Schwebebahn in Wuppertal
Betriebliches Mobilitätsmanagement

"Zusammen mehr erreichen

Das Projekt „BMM HOCH DREI“ hat in den letzten drei Jahren erforscht, wie Unternehmen ihr Betriebliches Mobilitätsmanagement verbessern können. Das Ergebnis: Es lohnt, sich mit anderen Betrieben zusammenzutun – und gemeinsam auf die Kommunen zuzugehen.

Für Dirk Zöller und seine Mitarbeitenden ist Mobilität im Job schon lange ein Thema. Ihr Arbeitsplatz in Wuppertal befindet sich in Randlage: Rund eine halbe Stunde dauert es, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Wuppertaler Hauptbahnhof bis zum Hausgerätehersteller Vorwerk Elektrowerke zu kommen. Lange fuhren mehr als 90 Prozent der Beschäftigten mit dem Auto zur Arbeit. „Wir wollten die Erreichbarkeit des Standortes unbedingt verbessern“, sagt Zöller, der bei Vorwerk Elektrowerke als Leiter für technische Dienstleistungen arbeitet. Schon im Jahr 2016 erstellte das Unternehmen ein erstes Mobilitätskonzept, doch das reichte Vorwerk nicht. 

Autoverkehr überwiegt

Betriebliches Mobilitätsmanagement (BMM) spielt für viele Unternehmen eine zunehmend große Rolle. Mehr als ein Drittel aller in Deutschland zurückgelegten Wege sind berufs- und ausbildungsbedingt, zeigt die Studie „Mobilität in Deutschland 2017“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Fast zwei Drittel dieser Wege werden mit dem Auto zurückgelegt. BMM soll den Verkehr von Betrieben und ihren Beschäftigten nachhaltig, effizient und sicher machen – also vor allem Alternativen zum eigenen Auto schaffen. Die Möglichkeiten reichen von Carsharing-Angeboten über Jobtickets bis hin zu Abstellplätzen für Fahrräder. Durch ein verändertes Mobilitätsverhalten kann auch die Zahl der Wegeunfälle nachhaltig gesenkt werden. Diese machen ca. ein Fünftel der meldepflichtigen Arbeitsunfälle aus und sind oft besonders schwerwiegend. 

30 Betriebe im Bergischen 

Deshalb setzt das Forschungsprojekt „BMM HOCH DREI“ beim Mobilitätsverhalten an. Von 2016 bis 2018 untersuchte das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie zusammen mit mehreren Partnerorganisationen, wie Unternehmen ihr Mobilitätsmanagement verbessern können – und zwar gemeinsam. Dazu versammelte das Institut 30 Betriebe aus den Städten Wuppertal, Solingen und Remscheid, darunter Vorwerk Elektrowerke. „Das Besondere an dem Projekt ist der Quartiersansatz“, sagt Carolin Schäfer-Sparenberg aus dem Forschungsbereich Mobilität und Verkehrspolitik des Wuppertal Instituts: „Benachbarte Unternehmen mit den gleichen Lagebedingungen tauschen sich aus und entwickeln gemeinsam Maßnahmen, die für eine einzelne Firma nicht möglich wären.“


Zusammen bewirken Unternehmen mehr

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betrachteten sieben Quartierstypen, etwa Büro- und Gewerbegebiete. Der Gedanke: Betriebe mit ähnlichem Standort haben auch ähnliche Mobilitätsprobleme. Das schafft Synergien: Ein kleines Unternehmen erfüllt beispielsweise nicht die Voraussetzungen, um ein Jobticket für seine Beschäftigten anzubieten, weil es die Mindestabnahmezahl an Tickets nicht erreicht. Schließen sich jedoch mehrere Betriebe eines Quartiers zusammen und handeln mit dem Verkehrsunternehmen ein unternehmensübergreifendes Jobticket aus, profitieren auch kleinere Firmen. „Zusammen bewirken Unternehmen mehr. Allein dadurch, dass sie gemeinsam für eine größere Nachfrage sorgen, öffnen sich die Türen für Gespräche mit städtischen Partnern und Verkehrsunternehmen“, sagt Schäfer-Sparenberg.

Busfahrplan an den Schichtplan angepasst

In Solingen-Scheuren etwa hatten mehrere Unternehmen in gleicher Lage eine ungünstige Anbindung zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV): Die Mitarbeitenden verpassten den Bus nach Schichtende immer um wenige Minuten. Unter dem Dach von „BMM HOCH DREI“ taten sich betroffene Betriebe zusammen und sprachen mit dem örtlichen ÖPNV-Anbieter. Dieser passte den Fahrplan um wenige Minuten an – die Busverbindung passt nun perfekt zum Feierabend der Beschäftigten. Auch ein Jobticket führten die Betriebe testweise ein. Andere Quartiere hörten davon und übernahmen die Idee. 

Auch Vorwerk Elektrowerke profitierte. Dazu analysierte Projektpartner EcoLibro die Personaldaten des Hausgeräteherstellers – also: Wo wohnen die Mitarbeitenden, wie kommen sie zur Arbeit? Dabei stellte sich heraus, dass 55 Prozent der Beschäftigten nicht mehr als zehn Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt wohnen. „Diese Entfernung ist mit Pedelecs gut zu bewältigen“, sagt Experte Zöller. Er organisierte knapp 80 Stellplätze für Räder und E-Bikes. Auch Schließfächer mit Steckdosen gibt es nun bei Vorwerk. Da es schweißtreibend sein kann, die Steigungen im Bergischen Land mit dem Rad zu bewältigen, ließ Vorwerk im Betrieb Duschen einbauen.

Verkehrssicherheit muss gewährleistet sein

Eine Herausforderung bleiben die verfügbaren Rad­wege. Denn noch ist der Zugang zum Vorwerk-Standort für Radfahrende beschränkt. Wichtig ist laut Zöller, dass die Verkehrssicherheit der Wege gewährleistet ist. Nur so kann Vorwerk seinen Beschäftigten guten Gewissens den Umstieg aufs Rad empfehlen. „Wir führen Gespräche mit der Stadt, um die Anbindung für Radfahrende an unseren Standort zu verbessern“, sagt Zöller. Dabei profitiert Vorwerk von den Ergebnissen der BMM-HOCH-DREI-Analyse: „Die sehr detaillierten Zahlen der Untersuchung untermauern unsere Argumentation mit Fakten.“ Trotz noch nicht abgeschlossener Verhandlungen: Mehrere dutzend Beschäftigte sind inzwischen auf Rad oder E-Bike umgestiegen. Das habe nicht nur ökologische, sondern auch gesundheitliche Vorteile, sagt Zöller. Für die Zukunft plant er weitere Fahrradabstellplätze sowie flexible ÖPNV-Tickets.

BMM noch keine Priorität – aber es geht voran

BMM HOCH DREI ist Ende 2019 nach drei Jahren beendet worden. Deutlich wurde: Der Quartiersansatz ist sinnvoll für das Betriebliche Mobilitätsmanagement. Auch Herausforderungen kann das Institut klar benennen. „BMM hat für viele Unternehmen noch keine Priorität – auch weil sie Potenziale wie Kosteneinsparungen, Förderung der Mitarbeitendenzufriedenheit und -gesundheit sowie den Imagegewinn noch nicht erkennen. Mobilitätsanalysen helfen dabei, diese Potenziale aufzuzeigen und Routinen zu durchbrechen“, sagt Schäfer-Sparenberg. Sie plädiert dafür, dass Unternehmen ab einer bestimmten Größe Verantwortung für den von ihnen verursachten Verkehr übernehmen, beispielsweise durch Mobilitätspläne, in denen verpflichtend Schritte zur Verbesserung festgehalten werden, oder Nahverkehrsabgaben, wie sie bereits in Italien und Frankreich existieren. Auf städtischer Ebene sollte es Verantwortliche für Mobilitätsmanagement geben, die die Unternehmen beraten und unterstützen können, sagt die Wissenschaftlerin. So könne sich BMM Schritt für Schritt institutionalisieren. „Noch ist BMM kein Selbstläufer – aber es gibt viele gute Ansätze.“

Autorin: Nina Bärschneider

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