Kolumne : Rückkehrgespräch: Krankheit ist Privatsache
Die seit Jahren ansteigenden Krankenstände sind in Deutschland wieder ein Thema und damit rücken auch die Mitarbeitendengespräche zum Thema Krankheit wieder in den Fokus. Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, als Führungskraft mit seinen Mitarbeitenden nach Rückkehr Kontakt aufzunehmen und ein Gespräch zu führen. Doch seit solche Gespräche in den 1990er-Jahren in der Autoindustrie eingeführt wurden, sind sie inzwischen auch anderswo formalisiert. Leider tauchen immer wieder Missverständnisse über diese Gespräche auf, vor denen ich Sie als Führungskraft gerne bewahren möchte.
Oft werden bei der Diskussion und Einführung der Begrifflichkeiten die Begrifflichkeiten selbst durcheinandergeworfen: Präventionsgespräche, Gesundheitsgespräche, Rückkehrgespräche, Fehlzeitengespräche, Personalgespräche – dahinter stecken sehr verschiedene Zielsetzungen und das kann zu Angst und Misstrauen führen.
Am gebräuchlichsten ist der Begriff „Rückkehrgespräch“, der impliziert, dass eine Beschäftigte oder ein Beschäftigter aus einer krankheitsbedingten Abwesenheit zur Arbeit zurückkehrt. Das ist natürlich kein Tür-und-Angel-Gespräch und auch keines im Großraumbüro: „Na, Müller, was hattense denn – sitzt das neue Hüftgelenk?“ Es muss aber auch kein hoch formalisiertes Gespräch mit seitenlangem Protokoll und Beschäftigtenvertretung sein. Das schreckt nun wirklich alle Beteiligten ab, überfordert Führungskräfte durch heillose Bürokratie und irritiert Beschäftigte.
Ein Rückkehrgespräch dient der Fürsorge
EDas Rückkehrgespräch ist genau wie das Gespräch zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) ein Fürsorgegespräch. Und ehe ich Sie mit meinen Vorschlägen langweile, folgen Sie einmal Ihrer Intuition: Was gibt es da zu besprechen? Wie gehtʼs, gehtʼs schon wieder, brauchst du was, was war zwischenzeitlich los? Solche umgangssprachlichen Gesprächsleitfäden habe ich in Trainings zu diesem Thema im Betonwerk oder der Produktion entwickelt – sie müssen schon zur Sprache vor Ort passen.
Wie Sie aus den genannten vier Fragen ersehen: Die Diagnose ist für Sie als Führungskraft bei der Arbeit – Rolle und Kontext – vollkommen irrelevant. Eine Diagnose steht zwar schnell im Raum, beantwortet Ihnen aber nicht die im Kontext Arbeit zentralen Fragen zur Rückkehr. Sie sind ja in der Regel nicht ärztlich oder psychotherapeutisch ausgebildet, daher sagt Ihnen eine Diagnose gar nichts. Diese verführt eher zu Vorannahmen, manchmal aus eigener Erfahrung, manchmal aus den Medien gespeist.
Krankheit ist Privatsache und soll es auch bleiben. Arbeitsschutz, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in der Verantwortung der Führungskraft sowie die Arbeitsleistung in der Verantwortung der Beschäftigten sind aber keine Privatsache.
Daher verwandeln Sie bitte die ja oft sehr bereitwillig erzählte Diagnose immer in die kontextrelevante Frage: „Was bedeutet diese Diagnose für deine Arbeit hier?“ Damit gestalten Sie eine konstruktive und hilfreiche Rückkehr professionell und klar – herzlichen Dank!