Viele Pillen auf hellblauem Hintergrund
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Gehirndoping

Besser, schneller, länger

Arbeitsverdichtung in Kombination mit Zeitdruck zwingt zahlreiche Beschäftigte, ihre Arbeit im Sprint zu erledigen. Um länger fit und konzentriert zu sein, greifen manche zu leistungssteigernden Medikamenten. topeins klärt über die Gefahren des sogenannten Hirndopings auf und zeigt auf, was Führungskräfte vorbeugend dagegen tun können.

Das folgende Szenario schildert einen typischen Fall von Gehirndoping: Eine Fachkraft für Altenpflege leistet seit Ausbruch der Corona-Pandemie aufgrund der verstärkten Hygienemaßnahmen und geänderten Abläufe im Pflegeheim regelmäßig Überstunden. Die nun fehlende Zeit für private Pflichten wird durch weniger Schlaf kompensiert. Um dennoch wach und leistungsfähig zu sein, lässt sich der junge Familienvater unter falschem Vorwand ein Antidepressivum verschreiben. So gelingt es ihm, länger wach und aufmerksam zu bleiben und sich die Besonderheiten im Umgang mit den verschiedenen Bewohnerinnen und Bewohnern seiner Station zu merken. Außerdem hat er so weniger Angst, etwas zu vergessen oder ein Medikament falsch zu verabreichen. Und auch zu Hause ist er im Umgang mit den Kindern besser gelaunt. 

Gebrauch oder Missbrauch?

Werden verschreibungspflichtige Medikamente abweichend von der Indikation und ohne medizinische Notwendigkeit konsumiert, handelt es sich um Medikamentenmissbrauch. Die Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) bezeichnet dies auch als Hirndoping. Es gibt eine ganze Reihe von verschreibungspflichtigen Substanzen, die Beschäftigte auf diese Weise als Aufputschmittel einnehmen – etwa um weniger ängstlich oder nervös zu sein, um über den ganzen Arbeitstag durchgehend konzentriert und fehlerfrei und/oder
kreativ arbeiten zu können oder um mit weniger Schlaf auszukommen. Unter dieses Hirndoping fallen zum einen Medikamente – von Psychostimulanzien wie Ritalin über Antidepressiva und Antidementiva bis hin zu Betablockern. Zum anderen werden illegale Drogen wie Kokain, Crystal Meth und Ecstasy konsumiert. 

Neuroenhancement fasst den Begriff dagegen weiter: Darunter fallen Versuche aller Art, die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern – auch der Konsum legaler Substanzen wie Kaffee, Ginkgo und Guarana oder aber körperliche Praktiken wie Meditation.

Nebeneffekte und Gefahren

Die missbräuchliche Einnahme von Medikamenten kann mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen. Sie reichen von Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen, Übelkeit und Schlaflosigkeit bis hin zu Herzrhythmusstörungen, Organschäden und Persönlichkeitsveränderungen. Gerade bei längerer Einnahme leidet die Gesundheit der betroffenen Beschäftigten oft erheblich.

Auch zu Schwindel, nachlassender Konzentration sowie verlangsamten Reaktionen kann es kommen. Das kann die Arbeitssicherheit stark beeinträchtigen, eine Gefahr im Straßenverkehr darstellen und die Arbeitsleistung negativ beeinflussen.

Gespräch suchen 

Führungskräfte sollten wissen: Medikamentenmissbrauch geht selten mit klar zuzuordnenden Verhaltensänderungen einher. Es gibt jedoch einige Anzeichen. Andauernder Leistungsabfall, ein Nachlassen der Arbeitsqualität, Unpünktlichkeit oder auch wiederkehrende Krankschreibungen deuten darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Aber auch genau das Gegenteil, nämlich übertriebene Leistungsbereitschaft und übertriebenes Engagement, kann auf einen Missbrauch hinweisen. Beobachtet die Führungskraft Verhaltensänderungen, dann sollten diese unbedingt in einem sogenannten Fürsorgegespräch thematisiert werden. 

Konkrete Hilfe: Stufenmodell

Wenn der Verdacht sich bestätigt, hilft das Stufenmodell. So kann schrittweise reagiert werden. Die Führungskraft zeigt zunächst konkrete inner- und außerbetriebliche Hilfsangebote auf, zu denen etwa Aufgabenumstrukturierung, Suchtberatung, Therapieangebote und auch das Betriebliche Eingliederungsmanagement zählen. In regelmäßigen Abständen finden dann insgesamt vier bis fünf Gespräche statt. Treten positive Verhaltensänderungen ein, werden diese gewürdigt. Bleiben sie aus, hat das arbeitsrechtliche Folgen – bis hin zur Kündigung. Wichtig: Die Gespräche werden protokolliert, und es ist mindestens ein Mitglied des Betriebs- oder Personalrats anwesend.

Prävention wirkt!

Da der Missbrauch von Medikamenten fast immer im Verborgenen stattfindet, ist es besonders wichtig, das Thema offen anzusprechen und als Führungskraft präventiv tätig zu werden. So können bereits im Vorfeld Arbeitsverhältnisse geschaffen werden, die die Einnahme von Medikamenten zumindest nicht begünstigen. Dabei ist die Gefährdungsbeurteilung das Mittel der Wahl: Sie gibt Aufschluss über mögliche psychische Belastungen wie zu hohen Zeit- und Arbeitsdruck. Außerdem werden in der Gefährdungsbeurteilung bereits arbeitsorganisatorische Maßnahmen festgelegt, um großem Stress auf gesunde Weise zu begegnen. Aufklärungskampagnen und eine gute Gesprächskultur, wie sie die kommmitmensch-Kampagne empfiehlt, unterstützen das Team dabei.

Autorin: Kea Antes, Manuela Müller

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