben abgeben“, „Setzen Sie Ihre Prioritäten doch anders“ oder gar „Machen Sie sich mal locker“. So oder so ähnlich antworten Führungskräfte auf Klagen der Beschäftigten über zu kleine Zeitbudgets für zu große Anforderungen. Das Gleiche bekommen sie selbst zu hören, wenn sie bei ihrem Management vorsprechen.

Tatsächlich ist weder das nächste Projekt einfacher noch der neue Kunde. Die eine Kollegin kommt zurück, doch dann fehlt jemand anderes. Prioritäten setzen ist kaum möglich – die Arbeit fällt einem auf die Füße. Der Grund: Aufgaben sind zu eng getaktet. Hinzu kommen immense Komplexität und starke Regulierung sowie hochgesteckte – teilweise widerstreitende – Ziele. 

Weniger Druck, dennoch mehr Belastung

Dabei scheinen Zeit- und Leistungsdruck etwas abgenommen zu haben. Dies zeigt eine Erwerbstätigenbefragung durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Die Ergebnisse aus dem Jahr 2018 lassen sich über zwölf Jahre vergleichen und spiegeln die Einschätzungen in puncto belastende Arbeitsbedingungen wider. Das Belastungsempfinden jedoch ist nicht gesunken: Das 2006 schon hohe Niveau ist trotz intensiver Anstrengungen in der Prävention in der Summe nicht weniger geworden. Multitasking und Unterbrechungen sind aktuell leicht angestiegen, andere Faktoren werden jedoch weniger häufig genannt: starker Termin- oder Leistungsdruck und sehr schnelles Arbeiten. Trotzdem wird an den Arbeitsplätzen nicht aufgeatmet. Im Gegenteil: Mehr Menschen geben an, sich belastet zu fühlen.

Es scheint, als fordere das dauerhaft hohe Pensum seinen Tribut. Eine technische Störung, das nächste Meeting, der Anruf einer Kundin oder die Kurznachricht des Kindes, das früher nach Hause kommt, lassen keinen „Flow“ entstehen. Also lieber mal die Pause sausen lassen – laut BAuA-Arbeitszeitreport 2016 entscheiden sich 20 Prozent der Befragten häufig dafür. Der Grund: Die Arbeitsmenge sei anders nicht zu bewältigen. Aber schafft man dadurch mehr? Dr. Sabine Gregersen, Psychologin bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), verneint das. „Wer die Pause auslässt, arbeitet zwar länger, aber deutlich weniger effektiv. Zugleich steigt die Gefahr von Fehlern und Unfällen“, so Gregersen. Wo Beschäftigte durcharbeiten, liegt das oft am „Vorbild Vorgesetzte“. Führungskräfte nutzen laut Statistik ihre Pause noch seltener als ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Expertin der BGW rät: gemeinsam eine Pausenkultur einführen! 

Tipp 1: Pausen (ernst) nehmen 

  • Fest in den Arbeitstag integrierte Pausen helfen, ein hohes Arbeitspensum gut zu bewältigen. 
  • Erholsam sind Pausen, die eine echte Auszeit darstellen – also möglichst den Arbeitsplatz verlassen und etwas anderes tun als dort: Wer am Schreibtisch sitzt, geht spazieren. Wer körperlich arbeitet, legt die Beine hoch und ruht aus. 
  • Kurzpausen von wenigen Minuten steigern die Leistungsfähigkeit nachweislich. 
Durcharbeiten ist keine Dauerlösung

Um ihr Pensum leisten zu können, streichen Beschäftigte nicht nur Pausen, sondern verschieben auch den Feierabend. Das kann mal entlastend wirken, um etwas in Ruhe abzuarbeiten. „Eine Dauerlösung darf das nicht sein“, warnt Prof. Dr. Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). Tatsächlich werden so die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen unterlaufen, die für den gesundheitsgerechten Ausgleich sorgen. Der Europäische Gerichtshof hat deshalb im Mai unterstrichen: Unternehmen sind verpflichtet, Arbeitszeitgesetze einzuhalten und dies zu dokumentieren. 
Wie sollen Beschäftigte ihre Aufgaben in den begrenzten Zeitfenstern bewältigen können? „Ein erster Schritt kann für alle Beteiligten sein, Privates und Berufliches möglichst klar voneinander abzugrenzen“, betont Windemuth. 

Tipp 2: Berufliches und Privates klar trennen 

  • Gesetzliche Arbeits- und Erholungszeiten einhalten
  • Im Job weniger private Messengerdienste und Social Media benutzen und zuhause keine dienstlichen E-Mails checken
  • Berufliche Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit und private Erreichbarkeit innerhalb der Arbeitszeit absprechen und Regeln festlegen
  • Flexible Arbeitszeiten als Gestaltungsinstrument nutzen
  • Homeoffice nur unter bestimmten Bedingungen anbieten 

Der Soziologe Prof. G. Günter Voß erforscht Zeit- und Leistungsdruck. Er zieht nach einer aktuellen Befragung von 52 Fach- und Führungskräften unter dem Titel „Professioneller Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck“ im Auftrag der BAuA Bilanz: „Viele der Befragten wissen gar nicht, wie sie mit dem Druck umgehen können.“ (Interview mit Prof. Voß in der topeins 6/2018, Seite 16) Die Belastung zu leugnen sei sinnlos – es verspiele die Handlungsoptionen. Wichtig sei zunächst die Selbstsorge. Vorgesetzte sollten sich den Druck, unter dem sie stehen, bewusst machen, wo möglich Ursachen angehen und sich selbst Leistungsgrenzen setzen.

Tipp 3: für sich selbst sorgen

  • Anzeichen für Überforderung kritisch beobachten
  • Für emotionalen und körperlichen Ausgleich sorgen 
  • Auf ausreichende Erholungsphasen und guten Schlaf achten
  • Sich in kritischen Phasen privat und beruflich Unterstützung sichern 
  • Mit eigenen und fremden Anforderungen pragmatisch umgehen
  • Aufgabenfülle bewusst begrenzen
Überforderung erkennen

Wer so mit sich selbst umgeht, hat auch einen Blick für die Leistungsgrenzen von Beschäftigten. Anzeichen dafür sind Gereiztheit und Unruhe, Klagen über Kopf-, Rücken- oder Magenbeschwerden, Herz-Kreislauf-Probleme, häufige krankheitsbedingte Abwesenheit oder überlange Arbeitszeiten. Auch achten sollten Führungskräfte auf Anwesenheit trotz Krankheit, auf den Konsum von Medikamenten oder Drogen sowie auf sinkende Qualität der Arbeit.

Darüber zu sprechen, ist nicht einfach. Vor allem, wenn das Unternehmen von einer Leistungskultur geprägt ist, die kritische Stimmen als „Low Performer“ stigmatisiert. Zudem können Beschäftigte selten einen bestimmten Belastungsgrund nennen. Wolfgang Engelhorn, ein auf Stressmanagement spezialisierter Businesscoach, empfiehlt dann, ein „Stresstagebuch“ zu führen. Oft wird sichtbar, dass der Druck auf mehreren Ebenen entsteht – eine belastende familiäre Situation, eine neue Anforderung oder ein Konflikt am Arbeitsplatz, die Angst vor Kündigung. 

Laut Voß akzeptieren Beschäftigte hohen Druck weniger als Führungskräfte. Wichtig ist für Vorgesetzte zu erkennen, ob Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter beispielsweise in einer privat belastenden Lebenssituation oder auch mit zunehmendem Alter veränderte Optionen brauchen. Schließlich sind Erwerbstätige in Deutschland im Schnitt 44 Jahre alt – diese Zahl hat das Statistische Bundesamt für das Jahr 2018 ermittelt.

Stellschrauben im Team finden

Es geht also um klassische Felder der Prävention: Verhältnisse und Verhalten. Dabei zählen Zeit- und Leistungsdruck zu den psychischen Belastungen. Klar ist: Führungskräfte haben andere Gestaltungsspielräume als ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – auch wenn sie sich selbst im Hamsterrad gefangen fühlen. Ein Kurz-Check der Kampagne kommmitmensch kann helfen, gemeinsam die Stellschrauben auf Teamebene zu finden.

Tipp 4: Gestaltungsmöglichkeiten im Team nutzen

  • Handlungsspielräume gewähren, die entlastend wirken
  • Für eine technisch angemessene und ergonomische Ausstattung der Arbeitsplätze sorgen
  • Regelmäßig Team- und Mitarbeitergespräche führen 
  • Beteiligungsmöglichkeiten anbieten
  • Mit Fehlern konstruktiv umgehen
  • Aufgaben und Kommunikation klar strukturieren
  • Qualifizierungsmaßnahmen oder alternative Einsatzmöglichkeiten anbieten

So wichtig der Führungsstil des Chefs oder der Chefin ist – Windemuth vom IAG sieht auch die Betriebe in der Pflicht. „Das hohe Niveau der psychischen Belastungen wird faktisch hingenommen, anstatt Instrumente wie die Gefährdungsbeurteilung zu nutzen.“ Auch Manfred Kynast, der für die Handwerkskammer des Saarlandes Betriebe berät, verweist darauf. „Es geht dabei um funktionierende Abläufe, ein angenehmes Betriebsklima, eine gute Kommunikation und damit auch um weniger Belastungsempfinden“, berichtet der Ingenieur.

Tatsächlich weist nur die Hälfte der Betriebe die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung auf. Kontrollen und Sanktionen sind wie beim Thema Arbeitszeit die Ausnahme. Das Forscherteam um Voß resümiert: „Die von Zeit- und Leistungsdruck betroffenen Beschäftigten werden mit dem Druck weitgehend vom Betrieb allein gelassen.“ Windemuth stellt einen Vergleich auf: „Es ist so, als würde ich eine Leitung reparieren, ohne den Gashahn zuzudrehen. Stattdessen hänge ich ein Warnschild daran: Vorsicht, explosiv!“

Tipp 5: Der Kurz-Check der Kampagne kommmitmensch

Der Kurz-Check vermittelt durch sechs kurze Fragen einen ersten Eindruck, in welchen Handlungsfeldern Führungskräfte mit ihrem Team aktiv werden können. 

Autorin: Miriam Becker

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