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Führungskräfte beobachten zunehmende Entgrenzung der Arbeit
Um Beschäftigten schwierige Situationen erträglicher zu machen, sollten Führungskräfte ihr Kohärenzgefühl stärken. © iStock/filadendron
Interviews

Führungskräfte beobachten zunehmende Entgrenzung der Arbeit

Was können Organisationen während der Corona-Pandemie tun, damit Beschäftigte möglichst wenig psychisch belastet werden? Esin Taşkan-Karamürsel gibt Antworten.

Datum: 16.04.2021
Esin Taskan-Karamürsel ist Leiterin des Sachgebiets Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt bei der DGUV.
Esin Taskan-Karamürsel ist Leiterin des Sachgebiets Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt bei der DGUV © Carola Thiede

Zu Beginn der Pandemie ergriffen Betriebe und Einrichtungen im Schnellverfahren Maßnahmen, um Beschäftigte vor einer Coronavirus-Infektion zu schützen. Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie Organisationen den durch die Pandemie bedingten psychischen Belastungen der Beschäftigten begegnen können. Esin Taşkan-Karamürsel leitet das Sachgebiet Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt bei der DGUV und legt dar, wie die Arbeit gestaltet werden kann, damit Beschäftigte während der Pandemie gut zurechtkommen.

Frau Taşkan-Karamürsel, die Pandemie dauert nun bereits länger als ein Jahr. Welche Folgen hat die dritte Welle auf das psychische Befinden von Beschäftigten?

Belastbare Ergebnisse über die Auswirkung psychischer Belastung in der Pandemie auf gesundheitliche Risiken gibt es bisher noch nicht. Aktuelle Umfragen zeigen jedoch unspezifisch, dass insgesamt die Beschäftigten psychisch stabil zu sein scheinen. Eine Umfrage der Initiative psyGA aus dem Jahr 2021 brachte zutage, dass nur wenigen die andauernde Situation eigenen Angaben zufolge an die Substanz geht. Lediglich wird eine Abnahme des Wir-Gefühls im Team angegeben.

In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) hingegen gaben Führungskräfte an, eine zunehmende Entgrenzung der Arbeit beobachtet zu haben. Zugenommen hat das Arbeiten zu unüblichen Tageszeiten, mehr Überstunden, früh morgens und dann mit langer Pause später am Abend sowie an Wochenenden.

Was ist jetzt anders als noch vor einem halben Jahr – auch in Anbetracht von Selbsttests und Impfungen?

Eine gewisse Pandemiemüdigkeit macht sich breit. Viele Menschen gehen insbesondere in ihrem privaten Umfeld mit dem Treffen von Freunden und Familien verglichen zum ersten Lockdown deutlich gelassener um. Die Gefahr sich mit dem Virus anzustecken, wird weniger hoch eingeschätzt als in den vorangegangenen Lockdowns. Ein bekannter psychologischer Mechanismus zum Selbstschutz greift hier vermutlich. Die Fachliteratur bezeichnet ihn als „Illusion der eigenen Unverletzlichkeit“.

Daher gilt an Arbeitsplätzen weiterhin, an die AHA+L-Regeln zu erinnern und diese beizubehalten. Die nun anstehenden Testungen sollten deshalb ebenfalls nicht dazu führen, an diesen Regeln zu rütteln. Aktuelle Studien weisen zudem auf eine hohe Impfbereitschaft hin, obgleich Verunsicherungen bezogen auf bestimmte Impfstoffe vorhanden sind. Dem Willen, sich impfen zu lassen, tun sie jedoch bislang keinen Abbruch.

Sie erwähnten eingangs, dass viele Beschäftigte psychisch stabil zu sein scheinen. Einige trifft die Pandemie jedoch hart. Welche Gruppen fühlen sich denn besonders psychisch belastet?

Besonders herausgefordert sind nach meiner Ansicht drei Personengruppen, die in Studien zur Pandemie immer wieder eine Rolle spielten: Beschäftigte im Gesundheitsdienst, berufstätige Frauen und alleinstehende Beschäftigte.

Die Gefahr psychischer Störungen ist im Gesundheitsdienst auch unter Normalbedingungen wegen möglicher traumatischer Ereignisse im Beruf erhöht. Eine Vielzahl von Studien zeigt derzeit, dass die Coronakrise Gefühle der Angst, Hoffnungslosigkeit und Depressivität verstärkt hat. Eine gute Arbeitsgestaltung und ein Auffangnetz mit psychologischer Erstbetreuung, Kriseninterventionsteams sowie professioneller psychologischer Unterstützung bei anhaltenden Störungen können hier Abhilfe schaffen und wurden bereits größtenteils während des ersten Lockdowns etabliert.

Berufstätige Frauen sind und waren sehr gefordert, weil sie einen Großteil der informellen Sorgearbeit leisten. Die Pandemie hat die traditionellen Geschlechterrollen gefördert. Familien sollten nun gemeinsam die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown bewerten und schauen, was besser werden kann. Auch gilt es zu prüfen, welche Möglichkeiten der Arbeitgeber einräumt – zum Beispiel Sonderurlaub – oder welche politischen Beschlüsse Familien unterstützen.

Durchgängig herausgefordert während der Pandemie sind diejenigen, die alleinstehend sind. Für sie sind Kontakte bei der Arbeit umso wichtiger. Manche Beschäftigte fühlen sich daher jetzt sozial isoliert. Dem kann man mit neuen Kommunikationsformen entgegenwirken: Statt eine Mail zu schreiben, kann man mit dem Kollegen eine Unterhaltung per Video führen. In berufliche Gespräche bewusst Smalltalk einfließen zu lassen, führt dazu, dass sich die Kollegin besser wahrgenommen fühlt.

Wie reagieren Arbeitnehmende auf diese außergewöhnlichen Belastungen?

Das ist individuell sehr verschieden. Auf körperlicher Ebene reichen die Reaktionen von Magen-Darm-Problemen über Kopfschmerzen bis hin zu Herzrasen und Schwitzen, der Blutdruck kann sich erhöhen. Viele schlafen auch schlecht, sind entsprechend ausgelaugt und müde. Gerade Menschen, die sich sehr stark mit ihrer Arbeit identifizieren, schätzen ihre eigene Leistung oft als zu gering ein.

Zu viel Stress oder auch ein andauernder Pandemieausnahmezustand ziehen mitunter auch eine gewisse erlernte Hilflosigkeit nach sich – die Beschäftigten resignieren. Die Einschätzung, an der Situation ja doch nichts ändern zu können, ist gefährlich. Spätestens wenn Erholungspausen ausgelassen werden, der Konsum von Alkohol und Zigaretten steigt und der Appetit verloren geht oder Heißhunger verstärkt auftritt, schrillen alle Alarmglocken.

Wenn Beschäftigte selbst nicht dafür sorgen können, dass es ihnen gut geht, sind auch Betriebe und Einrichtungen zum Handeln verpflichtet. Welche spezifischen Aufgaben kommen der Führungskraft zu?

In dieser Situation ist es vorrangig wichtig, dass auch die Führungskraft Prioritäten setzen kann und gemeinsam mit dem Team überlegt, was unter den veränderten Bedingungen gemacht und beachtet werden muss. Wenn eine Kollegin beispielsweise wegen eines Quarantänefalls in der Familie sowohl arbeiten als auch Kinder betreuen muss, dann kann sie natürlich nicht mehr die gewohnte Leistung erbringen. Hier hat die Führungskraft klar zu definieren: Was muss erreicht werden? Gegebenenfalls müssen Dinge auch zurückgestellt werden.

Neben der Organisation ist auch Empathie wichtig. Die Führungskraft muss ein offenes Ohr haben für die Ängste und Bedenken ihrer Mitarbeitenden. Lösungen gemeinsam zu ersinnen, schafft ein Wir-Gefühl und stärkt das Empfinden, der Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Wo finden Organisationen Informationen für ein planvolles Vorgehen?

Systematisch können Arbeitgebende das Thema mithilfe der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung angehen. Dazu gibt es bereits sehr gute Handlungshilfen, die insbesondere die psychische Belastung und Beanspruchung durch die Corona-Pandemie aufgreifen und Schutzmaßnahmen empfehlen.

Transparent und bewusst sollten Arbeitgebende die Einschränkungen der Kommunikation und Kooperation bei der Arbeit thematisieren, einen Raum bieten, Sorgen und Ängste vor einer möglichen Infektionsgefahr anzusprechen, kritische Situationen mit Kundinnen und Kunden aufgrund der Hygiene- und Abstandsregeln besprechen, Belastungen durch zu viel oder zu wenig Arbeit organisatorisch aufgreifen.

Miteinander ins Gespräch zu kommen, ist also von großer Bedeutung. Die Dialogkarten der Präventionskampagne kommmitmensch der gesetzlichen Unfallversicherung können dabei eine gute Hilfe sein. Mit ihnen können sich die Teams über erlebte Situationen austauschen, Diskussionen anstoßen und Lösungsansätze entwickeln.

Was hilft Beschäftigten, mit den widrigen Umständen gut umzugehen?

In besonderen Belastungssituationen bleiben Menschen eher gesund, wenn sie ihre Arbeitssituation als sinnvoll, verstehbar und handhabbar begreifen. Man spricht dann von einem Kohärenzgefühl. Es ist daher empfehlenswert, dass Organisationen und Führungskräfte versuchen, Sachverhalte und daraus folgende Regelungen im betrieblichen Ablauf während der Pandemie für die Beschäftigten immer wieder zu erklären und einzuordnen. Wenn Beschäftigte dieses Kohärenzgefühl haben, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie am Ende weniger beansprucht sind und mit der Situation besser umgehen können.

Im Übrigen muss auch die Führungskraft selbst dieses Kohärenzgefühl für sich herstellen können. Ideal ist es, wenn sie in ein Führungsteam eingebunden ist, in dem man sich gut miteinander austauschen kann und gemeinsam besprochen wird, wie vorzugehen ist. Klappt das nicht, muss die Führungskraft wiederum mit ihren Vorgesetzten sprechen, sich im eigenen Umfeld Sparringspartner suchen oder ein Coaching machen. Es gibt mittlerweile sehr viele Onlineseminare und -trainings zum Thema Führen in der Krise und Krisenmanagement.

Kohärenz ist also sehr wichtig. Was aber können Beschäftigte tun, wenn sie merken, dass sich das Kohärenzgefühl nicht einstellt?

Viele, vor allem größere Unternehmen, bieten ein sogenanntes Employee Assistance Program (EAP) an. Das ist im Prinzip eine Telefonhotline, an die sich Beschäftigte wenden können, um über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen. Möchte man sich nicht an seine Führungskraft wenden, ist ein solches EAP eine gute Alternative.

Wenn die Beanspruchung so stark ist, dass man körperliche Beschwerden hat, beispielsweise nicht mehr schlafen kann, die Ängste überhandnehmen und man eine Obsession mit dem Thema entwickelt, dann sollte man die Seelsorge, Therapeutinnen und Therapeuten oder externe Kriseninterventionsteams konsultieren.

Veröffentlicht von: Redaktion