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Sicherheit auf allen Wegen
Wenn Beschäftigte auf Dienst- und Arbeitswegen einen Unfall haben, fallen sie oft lange aus. Führungskräfte sollten deshalb Verkehrssicherheit beim betrieblichen Arbeitsschutz stärker berücksichtigen © iStock/nikkytok
Verantwortlich führen

Sicherheit auf allen Wegen

Zwei kommunale Betriebe zeigen, wie Führungskräfte ihr Team für sicheres Verhalten im Straßenverkehr motivieren können.

Datum: 14.02.2022

Fünf Stufen führen hinauf auf ein schmales Podest und einen Holzbohlengang. Hundert Meter ist er lang und dann ist endlich der U-Bahnzug auf dem Aufstellgleis erreicht. Wege wie diesen zurückzulegen, ist für einige Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) normal.

Nur so gelangen sie vor Dienstantritt zu ihren Fahrzeugen, die in Tunneln oder unter freiem Himmel bereitstehen. Ungefährlich ist das nicht.

Auf dem Arbeitsweg lauern viele Gefahren. Wie kommunale Betriebe ihre Mitarbeiter schulen und so fit oft für die Alltagsgefahren macht.
Der Weg zur Arbeit führt Beschäftigte der BVG zum Teil durch dunkle Tunnel und schmale Gänge. In Schulungen sensibilisiert der Betrieb sie deshalb regelmäßig für die Gefahren auf diesen Wegen. © BVG/Sven Lambert

Unfallursachen Nummer eins: Stolpern und Stürzen

Bei einem Drittel unserer Unfälle handelt es sich um sogenannte Trittunfälle, die auf dem Weg zur Arbeit und auf Dienstwegen geschehen“, sagt Jürgen Krawiec, leitender Sicherheitsingenieur bei der BVG. Seit 1995 ist er bei dem Verkehrsunternehmen im Arbeitsschutz beschäftigt, aktuell mit einem Team von elf Fachkräften für Arbeitssicherheit.

Rund 6.500 Fahrdienstbeschäftigte arbeiten zurzeit bei dem kommunalen Verkehrsbetrieb. „Neben dem persönlichen Leid der Betroffenen ziehen Stolper- und Sturzunfälle meist lange Ausfallzeiten und damit einhergehende Kosten nach sich“, gibt Krawiec zu bedenken.

Ein Stolperparcours sensibilisiert für Risiken

Deshalb schult die BVG ihre Beschäftigten regelmäßig für die Gefahren auf Dienst- und Arbeitswegen. Unter anderem kommt dabei ein selbst gezimmerter und transportierbarer Stolperparcours zum Einsatz. Er besteht aus verschiedenen, unebenen Untergründen, Treppenstufen mit unterschiedlichen Stufenweiten sowie abgebrochenen Kanten.

„Das ist auf den ersten Blick vielleicht einfach zu überwinden. Aber wenn jemand noch ein Handy in der Hand hält oder durch die Gegend schaut anstatt auf den Weg, stolpert man doch schnell oder rutscht aus“, so Krawiec. Der Parcours führt eindrücklich vor Augen, wie viel sicherer Beschäftigte ganz ohne Ablenkung unterwegs sind.

Verkehrssicherheit im Team thematisieren

  1. Dienstvereinbarung oder -anweisung treffen: auf der Fahrt keine Telefonate tätigen oder ausschließlich mit Freisprechanlage
  2. Aktions- und Informationsveranstaltung: bspw. gemeinsamer Reifenwechsel oder Fahrrad-Check, Vorträge durch Fachleute
  3. Führungskräfte als Vorbild: auf dem Fahrrad Helm, festes Schuhwerk und helle Kleidung, auf Arbeitswegen nicht erreichbar sein
  4. Schutzkleidung: Warnwesten und Fahrradhelme an Beschäftigte kostenfrei verteilen
  5. Mitarbeiterbefragung: anhand der Angaben, wie Beschäftigte zur Arbeit kommen, Präventionsmaßnahmen festlegen

Auf dem Arbeitsweg lauern viele Gefahren. Wie kommunale Betriebe ihre Mitarbeiter schulen und so fit oft für die Alltagsgefahren macht.
Dass Beschäftigte auf Arbeitswegen zum Handy greifen, könnte in der Arbeitskultur begründet liegen. © Adobe Stock/pixelrain

Verkehrssicherheit oft vernachlässigt

Nicht alle Betriebe agieren so vorbildlich wie die BVG. In einer Umfrage der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass der Arbeitsweg nicht Thema betrieblicher Arbeitsschutzunterweisungen sei.

Wie nötig ein Umdenken ist, zeigen Zahlen der DGUV für das Jahr 2020: 43,9 Prozent der gemeldeten tödlichen Arbeits- und Wegeunfälle passierten im Straßenverkehr. Allerdings ist es gar nicht so einfach, bei der Prävention die richtigen Stellschrauben zu finden.

Müdigkeit und Ablenkung führen zu Unfällen

Bei Verkehrsunfällen mit dem Pkw oder anderen motorisierten Fahrzeugen ist es laut Dr. Jürgen Wiegand, Bereichsleiter Verkehrssicherheit am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG), schon herausfordernd, überhaupt ihre Ursachen zu erkennen: „Ob jemand am Handy gedaddelt oder zu schnell gefahren ist, wissen auch die Unfallversicherungsträger in der Regel nicht.“

Ein großes Dunkelfeld gebe es vor allem bei den Unfallursachen Ablenkung und Müdigkeit. Wenn Personen, ohne zu bremsen, von der Straße abkommen oder ein offensichtliches Hindernis übersehen, sind das Beweise dafür, dass sie abgelenkt oder übermüdet waren. Genau hier liegen die Anknüpfungspunkte für Führungskräfte.

Führungskräfte prägen Unternehmenskultur

Risikofaktoren wie Erreichbarkeit, Zeitdruck und Stress sind durchaus von der Unternehmenskultur geprägt. „Wenn ich im Auto oder auf dem Fahrrad nicht wie gewohnt erreichbar bin, muss das in der Organisation akzeptiert sein. Erwarten Führungskräfte, dass ich jederzeit ans Handy gehe? Das kann das Verhalten der Beschäftigten im Straßenverkehr negativ beeinflussen und kann durch Unterweisungen eindeutig kommuniziert werden“, mahnt Wiegand.

Führungskräfte sollten zudem ihre Vorbildrolle ernst nehmen. „Wenn sie selbst zum Besten geben, wie schnell sie von A nach B gekommen sind, werden die Beschäftigten nicht mit Anerkennung rechnen, wenn sie dafür deutlich länger brauchen, und sich künftig beeilen“, so Wiegand.

Auf dem Arbeitsweg lauern viele Gefahren. Wie kommunale Betriebe ihre Mitarbeiter schulen und so fit oft für die Alltagsgefahren macht.
Bei der Abfallsammlung sind die Beschäftigten der BSR mit großen Fahrzeugen unterwegs. In Schulungen werden Herausforderungen wie Rangieren und Rückwärtsfahren immer wieder geübt. © BSR

Schulungen – immer und immer wieder

Ein weiteres Unternehmen, das sich für die Sicherheit im Straßenverkehr engagiert, ist die Berliner Stadtreinigung (BSR). „Qualifizierte Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer sind für uns das Wichtigste. Sie müssen fähig sein, ihr Fahrverhalten der Umgebung anzupassen. Dies rufen wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen unseres Berufskraftfahrerqualifizierungsprogramms immer wieder ins Bewusstsein“, betont Wolfgang Wüllhorst, Leiter des Fuhrparkmanagements bei der BSR.

Zum Beispiel werden beim Fahrsicherheitstraining die Beschäftigten regelmäßig für die Gefahren und Herausforderungen im Straßenverkehr sensibilisiert – durch praktische Übungen von kritischen Situationen.„Kenntnisse aufzufrischen, neue Impulse zu geben – das ist ganz wichtig. Außerdem sind viele unserer Fahrzeuge mit Assistenzsystemen wie etwa Abbiegeassistenten ausgerüstet. Doch auch solche Systeme können aufmerksame Fahrerinnen und Fahrer nicht ersetzen“, so Wüllhorst.

Außergewöhnliche Aktionen rütteln auf

Auch Jürgen Krawiec von der BVG weiß, dass die Aufgabe, Verkehrssicherheit in der Organisation zu thematisieren, niemals abgeschlossen ist. Immer wieder erinnern er und sein Team auf verschiedene Weise an die Risiken auf Dienst- und Arbeitswegen. Er empfiehlt: „Außergewöhnliche Aktionen neben den klassischen Unterweisungen sind super, um die Beschäftigten wachzurütteln und aus ihrem Alltagstrott zu holen.“

Materialien für die Unterweisung und mehr

Die Karten weisen Unfallschwerpunkte in der Regionauf und zeigen sicherere Alternativrouten: sicher-in-meiner-region.de

  • Diverse Medien und Materialien zum Thema sichere Mobilität im betrieblichen und öffentlichen Raum der DGUV und des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR).
  • GUROM ist ein Online- Tool zur Analyse von Gefährdungsfaktoren im Verkehr. Es hilft Organisationen, Unfälle auf Arbeitswegen und beruflichen Fahrten zu verhindern.
  • Gemeinsam mit dem DVR haben unter anderem die BSR und BVG ein humorvolles Video über Verkehrssicherheit gedreht.

Veröffentlicht von: Isabelle Rondinone