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Trauer zulassen im Team
Auch am Arbeitsplatz können Rituale wie Trauerfeiern helfen, den Tod zu akzeptieren und Trost zu finden. © Adobe Stock/paulaphoto
Verantwortlich führen

Trauer zulassen im Team

Nimmt ein Mensch sich das Leben, ist das Team eine enorme Belastung. Für Führungskräfte ist die Situation besonders schwierig.

Datum: 02.12.2020

Zunächst sah es nach normaler Trauer aus: Die Großmutter einer Mitarbeiterin war gestorben, daraufhin weinte die Kollegin häufiger im Büro, zog sich zurück. Ihre Vorgesetzte Josephine Wagner (Name von der Redaktion geändert) sprach sie darauf an, doch die Mitarbeiterin konnte ihre heftige Reaktion selbst nicht so recht erklären. Als sich ihr Zustand nicht besserte, beschlich Wagner ein ungutes Gefühl. Ob sich die Kollegin etwas antun würde? Ihr Verhalten ließ sich nur schwer deuten. Letztlich entschied Wagner dann, dass sie sich wohl übertriebene Sorgen machte. Wenige Tage später nahm sich die Mitarbeiterin das Leben. Erst bei der Trauerfeier erfuhr Wagner: Die 32-Jährige hatte jahrelang unter Depressionen gelitten. An ihrem Arbeitsplatz in einer Berliner Verwaltung hatte sie darüber jedoch nicht gesprochen und sich auch nie etwas anmerken lassen – bis zum Tod der Großmutter. Wagner fühlte sich nach dem Suizid vor zehn Jahren wie eine „gesprungene Schallplatte“, sagt sie. Lange begleitete sie das Gefühl, als Vorgesetzte versagt zu haben.

Schwieriger Spagat

Die Managerin steht mit ihren Emotionen nicht allein da. Insgesamt 9.396 Menschen in Deutschland haben im Jahr 2018 Suizid begangen, mehr als 25 pro Tag, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Zwar sind das deutlich weniger Fälle als noch in den 1980er Jahren. Dennoch sei jeder Suizid einer zu viel, sagt Anne Gehrke, Diplom-Psychologin am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG): „Von jedem einzelnen Suizid sind eine ganze Reihe weiterer Menschen betroffen.“ Schließlich hinterlassen die Verstorbenen Angehörige, Freundinnen und Freunde – und nicht selten auch ein Team am Arbeitsplatz. Vor allem für Führungskräfte bedeutet das einen schwierigen Spagat: Es geht darum, mit der eigenen Trauer und etwaigen Schuldgefühlen umzugehen und gleichzeitig das Team zu stärken. Nimmt sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter das Leben, löst das im Team meist ganz unterschiedliche Reaktionen und Emotionen aus. Trauer, Bestürzung – oft sogar Schuldgefühle. Hätte ich mich an dem Tag nicht mit dem Kollegen streiten dürfen? Hätte ich sehen müssen, dass es der Kollegin schlecht ging? „Diese Schuldgefühle können zu Konflikten im Team führen“, sagt Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Friedrich-von-Bodelschwingh-Klinik in Berlin. „Zum Beispiel wird plötzlich das Teammitglied feindselig betrachtet, das kein gutes Verhältnis zum Verstorbenen gepflegt hat.“ Dabei sei es sinnlos, über Schuld zu diskutieren. In 90 Prozent der Fälle geht einem Suizid eine psychische Erkrankung voraus, weiß Schulte-Herbrüggen. Bei der Hälfte davon handelt es sich um Depressionen, aber auch Suchterkrankungen und Schizophrenie spielen eine Rolle.

Keine Gerüchte aufkommen lassen

Auch wenn es nicht hilfreich ist, die Schuldfrage zu diskutieren, so seien die Schuldgefühle als solche eine ganz natürliche Reaktion und hätten auch ihre Funktion, sagt Psychologin Gehrke. „Sie sind ein Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen und eine Erklärung für das Geschehene zu finden.“ Ein Suizid lässt die Hinterbliebenen machtlos zurück. Schuldgefühle vermitteln dagegen den Eindruck, „ich hätte etwas tun können“. Dies mindert zwar nicht das schlechte Gewissen, aber das Gefühl der Ohnmacht. „Um mit diesen Gefühlen umzugehen, ist es sinnvoll, sie ins eigene Leben zu integrieren und eine Art Nutzen daraus zu ziehen“, sagt Gehrke. Also: Was kann ich aus dieser Erfahrung mitnehmen für mich? Was kann ich in Zukunft anders machen? Eine professionelle Unterstützung kann dabei hilfreich sein. Führungskräfte haben hier einen wichtigen Auftrag: Sie sind für die interne Kommunikation mit dem Team zuständig. „Es geht darum, die wichtigsten Informationen zu dem Suizid zu vermitteln, alle Teammitglieder auf einen Stand zu bringen – und zwar möglichst in einem persönlichen Gespräch“, sagt Facharzt Schulte-Herbrüggen. Das ist wichtig, damit keine Gerüchte aufkommen. Die Situation unmittelbar nach dem Suizid sei eine Gratwanderung für Führungskräfte: Zum einen müssen sie ihrem Team Raum für die Trauer geben. Zum anderen dürfen sie das Ereignis nicht so darstellen, als sei es unüberwindbar. Denn das macht es unmöglich, die Tragödie zu verarbeiten und wieder normal an die Arbeit zu gehen.

Rituale können Trost spenden

Um herauszufinden, was Mitarbeitenden in solchen Momenten guttut, sollten Führungskräfte laut Schulte-Herbrüggen Einzelgespräche anbieten: mit den Vorgesetzten selbst oder mit externen Notfallpsychologinnen und -psychologen. Manchmal werden Gruppeninterventionen empfohlen, moderiert von der Führungskraft oder – je nach Situation – von einer externen, speziell ausgebildeten Fachkraft. Wichtig dabei, so Schulte-Herbrüggen: „die einzelnen Bedürfnisse der Mitarbeitenden genug zu berücksichtigen“. Psychologin Gehrke hat zudem beobachtet, dass gewisse Rituale Trost spenden können: beispielsweise eine gemeinsame Trauerfeier oder ein Kondolenzbuch, in das alle Beschäftigten ihre Gedanken schreiben können. „Auch ein von den Mitarbeitenden verfasster Nachruf kann – im Einvernehmen mit den Angehörigen – hilfreich sein“, sagt Gehrke. Es sind nicht nur die Beschäftigten, die in dieser Situation Hilfe brauchen. Auch die Führungskraft selbst weiß oft nicht, wie sie den Suizid verwinden soll. Vor allem, weil gerade in der Führungsetage der Selbstanspruch herrscht: Ich bin stark, ich zeige keine Überforderung. Zwar sei es nicht unbedingt nötig, eine Therapie zu machen, sagt Schulte-Herbrüggen. Doch Chefinnen und Chefs sollten sich selbst eine Reaktion auf den Suizid zugestehen: „Schlafstörungen und eine starke Emotionalität sind in so einer Situation ganz normal.“ Unterstützung kann von der obersten Führungsebene kommen.

Beratung für die Beschäftigten

Auch Josephine Wagner hätte sich nach dem Suizid ihrer Mitarbeiterin Hilfe von oben gewünscht: „Es war schlimm, dass die oberste Führungsetage das Thema einfach totgeschwiegen hat“, erzählt sie. „Vielleicht hätte es schon geholfen, wenn sie mir ein einziges Mal gesagt hätte: Es war nicht deine Schuld, und du kannst mit uns reden.“ So aber fühlte sie sich alleingelassen. Die Angehörigen der verstorbenen Mitarbeiterin wollten nicht, dass sie den Suizid publik machte. Also blockte sie alle Gespräche darüber ab. „Ich wusste, dass das nicht richtig war, hatte aber gefühlt keine andere Wahl.“ Es dauerte etwa ein halbes Jahr, bis Wagner langsam Abstand gewinnen konnte. Inzwischen gibt es eine Beratung für Mitarbeitende: Beschäftigte mit beruflichen, privaten oder gesundheitlichen Problemen können sich an eine externe psychologische Beratungsstelle wenden. Wagner selbst beobachtet ihre Umgebung heute intensiver. „Ich schicke zum Beispiel niemanden in unguten Situationen nach Hause – etwa, wenn der Job auf der Kippe steht“, sagt Wagner. Sie achte nun stets darauf, Teammitglieder bei bedrückter Stimmung aktiv anzusprechen und ein Gespräch unter vier Augen anzubieten.

Autorin: Nina Bärschneider

Hilfsangebote

Unterstützung finden Sie bei Krisen- und Beratungsdiensten, in Arztpraxen oder bei Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie der Telefonseelsorge unter 0800 1110111. Letztere bietet mit dem KrisenKompass auch eine App fürs Smartphone an, die vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Nutzerinnen und Nutzer können dort in einem digitalen Tagebuch positive Gedanken speichern, mehr über beruhigende Techniken erfahren und professionelle Anlaufstellen im Notfall direkt kontaktieren. Auch für Sie als Führungskraft kann die App hilfreich sein: Sie unterstützt Menschen, die mit Suizidgefährdeten konfrontiert sind oder die einen Suizid in ihrer Umgebung miterlebt haben.

Über die Folgen von Depressionen sowie die Prävention von Suiziden klärt unter anderem das Deutsche Bündnis gegen Depression auf.

Veröffentlicht von: Redaktion