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Fehlerkultur im öffentlichen Sektor
Lebendige Organisationen sollten Experimente und damit auch Fehler zulassen, wenn sie sich weiterentwickeln wollen. © iStock/Agor
Verantwortlich führen

Fehlerkultur im öffentlichen Sektor

Fehler zu verheimlichen, kann gefährlich sein und hindert Organisationen daran, aus ihnen zu lernen. Eine positive Fehlerkultur ist der Schlüssel.

Datum: 26.11.2021

Im Büro einer städtischen Verwaltung steigen Kolleginnen und Kollegen regelmäßig auf einen Bürostuhl, um an die Unterlagen zu gelangen, die ganz oben in einem Regal liegen. Aus Bequemlichkeit und fehlendem Bewusstsein für die Unfallgefahr hat sich diese Vorgehensweise in dem Team etabliert.

Obwohl einigen bewusst ist, dass ein Stuhl keine geeignete Steighilfe ist, sagt niemand etwas – bis schließlich eine Kollegin die Balance verliert, herunterfällt und sich am Kopf verletzt. Auf Nachfragen der Teamleitung rücken die Beschäftigten dann mit der Sprache heraus.

Fehler wie in diesem fiktiven Beispiel passieren – und so unangenehm sie für die verursachende Person, das Team oder gar die gesamte Organisation sind, so wichtig ist es, sich mit ihnen zu beschäftigen und ihre Ursachen zu verstehen. Denn erst dann können Teams sich weiterentwickeln und künftige Fehler und Unfälle vermeiden. Voraussetzung dafür ist eine positive Fehlerkultur.

Schweren Folgen vorbeugen

Davon spricht man, wenn das Betriebsklima es zulässt, dass Beschäftigte und Vorgesetzte angstfrei über Fehler sprechen können, weil das entstandene Lernpotenzial als wichtig erachtet wird. „Wenn ich offen Fehler mitteile – auch über andere Bereiche und Abteilungen hinweg –, hat die Organisation die Chance, aus Fehlern zu lernen, sodass andere Ereignisse gar nicht passieren“, sagt auch Cornelia Ruge, Mitarbeiterin im Sachgebiet Veränderung der Arbeitskulturen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Verschweigen Beschäftigte hingegen Fehler, kann daraus ein immenses Gefahrenpotenzial erwachsen. „Selbst aus kleinen Fehlern können schwere Schäden und Unfälle entstehen“, mahnt die Präventionsexpertin. Wie aus einer scheinbaren Lappalie ein schwerer Arbeitsunfall entsteht, zeigt dieses Beispiel: Einer Person ist in einer Kaffeeküche Flüssigkeit ausgelaufen. Weder sie selbst noch andere weisen auf den Fehler hin oder beheben ihn. Schließlich rutscht jemand aus und bricht sich den Arm.

Fehler ermöglichen Entwicklung

Darüber hinaus ist eine positive Haltung gegenüber Fehlern wichtig, wenn eine Organisation den Anforderungen der modernen Arbeitswelt gewachsen sein will, meint Prof. Dr. Gottfried Richenhagen, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Public Management der in Essen ansässigen FOM Hochschule. Unter anderem sei die sogenannte VUKA-Welt stärkster Treiber für diese neue Fehlerkultur.

VUKA setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Wörter volatil, unsicher, komplex und ambivalent zusammen, mit denen Fachleute der Wirtschaftswissenschaften den Charakter der modernen Arbeitswelt beschreiben. „Die Welt dreht sich immer schneller und es wird immer unklarer, wohin. Auch der öffentliche Sektor muss darauf reagieren. Wer sich wiederum verändert, macht notwendigerweise Fehler“, fasst es Richenhagen zusammen. Eine lebendige Organisation müsse Experimente und damit auch Fehler zulassen, wenn sie sich weiterentwickeln will.

Fehlerkultur kann Innovationen befördern

Ruge betont zudem das Innovationspotenzial, das aus einer positiven Fehlerkultur erwächst: „Wenn Mitarbeitende es gewohnt sind, Lösungen zu entwickeln, damit Fehler nicht wieder geschehen, machen sie das möglicherweise auch dann, wenn der Fehler noch gar nicht geschehen ist. Insgesamt kann das einen Innovationsschub mit sich bringen.“ Wenn Mitarbeitende hingegen davor zurückschrecken, Fehler zu machen und über sie zu sprechen – etwa aus Angst vor Sanktionierung –, steht dies kreativen Einfällen entgegen.

Über Fehlschläge zu sprechen, erhöht ihren Lerneffekt. Organisationen können dafür gezielt Gelegenheiten schaffen. © AdobeStock/migfoto

Drei Ideen für Gespräche über Fehler

Pinguin-Award: Mit dem Pinguin-Award küren Unternehmen regelmäßig den „wertvollsten“ Fehler. Das ist derjenige Fehler, aus dem das Unternehmen besonders viel gelernt hat. Beschäftigte, die einen Misserfolg erlebt haben, können sich bewerben.

Fuck-up-Event: Fuck up ist Englisch und bedeutet „vermasseln“. Auf Fuck-up-Events sprechen Personen über berufliche Fehlschläge und gewonnene Erkenntnisse. In Unternehmen und der Wissenschaft sind solche Gesprächsrunden verbreitet.

Retrospektive: Teams nutzen Retrospektiven, um ihre Arbeitsweise und -prozesse zu hinterfragen und sie auf Fehler zu prüfen. Nach Abschluss eines Projektes setzt sich dazu die Arbeitsgruppe zusammen und debattiert: Was lief gut und was nicht so gut? Wie können wir künftige Projekte besser gestalten?

„Auch ich mache Fehler!“

Eine positive Fehlerkultur geht Hand in Hand mit weiteren Merkmalen einer positiven Unternehmenskultur: ­respektvolles Miteinander, Führungsstil auf Augenhöhe sowie eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre. Vorgesetzte prägen als Vorbild die Unternehmenskultur und damit auch die Fehlerkultur entscheidend mit. „Führungskräfte sollten eigene Fehler offen eingestehen und damit signalisieren, dass Fehler ganz normal sind“, sagt Ruge.

„Gleichermaßen sollten sie Beschäftigte, die Fehler melden oder zugeben, dafür loben.“ Damit schaffen Führungskräfte eine Atmosphäre, in der sich Beschäftigte unvollkommen und verletzlich zeigen können, ohne an Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verlieren. Spüren Beschäftigte diese Sicherheit – in Fachkreisen Psychologische Sicherheit genannt –, übernehmen sie Verantwortung für ihr Handeln und sind bereit, über Fehler zu sprechen.

Fehlerkultur nicht auf Kosten der Sorgfalt

Aber erhalten Beschäftigte durch eine positive Fehlerkultur nicht einen Freifahrtschein fürs Fehlermachen? Keinesfalls! Gerade im öffentlichen Dienst gibt es eine Vielzahl an Tätigkeiten, in denen nachlässiges Verhalten unbedingt zu vermeiden ist. Denken wir an fehlende Persönliche Schutzausrüstung beim Feuerwehreinsatz. Oder an Verfahren in Amtsgerichten, die der Gesetzgeber exakt vorschreibt und daher wenig Spielraum lässt.

„Führungskräfte sollten zwischen Aufgaben und Organisationsformen unterscheiden können, bei denen experimentiert werden kann und Fehler daher erwünscht sind – und wann das nicht geht“, sagt Richenhagen. Inakzeptabel sind zudem Fehler, die absichtlich herbeigeführt werden.

Von Fehlern zu Lösungen

Und was die gestürzte Mitarbeiterin aus unserem fiktiven Eingangsbeispiel betrifft: Wir nehmen mal an, sie zog sich keine schweren Verletzungen zu und erholte sich schnell vom Sturz. Zudem nehmen wir an, dass der Vorfall die Abteilungsleiterin beschäftigte: Ihr wurde bewusst, dass sie ihre Beschäftigten stärker für die Unfallrisiken im Büro sensibilisieren muss.

Daraufhin stieß sie Informationsveranstaltungen über Sicherheit am Arbeitsplatz an und ermunterte das Team, sich bei fehlendem Equipment bei ihr zu melden. Ein wünschenswertes Szenario, in welchem die gesamte Abteilung durch den Fehler lernen konnte.

Checkliste

Aus Fehlern lernen: So fördern Führungskräfte eine positive Fehlerkultur

  • Eigene Unkenntnis thematisieren: Vorgesetzte sollten zum Ausdruck bringen, dass sie manchmal selbst nicht wissen, wohin eine neue Arbeitsweise oder ein Experiment führen. Auch wenn sie selbst einmal einen Fehler machen, sollten sie darüber sprechen.
  • Regelmäßige Feedback-Gespräche: Damit Erkenntnisse aus Fehlern nicht „verpuffen“, sondern weitergegeben werden, sollten feste Termine in unterschiedlichen Konstellationen stattfinden – zum Beispiel im gesamten Team, in kleinen Projektteams oder in Personalgesprächen mit Vorgesetzten.
  • Über Konsequenzen aufklären: Die Angst vor negativen Folgen hält Beschäftigte oft davon ab, von Fehlern zu berichten. Um diese Angst zu mindern, können Führungskräfte die Folgen offenlegen, die verschiedenste Fehler verursachen.

Veröffentlicht von: Isabelle Rondinone