Ein Ehrenamt mit Potential
Sicherheitsbeauftragte fördern

Ein Ehrenamt mit Potential

Sicherheitsbeauftragte oder kurz Sibe sind heute anders als früher nicht nur für Sicherheit, sondern auch für Gesundheit am Arbeitsplatz zuständig. Nah dran an den Beschäftigten können sie Führungskräfte bei der Prävention effektiv unterstützen, sofern sie gut eingebunden und geschult sind. Ein Interview mit Gerhard Kuntzemann.

Herr Kuntzemann, wie viele Sibe gibt es aktuell – ist diese Zahl ausreichend oder besteht Mangel?

Es geht nicht vordringlich um die konkrete Anzahl, sondern darum, dass Sibe in allen Unternehmensbereichen mit einer ausreichenden fachlichen, räumlichen und zeitlichen Nähe zu den Beschäftigten vorhanden sind. So gibt es zahlreiche Betriebe mit unter 20 Beschäftigten, die keine Sibe bestellen müssten, es aber dennoch tun. Und es gibt Betriebe, die deutlich mehr als die vorgeschriebene Anzahl an Sibe bestellen. Die Beschäftigten benötigen Ansprechpersonen, die sie kennen, die präsent sind und die verstehen, welche Gefährdungen an den Arbeitsplätzen auftreten. Wenn bei Fragen zum Arbeitsschutz weder Führungskraft noch Sicherheitsbeauftragte zeitnah ansprechbar sind, entwickeln sich leicht Sicherheits- oder Gesundheitsdefizite. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 670.000 Sibe. Eine Herausforderung ist der demografische Wandel: Wenn eine oder ein Sibe in den Ruhestand geht, darf der Betrieb die Nachbesetzung nicht vergessen.

Inwiefern profitieren Führungskräfte von der Tätigkeit gut ausgebildeter Sibe?

Führungskräfte können durch Sibe entlastet werden. Bewährte Praxis ist zum Beispiel, dass Sibe beim Kontrollieren von Unterweisungen unterstützen. Nach Unterweisung der Beschäftigten aufgrund eines akuten Problems können Führungskräfte die Sibe beauftragen, diese Thematik im Auge zu behalten. So wird die Wirksamkeit der Unterweisung bestätigt oder es zeigen sich Defizite und deren Ursachen – idealerweise auch Lösungsansätze. Wenn mehrere Beschäftigte regelmäßig von den Sicherheitsstandards abweichen, muss eine Verbesserung der Unterweisung erwogen werden. Letztlich bleibt die Verantwortung bei den Vorgesetzten. Zudem müssen Sibe die Inhalte der Gefährdungsbeurteilung kennen und verstehen. Nur so können sie Abweichungen feststellen und Verbesserungen vorschlagen. Sie sollten daher beim Erstellen und Überarbeiten der Gefährdungsbeurteilung eingebunden werden.

Welche Rolle spielt die Kommunikation beziehungsweise was sollten Führungskräfte dabei beachten?

Eine gute und regelmäßige Kommunikation mit den Sibe ermöglicht Führungskräften einen tieferen Einblick in die „Denke“ der Beschäftigten. Sibe erfahren im Kollegenkreis auf Augenhöhe Dinge, die eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Führungskraft so nicht immer sagt. Das trägt zur Moderation und Lösung von Problemen bei.

Warum sind Sibe auch in Branchen mit niedrigen Unfallzahlen wichtig, etwa in der Verwaltung?

Sibe sind oft die Ersten, die beispielsweise ergonomische Defizite an Bildschirmarbeitsplätzen bemerken. Eine Person mit offensichtlich verspanntem Rücken kollegial auf das richtige Verhalten und zum Beispiel auf geeignete Bildschirmeinstellungen hinzuweisen, ist zielführender als irgendwann wegen hoher Ausfallzeiten über Verbesserungspotential nachdenken zu müssen. Im Gegensatz zum produzierenden Gewerbe spielen in Verwaltungen Gesundheitsfragen eine deutlich größere Rolle als Sicherheitsfragen. Da bei Gesundheitsthemen Präventionsmaßnahmen häufiger auf das individuelle Verhalten als auf die Arbeitsbedingungen abzielen, müssen Personen vor Ort sein, die auf das Verhalten der Beschäftigten erfolgreich einwirken können. 

Welche Angebote zur Aus- und Fortbildung von Sibe gibt es für Unternehmen?

Die Unfallversicherungsträger (UVT) bieten ein breites Qualifizierungsspektrum an. Neben den branchenspezifischen Arbeitsschutzaspekten spielen dabei die Kommunikationsthemen eine entscheidende Rolle. Sibe müssen lernen, erfolgreich zu kommunizieren, um für Fragen – etwa „Wie sage ich es meinem Vorgesetzten?“ oder „Wie verändere ich Fehlverhalten, ohne als Besserwisser zu gelten?“ – gerüstet zu sein. Darüber hinaus haben sich kurze betriebsinterne Fortbildungen als erfolgreiche Werkzeuge zum Vermitteln von betrieblichen Arbeitsschutzregelungen erwiesen.

Welche Unterstützung erhalten Sibe von externen Stellen? 

Neben den Betriebsärztinnen und Betriebsärzten (BA) und den Fachkräften für Arbeitssicherheit (Sifa) stehen den Sibe auch die Ansprechpersonen der UVT und der Arbeitsschutzbehörden für Fragen zur Verfügung. Meistens bieten die Präventionsdienste der UVT jeweils telefonische Beratung und Beratung vor Ort an. Letztere sollte in Abstimmung mit der Führungskraft und/oder Sifa oder der/dem BA erfolgen. Die UVT halten für Sibe ein umfassendes Angebot bereit: In vielen Fällen eignen sich besonders kompakt aufbereitete Wissensbausteine und Checklisten. Sie ermöglichen ein schnelles Einlesen in ein Thema und sind oft handlungsorientiert aufgebaut.

Was können Betriebsleitung und Führungskräfte tun, um ihre Sibe zu fördern und zu motivieren?

Wie bei eigentlich allen Menschen ist die ehrliche Wertschätzung der Person und der Arbeit dabei der zentrale Aspekt. Zu würdigen ist auch, dass Sibe neben der eigentlichen Aufgabe ehrenamtlich tätig sind. Dazu kommen das Einbinden in Arbeitsschutzthemen und eine gute Kommunikation, zum Beispiel durch Rückmeldungen zu Anfragen und Verbesserungsvorschlägen. Wichtig ist auch, geeignete Kandidaten zu wählen, sowie ein ausreichender Freiraum für die Sibe-Tätigkeit.

Autor: Friedhelm Kring

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