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Roboter Pepper: vom Prototyp zur echten Bereicherung
Der 1,20 Meter große Pepper unterstützt Pflegekräfte vor allem bei der Aktivierung. © Universität Siegen
Arbeiten 4.0

Roboter Pepper: vom Prototyp zur echten Bereicherung

Roboter könnten künftig mehr Aufgaben in der Pflege übernehmen. Doch bis dahin ist es für die Forschung noch ein langer Weg: Wie sich Roboter in den Berufsalltag integrieren lassen, lotet aktuell eine Forschungsgruppe am Beispiel Pepper aus.

Datum: 07.05.2021

„Wir sollten uns ein wenig bewegen“, schlägt Pepper mit enthusiastischer Stimme vor. Der menschenähnliche Roboter in weißer Plastikverkleidung steht im Gemeinschaftraum des Marienheims in Siegen vor zehn erwartungsvollen Seniorinnen und Senioren. Aufmerksam folgen sie seinen Bewegungen, denn Pepper gibt heute eine Tai-Chi-Stunde. Dass es sich bei ihrem Trainer nicht um einen Menschen, sondern um einen Roboter handelt, scheint die Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegeeinrichtung nicht zu stören. Stattdessen sorgt Pepper für Heiterkeit: Die Bewegungsübungen erfreuen die kleine Gruppe sichtlich.

Roboter für Pflege, Betreuung und mehr

Roboter wie Pepper könnten bald eine wichtige Säule in der Pflege werden und für Entspannung in vielen Einrichtungen sorgen. Seit Jahren herrscht in der Branche ein akuter Fachkräftemangel. Verschiedene Forschergruppen arbeiten deshalb aktuell an Robotersystemen, die künftig Aufgaben im Gesundheitsdienst und der Wohlfahrtspflege übernehmen könnten, zum Beispiel die Speisung von Pflegebedürftigen oder die Frühmobilisation auf der Intensivstation.

Im Gegensatz zu Service- oder Pflegerobotern erfüllt der 1,20 Meter große und etwa 30 Kilogramm schwere Pepper jedoch vor allem kommunikative Funktionen. „Pepper ist ein sozialer Roboter, der mit Bewohnerinnen und Bewohnern redet, sie unterhalten kann und mit ihnen Aktivierungsübungen macht“, erklärt Informatiker Felix Carros von der Universität Siegen, die den Einsatz des Roboters im Marienheim begleitet.

Forschungsgruppe testet Roboter Pepper

Seit mehr als drei Jahren testen Carros und sein Team vom Fachbereich der Human Robot Interaction den ursprünglich in Frankreich und Japan entwickelten Roboter nun schon dort, um herauszufinden, wie man ihn im Pflegebereich einsetzen könnte. „Das ist eine langfristige Aufgabe“, berichtet Carros. „Wir können schlecht drei Jahre lang Programme für Pepper entwickeln und dann das fertige Produkt einfach in Einrichtungen wie dem Marienheim abliefern. Stattdessen muss man dies gemeinsam angehen und in der Praxis testen.“

Zu diesem Zweck ist Pepper im Rahmen verschiedener Testprojekte immer mal wieder im Pflegeheim im Einsatz, ständig begleitet von den wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Universität Siegen. „Wir versuchen herauszufinden, wo es einen Bedarf für Pepper gibt und welche Bedarfe von der Technik umgesetzt werden können. Denn die Fähigkeiten des Roboters sind durchaus limitiert“, sagt Carros.

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Pepper bei einem Besuch im Marienheim im Jahr 2019 © Universität Siegen

Pepper unterstützt bei der Aktivierung

Im Bereich der Aktivierung überzeugt der Roboter bereits. „Pepper beherrscht zum Beispiel kognitive Übungen, wie Quizze, Musik- oder Bilderrätsel“, berichtet der Informatiker. Ebenso animiert Pepper Menschen zu körperlicher Betätigung, zum Beispiel indem er mit ihnen tanzt oder turnt. „Bei all diesen Einsätzen haben wir eine enge Interaktion zwischen Mensch und Technik festgestellt“, sagt Carros.

Jörg Boenig, Leiter des Marienheims, sieht in dem Roboter ebenfalls eine Bereicherung: „Ich finde es sehr interessant, wie die Bewohnerinnen und Bewohner auf Pepper reagieren. Einige haben ihn so zum Beispiel schon umarmt oder sich auch länger mit ihm unterhalten.“ Pepper helfe auch dabei, soziale Kontakte untereinander zu fördern. „Die Bewohner unterhalten sich ja nicht nur mit dem Roboter, sondern auch über ihn“, berichtet Boenig.

Herausforderungen

Bevor Pepper effizient und flächendeckend in Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden kann, müssen einige Hindernisse überwunden werden:

  • Selbstständigkeit: Aktuell agiert Pepper nicht selbstständig, sondern muss von einem Menschen begleitet werden. Deshalb sind weiterhin menschliche Pflegekräfte notwendig, um zum Beispiel Bewohnerinnen und Bewohner bei den Bewegungsübungen zu unterstützen.
  • Technik: Bei Pepper handelt es sich um einen Prototyp. Da gelegentlich technische Probleme auftreten, muss er von einem Mitglied der Forschungsgruppe begleitet werden, um die Probleme schnell beheben zu können.
  • Datenschutz: Die Verwendung von Robotertechnik ist datenschutzrechtlich aktuell noch problematisch. Momentan sind die relevantesten Datenschutzfragen für den Einsatz von Pepper im Marienheim zwar in einem entsprechenden Rahmenvertrag geklärt. Schwierig wird es jedoch, wenn der Roboter zukünftig weitere Aufgaben übernehmen soll und zum Beispiel Besuchende scannen oder Informationen über einzelne Bewohnerinnen und Bewohner speichern würde.

Roboter ersetzen Pflegekräfte nicht

Sind entsprechende Probleme aber erst mal behoben und Pepper irgendwann selbständig einsetzbar, wird er den Pflegekräften Zeit für andere Aufgaben und Verschnaufpausen verschaffen können. Seine menschlichen Kolleginnen und Kollegen soll der Roboter dabei allerdings lediglich entlasten, ihre Arbeit wird er nicht überflüssig machen. „Pepper ist eine Unterstützung, aber kein Ersatz“, sagt auch Boenig. „Ich glaube, dass der Roboter langfristig eine gewisse Entlastung sein kann, dennoch ist er eher als zusätzliches Angebot im Bereich der Aktivierung zu betrachten.“

Dass Pflegekräfte von einer solchen Technik in erster Linie bei zeitraubender und anstrengender Arbeit unterstützt werden sollen, befindet auch der deutsche Ethikrat: Er definiert Pflege weiterhin als eine personenbedingte Handlung an Patientinnen und Patienten. Robotertechnik dürfe diese zwischenmenschlichen Beziehungen nicht ersetzen.

Carros blickt in die Zukunft: „Wir arbeiten im Rahmen einer neuen Studie gerade daran, das Personal im Marienheim so zu schulen, dass es den Roboter ohne unsere Hilfe einsetzen kann. Das ist auch für unser Forschungsteam interessant, weil das Personal Pepper vielleicht auf eine ganz andere Art nutzt als wir es vorgesehen haben.“ So wäre es zum Beispiel denkbar, dass er abends Schlaflieder spielt oder morgens die Bewohnerinnen und Bewohner per Sprachsteuerung weckt. „Je mehr Pepper kann und je mehr er auf die Bewohnerinnen und Bewohner eingeht, desto sinnvoller ist seine Unterstützung für uns am Ende natürlich auch“, bestätigt Boenig.

Veröffentlicht von: Julien Hoffmann