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Post COVID: Der lange Weg zurück
Konzentrationsschwierigkeiten, Erschöpfung, Gedächtnisprobleme: Unter diesen Beschwerden leiden viele Post-COVID-Patientinnen und -Patienten. © Getty Images/EyeEm

Corona : Post COVID: Der lange Weg zurück

Nach einer Infektion mit COVID-19 leiden viele Beschäftigte an Langzeitfolgen. Wie das Betriebliche Wiedereingliederungsmanagement bei Post COVID funktionieren kann.

Ihre COVID-19-Erkrankung fing für Kathrin Maiwald mit Grippesymptomen an. Dann war ihr Geschmackssinn gestört. Und sie vergaß schnell Dinge. Als sie Anfang April 2021 nach überstandener Infektion ihre Arbeit als Krankenschwester wieder aufnahm, kam sie schnell an ihre Grenzen: „Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht konzentrieren kann. Selbst einfache Tätigkeiten waren eine Qual.“ Auch der Lärm auf der geschlossenen Station beeinträchtigte sie.

Sie musste sich wieder krankschreiben lassen. Doch eine genaue Diagnose zu bekommen, war schwer. Zwei Rehabilitationen brachten keine Besserung. Ein Neurologe stellte schließlich kognitive Einschränkungen fest. Weil in ihrem Bundesland Sachsen eine Anlaufstelle fehlte, kam Maiwald an das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Dort wurde sie Ende August 2022 als Post-COVID-Fall angenommen.

Klicktipps

Unternehmen und Einrichtungen sollten sich darauf vorbereiten, dass Beschäftigte mit Post-COVID-Syndrom einen längeren Wiedereingliederungsprozess durchlaufen. Tipps gibt es hier:

Post-COVID-Symptome sind vielfältig

Kathrin Maiwald ist alles andere als ein Einzelfall. Man spricht vom Post-COVID-Syndrom, wenn Beschwerden nach drei Monaten noch bestehen und mindestens zwei Monate lang anhalten oder wiederkehren. Wie viele Menschen das betrifft, ist nicht ­gesichert. Das ­Robert Koch-Institut kann nach eigener Auskunft noch keine verlässlichen Zahlen angeben. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin geht aber davon aus, dass rund zehn Prozent derer, die sich mit dem Virus infiziert haben, unter Langzeitfolgen leiden.

In jedem Fall ist die Post-COVID-Zahl so hoch, dass viele Unternehmen und Einrichtungen vor großen Herausforderungen stehen, wenn betroffene Beschäftigte ihre Arbeit wieder aufnehmen möchten, dies aber nicht im gewohnten Maße möglich ist. Zumal die zu berücksichtigenden Einschränkungen sehr unterschiedlich sein können: Mehr als 200 Symptome von Post COVID hat die Medizin bereits diagnostiziert. Am häufigsten treten Schwindelgefühle auf, Wahrnehmungsstörungen, eine hohe Geräuschempfindlichkeit oder ein genereller Erschöpfungszustand, auch „Fatigue-Syndrom“ genannt.

Porträt von Witold Rogge, leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Fachbereich Neurologische Frührehabilitation, BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin.
Witold Rogge ist leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Fachbereich Neurologische Frührehabilitation, BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin. © BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

Stufenweise Wiedereingliederung

„Man sieht es Patientinnen und Patienten nicht an, dass sie an Post COVID leiden“, sagt Dr. Witold Rogge, Oberarzt am Unfallkrankenhaus Berlin, „aber sie schaffen nicht mehr so viel wie vorher. Sie brauchen Zeit und Verständnis.“ Eine gute Vorbereitung der betrieblichen Wiedereingliederung ist wichtig, denn der erste Wiedereinstiegsversuch scheitert häufig.

„Viele Beschäftigte, besonders im Gesundheits- und Sozialwesen, haben hohe Ansprüche an sich selbst. Sie wollen gleich wieder voll einsteigen. Aber das gelingt bei Post COVID meist nicht“, sagt Rogge. Erfolgversprechender ist es, für die Wiederaufnahme der Arbeit die Aufgaben sowie die Arbeitszeiten anzupassen und nach Möglichkeiten zu suchen, den Arbeitsplatz umzugestalten.

Hamburger Modell präferiert

Sind Beschäftigte mindestens sechs Wochen innerhalb von zwölf Monaten krankgeschrieben, kommt auch ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) infrage. Dabei setzen viele Beteiligte auf das sogenannte Hamburger Modell, das eine stufenweise Wiedereingliederung vorsieht. Diese dauert meist vier bis acht Wochen und läuft nach einem Wiedereingliederungsplan ab, zu dem in der Regel eine schrittweise Steigerung der Arbeitsstunden gehört.

Bei anderen Erkrankungen kann das gut funktionieren, weil so die Belastung schrittweise gesteigert wird. Im Falle von Post COVID ist jedoch eine andere Herangehensweise gefragt. „Für die Betroffenen ist es medizinisch gesehen am besten, wenn sie immer ein wenig unter der Belastungsgrenze bleiben“, betont Rogge. „Außerdem braucht es eine enge Supervision durch die BEM-Verantwortlichen.“ Der Oberarzt empfiehlt eine flexible Handhabung der stufenweisen Wiedereingliederung – auch über einen längeren Zeitraum. Denn die Wiedereingliederung kann auch auf sechs Monate angelegt werden, im Einzelfall sogar noch länger.

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement:

Das Verfahren: Anspruch auf ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) haben Beschäftigte, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind. Die Teilnahme an einem BEM-Verfahren ist freiwillig und benötigt die Zustimmung des oder der Beschäftigten. Arbeitgebende sind laut Sozialgesetzbuch verpflichtet, auf Wunsch von Betroffenen ein BEM durchzuführen. Die betrieblichen
Interessenvertretungen müssen am BEM beteiligt werden. Die Beschäftigten dürfen eine Vertrauensperson hinzuziehen.

Stufenweise Wiedereingliederung: Das sogenannte Hamburger Modell ist eine mögliche Form des BEM. Es sieht eine schrittweise Rückkehr ins Berufsleben vor. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte erstellen dafür in Abstimmung mit Beschäftigten und Betrieb einen individuellen Stufenplan.

Ziele: Mit einem BEM soll erreicht werden, die Arbeitsunfähigkeit möglichst zu überwinden, erneute Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen und den Arbeitsplatz für die betroffene Person zu erhalten.

Unterstützung: Die Unfallkassen helfen bei Fragen zu Einzelfällen, aber auch zu betrieblichen Strukturen für ein BEM. Sie bieten Seminare für Führungskräfte an.

Abbruch von BEM vermeiden

Während eines BEM-Verfahrens sind die Beschäftigten noch krankgeschrieben. Ihre Arbeitskraft kann daher nicht fest eingeplant werden. So sollen eine Überlastung oder gar ein Abbruch des BEM vermieden werden. Ziel des BEM ist der langfristige Erhalt der Arbeitsfähigkeit.

Bevor eine Wiedereingliederung startet, werden die betroffenen Beschäftigten darauf von medizinischer Seite vorbereitet. Am ukb wird in Fällen von Post COVID fachübergreifend gearbeitet, um passende Therapieansätze zu ermitteln, darunter auch psychische und psychosomatische. Dabei kommt als Ergänzung zu gewohnten Behandlungsmethoden auch eine digitale Therapie zum Einsatz. „ukb Braincloud 1.0“ heißt der Raum, in dem diese erfolgt. Er ist klinisch weiß gehalten, die Beleuchtung hell, aber nicht grell, die Akustik ist gedämpft, die Fenster blickdicht. Hier können sich die Patientinnen und Patienten ganz auf die Therapie konzentrieren.

Mit Memory-Spielen trainieren sie etwa an Spielkonsolen, die an große Bildschirme angeschlossen sind, ihre kog­nitiven Fähigkeiten. Oder sie sind mit Brille und Handsteuerung in der virtuellen Realität unterwegs. Dort pflücken sie Früchte von Bäumen und legen sie in die zur Farbe des Obstes passende Schale. Eine medizinische Fachkraft steuert die Behandlung per Tablet und gibt Anleitung, was wie zu tun ist.

Blick in die UKB Braincloud 1.0: Mithilfe von virtueller Realität können Personen mit Post COVID motorische Fähigkeiten trainieren
Blick in die „ukb Braincloud 1.0“: Mithilfe von virtueller Realität lassen sich etwa die motorischen Fähigkeiten trainieren, in diesem Setting beim Drachensteigen. © BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

Impulse für Führungskräfte

Für das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) sind Führungskräfte nur indirekt verantwortlich. Damit dieses erfolgreich verläuft, ist es jedoch sinnvoll, dass sie sich einbringen. Das können sie tun:

  1. Sich mit den grundlegenden BEM-Prozessen und der Rolle von Führungskräften beim BEM
    bekannt machen
  2. Den Austausch mit Personalabteilung suchen und sich regelmäßig über den aktuellen Stand erkundigen – dabei muss der ­Datenschutz gewahrt bleiben
  3. Beraten und Anregungen geben, welche Maßnahmen sinnvoll sein können, etwa bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes oder der Arbeitsbedingungen
  4. Offenheit und Bereitschaft äußern, Maßnahmen umzusetzen, damit Beschäftigte wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren können

Orientierunghilfe zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement bietet eine DGUV Publikation.

In einer Virtual-Reality-Umgebung können Post-COVID-Patientinnen und -Patienten des UKB ohne Verletzungsrisiko einfache Tätigkeiten üben.
In einer Virtual-Reality-Umgebung können Post-COVID-Patientinnen und -Patienten des ukb ohne Verletzungsrisiko einfache Tätigkeiten üben, etwa in der Küche. © BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

Austausch mit anderen Betroffenen

Künftig wird es sogar möglich sein, die gewohnte Arbeitsumgebung von Patientinnen und Patienten komplett digital nachzubilden und sie virtuell die Tätigkeiten ausüben zu lassen, die zu ihrem Arbeitsalltag gehören. Erste Ansätze dazu gibt es bereits für die Arbeit in Küchen, in denen mit dem Herd und Schneidewerkzeugen hantiert wird. „So können wir zielgerichtet auf den beruflichen Wiedereinstieg vorbereiten, und es besteht dabei keine Verletzungsgefahr“, sagt Witold Rogge.

Kathrin Maiwald hat verschiedene Formen der Therapie genutzt, darunter auch die digitale Therapie. Mental hat ihr vor allem geholfen, auf andere Betroffene zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Ansonsten schwankt die 54-Jährige zwischen Hoffnung und Selbstzweifeln. Gesundheitlich geht es auf und ab bei ihr, sowohl körperlich als auch psychisch. Doch sie versucht, sich davon nicht entmutigen zu lassen und hat sich ein klares Ziel gesetzt: „Wenn ich kann, gehe ich zurück in meinen Beruf.“ Nach 30 Jahren als Krankenschwester möchte sie ihre Tätigkeit nicht missen.