Führungskultur : VR im Recruiting: Virtueller Besuch im künftigen Büro
Im Jahr 2025 fehlten im öffentlichen Dienst rund 600.000 Fachkräfte – Tendenz steigend. Das geht aus einer Personalbedarfsanalyse des dbb beamtenbund und tarifunion aus dem Jahr 2025 hervor. Klassische Instrumente wie Ausbildungsmessen, Schnuppertage oder Praktika binden personelle Kräfte und erreichen dennoch nicht alle Zielgruppen.
Vor diesem Hintergrund rückt ein neues Werkzeug in den Blick: virtuelle Realität (VR). Kann sie helfen, Arbeitsplätze erlebbar zu machen, noch bevor Jobsuchende eine Bewerbung schreiben? Und was bedeutet es für Führungskräfte, wenn ihre Organisation darüber nachdenkt, VR im Recruiting einzusetzen?
VR im Recruiting – mehr als eine VR-Brille
Wenn von VR im Recruiting die Rede ist, geht es meist um „Realistic Job Previews“: virtuelle Rundgänge durch Arbeitsbereiche, Einblicke in typische Tätigkeiten oder simulierte Arbeitssituationen. Interessierte setzen eine VR-Brille auf – etwa im Berufsinformationszentrum, auf einer Messe und perspektivisch auch vor dem heimischen Bildschirm – und bewegen sich durch die digitale Nachbildung eines Arbeitsplatzes.
Doch dafür braucht es mehr als nur eine VR-Brille: geeignete Hardware, eine stabile IT-Infrastruktur, eine Plattform oder Software und vor allem inhaltlich durchdachte Szenarien. Der eigentliche Aufwand liegt laut Dr. Peter Nickel, Experte für digitale Technologien am Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA), nicht in der Anschaffung der Geräte, sondern in der Entwicklung und Pflege der Inhalte. „Die VR-Brille ist das wenigste an der ganzen Sache. Entscheidend ist, was man damit eigentlich erreichen möchte.“
Wer VR im Recruiting einsetzen will, sollte nicht mit der Frage beginnen, welche Technik angeschafft wird. „Man sollte VR-Projekte immer vom Ziel her denken. Also klären: Für wen machen wir das? Und woran merken wir, dass es erfolgreich war?“, so Nickel.
Gerade in der öffentlichen Verwaltung kann VR helfen, Arbeitsumgebungen niedrigschwellig erlebbar zu machen. Viele Tätigkeiten sind für Außenstehende schwer greifbar. Ein virtueller Rundgang kann Orientierung bieten, etwa durch 360-Grad-Ansichten von Büros oder Einblicke in typische Arbeitsabläufe. Auch interaktive Sequenzen sind denkbar.
Checkliste: VR im Recruiting einsetzen
Vor dem Projektstart:
- Welche Ziele sollen erreicht werden?
- Für welche Zielgruppen ist die Anwendung gedacht?
- Wie wird der Erfolg des Projekts gemessen?
- Wie greifen Interessierte darauf zu?
- Welche Inhalte sind realistisch und sinnvoll?
- Sind alle Datenschutzfragen geklärt?
- Wer übernimmt Pflege, Aktualisierung und Support?
- Gibt es alternative Zugänge für Personen, die VR nicht nutzen können?
Geruch und Haptik fehlen
Wichtig ist dabei weniger, wie spektakulär eine virtuelle Umgebung aussieht, sondern was sie leisten soll. „Eine fotorealistische Darstellung sieht beeindruckend aus, ist aber nicht automatisch sinnvoller“, warnt Nickel. Entscheidend sei, ob Interessierte danach besser verstehen, welche Aufgaben sie erwarten – nicht, wie real die Oberfläche wirkt. Denn auch bei der beeindruckendsten Simulation gilt: „Es fehlen Geruch, Haptik, soziale Interaktion. Ein virtueller Rundgang kann Orientierung geben, aber keine echte Erfahrung ersetzen“, so Nickel.
Darüber hinaus müssen gesundheitliche Aspekte berücksichtigt werden: Ein kleiner Teil der Bevölkerung reagiert empfindlich auf immersive Anwendungen. Alternative Zugänge, etwa 360-Grad-Rundgänge am Bildschirm, sollten deshalb mitgedacht werden.
Was Vorgesetzte bedenken sollten
Bevor eine Verwaltung ein VR-Projekt startet, müssen Unternehmen und Einrichtungen zentrale Fragen klären – von der Zieldefinition über den technischen Zugang bis hin zu Pflegeaufwand und Betreuung. Denn je komplexer die Simulation, desto höher sind Entwicklungs- und Betreuungsaufwand. Führungskräfte, die in die Umsetzung eingebunden sind – etwa wenn ihr Team Einblicke in Arbeitsabläufe gibt oder als Vorlage dient –, sollten früh klären, welche Ziele verfolgt werden. Wenn Recruiting-Prozesse mit VR-Einbindung entlasten und als Filterfunktion dienen sollen, müssen Unternehmen und Einrichtungen Einblicke bewusst wählen und realistische Erwartungen setzen.
Virtuelle Realität ist kein Ersatz für persönliche Begegnungen. Sie kann jedoch ein ergänzendes Instrument sein, um Arbeitsplätze transparenter zu machen. Ob sich der Einsatz lohnt, hängt von der Klarheit des Konzepts ab. Oder, wie Nickel es formuliert: „VR ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug – und wie bei jedem Werkzeug muss man wissen, wofür man es einsetzt.“