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Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel
Nur die Hälfte da? Damit Teams nicht unterbesetzt bleiben, sollten Führungskräfte frühzeitig gegensteuern. © Getty Images/LaylaBird
Verantwortlich führen

Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel

Die Covid-19-Pandemie hat in einigen Branchen den Fachkräftemangel noch  verstärkt. Führungskräfte können das Defizit mildern.

Datum: 02.12.2020

Die Arbeit mit psychisch Kranken in der LVR-Klinik in Köln ist unter Normalbedingungen schon fordernd. In der Coronakrise wird sie zur Belastungsprobe: Alle Patientinnen und Patienten sind mindestens einmal auf Covid-19 zu testen, Pflegende müssen zusätzliche Bürokratie erledigen und ständig Mund-Nasen-Schutz tragen. Die Gesichtsmasken können nicht nur das Atmen erschweren, sondern auch die Kommunikation mit den psychisch kranken Menschen: Die Mimik des Gegenübers lässt sich so nur eingeschränkt wahrnehmen.

„Das setzt uns enorm zu“, sagt Frank Allisat, Pflegedirektor der psychiatrischen Fachklinik. Gleichzeitig wird die Personaldecke dünner: „Im Vergleich zu der Zeit vor Corona sind die Bewerbungen in den vergangenen sechs bis neun Monaten zurückgegangen“, resümiert Allisat. Bis er eine ausgeschriebene Stelle besetzen kann, dauere es nun oft mehr als ein Vierteljahr. Dennoch liege der Anteil der examinierten Fachkräfte mit 92 Prozent der angestellten Pflegekräfte in der LVR-Klinik deutlich über dem Schnitt in deutschen Krankenhäusern. Das Statistische Bundesamt nennt für 2018 einen durchschnittlichen Anteil von 78,54 Prozent.

Führungskräfte müssen frühzeitiger gegensteuern

Vier von fünf Kliniken in Deutschland hatten laut dem Krankenhausbarometer des Deutschen Krankenhaus Instituts (DKI) 2019 gegenüber 2016 und 2011 deutlich mehr Probleme, Pflegestellen auf den Allgemeinstationen neu zu besetzen. Auf den Intensivstationen ist die Zahl der unbesetzten Vollkraftstellen laut DKI-Umfrage schon seit 2016 bedenklich hoch. „Diese Entwicklung könnte durch veränderte Arbeitsbedingungen während der Covid- 19-Pandemie weiter befeuert werden“, befürchtet Hannah Huxholl, Referentin des Referats „Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren“ bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Besonders die psychische Belastung für Beschäftigte in der Pflege sei derzeit sehr hoch, so Huxholl. „Deshalb ist es enorm wichtig, dass Führungskräfte und Betriebe frühzeitig gegensteuern, auch um die Arbeitsplätze wieder attraktiver zu gestalten“, betont Huxholl. Das gelte nicht nur für die Pflegebranche, sondern für alle Unternehmen, die unter Fachkräftemangel leiden.

Schlüsselfaktoren Beteiligung und Betriebsklima

Wichtig sei vor allem ein offenes Betriebsklima, sagt Huxholl. Meistens wissen Mitarbeitende selbst am besten, was sie brauchen, um sicher und gesund arbeiten zu können – und sie wollen mit Kolleginnen und Kollegen darüber reden. Führungskräfte können die Orte dafür schaffen: wie Pausenräume, Teeküchen oder Kantinen. Bei Telearbeit ersetzen virtuelle Kaffeepausen den Plausch an der Kaffeemaschine. „Im Homeoffice besteht die Gefahr, dass Beschäftigte vereinsamen. Regelmäßige virtuelle Gespräche sind deswegen sehr sinnvoll“, sagt Huxholl. Anregungen und praktische Handlungshilfen für eine gute Kommunikation, zur Förderung des Betriebsklimas und zur Beteiligung bietet die Kampagne kommmitmensch der gesetzlichen Unfallversicherung.

Beteiligung bietet sich auch bei der Arbeitszeitgestaltung an. Manche Menschen können eher morgens konzentriert arbeiten, andere sind nachmittags oder abends leistungsfähig. „Beschäftigte, die ihre Arbeit an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen können, arbeiten motivierter und gesünder“, so Huxholl. In der LVR-Klinik in Köln besteht der Schichtdienst der Psychiatrie deshalb aus 150 verschiedenen Dienstarten. Neben den klassischen Früh-, Tag-, Spät- und Nachtdiensten gibt es viele weitere Dienstzeiten für verschiedene Bedürfnisse.

Frauenförderung und Diversity bringen Vorteile

Diese Bandbreite kommt alleinerziehenden Eltern sehr zugute. Frauen mit Kindern etwa ermöglicht dies den Zugang zu Führungspositionen. Die LVR-Kliniken gehen noch einen Schritt weiter: Für eine ausgeglichene Besetzung der oberen Führungsebene – in der mittleren ist der Geschlechteranteil ausgewogen – gibt es Förderprogramme für angehende weibliche Führungskräfte. „Wir versuchen auch mit Aktionen wie dem Girls Day vor allem junge Frauen für die technischen Berufe zu begeistern“, sagt Allisat. Die LVR-Klinik profitiere außerdem von ihrem Status als Krankenhaus der Kulturen: „In unserer Klinik werden allein in der Belegschaft an die 42 unterschiedliche Sprachen gesprochen. Die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, reichen von interkulturellen Fortbildungen über eine siebensprachige Patientenbefragung bis hin zu Deutschkursen für Patientinnen und Patienten. Und wir arbeiten mit externen Sprach- und Integrationsmittlern zusammen“, erklärt Allisat.

Nicht zuletzt ist der monetäre Aspekt ein wichtiger Anreiz für Fachpersonal. Zusätzlich zur Entlohnung entsprechend dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD), der ab 2021 eine deutliche Anhebung für untere Einkommen und Gesundheitsberufe vorsieht, gibt es in den LVR-Kliniken ein Zeiterfassungssystem mit Stundenkonto. „Jede Minute Arbeit wird bezahlt. Gerade junge Beschäftigte nutzen gerne das Ausgleichskonto, um Stunden anzusammeln und damit ihren Urlaub zu verlängern“, so Allisat. Zeit statt Geld – bei den begehrten Nachwuchskräften kommt das neben den anderen Maßnahmen sehr gut an.

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© kommmitmensch

Weiterführende Informationen

Beteiligung, Betriebsklima und Kommunikation gehören zu den sechs Handlungsfeldern, mit denen die Kampagne kommmitmensch die Präventionskultur im Betrieb und damit auch die Arbeitgeberattraktivität voranbringt. Informationen, Tipps und Handlungshilfen unter kommmitmensch.de

Veröffentlich von: Redaktion