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Schichtarbeit gesund gestalten
Schichtarbeit und Nachtdienste sind im Gesundheitswesen weit verbreitet. © Getty Images/AJ_Watt

Gesundheitsschutz : Schichtarbeit gesund gestalten

Nacht- oder Schichtarbeit kann Beschäftigte stark belasten. Führungskräfte sollten sie vor potenziellen Gesundheitsgefahren schützen.

Mitternacht auf der internistischen Station ­einer großen städtischen Klinik. Für die ­Pflegekräfte und anwesenden Ärztinnen und Ärzte ist an Schlaf nicht zu denken. Sie ver­sorgen Patientinnen und Patienten, überwachen Vital­werte, verabreichen Medikamente. Um die 24-Stunden-Versorgung sicherzustellen, arbeiten Beschäftigte in Kliniken überwiegend im Dreischicht­system. Sie übernehmen also nicht immer die Nachtschicht, sondern wechselweise auch Früh- und Spätschichten. Eine ständige Umstellung und Herausforderung für Körper und Geist.

28 % der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozial­wesen

arbeiten im Schichtdienst. Bei Nachtarbeit sind es 16 %.

(Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes von 2023)

Auch bei der Feuerwehr, der Polizei, im Transportwesen und in der Gastronomie sind viele Schichtarbeitende beschäftigt. Laut den Daten des deutschen Mikrozensus aus 2023 arbeiten etwa 5,7 Millionen Beschäftigte in Wechselschicht. Knapp vier Millionen Menschen leisten Nachtarbeit, davon etwa zwei Millionen an mindestens der Hälfte ihrer Arbeitstage. Das ­bedeutet für sie eine ständige Anpassung der inneren Uhr – eine Heraus­forderung, die weit über einfache ­Müdigkeit hinausgeht. Schicht- und Nachtarbeit gehören zu den belastendsten Arbeitszeitformen. In der Forschung werden daher die Auswirkungen von Schichtarbeit ­untersucht.

Zwei männliche Personen sitzen sich gegenüber und sprechen miteinander. Die eine Person sitzt mit dem Rücken zur Kamera und gestikuliert, während die andere gespannt zuhört.
Bei der Planung von Schichten sollten die betroffenen Beschäftigten ein Mitspracherecht haben. © Getty Images/Shapecharge

 

„Schicht- oder Nachtarbeit steht im Verdacht mit ­verschiedensten gesundheitlichen Belastungen und ­Erkrankungen assoziiert zu sein – hierzu zählen Schlafstörungen, erhöhter Body-Mass-Index, Zyklus­störungen, Depressionen sowie chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen“, sagt Dr. ­Sylvia Rabstein vom Institut für Prävention und Arbeits­medizin der DGUV (IPA). Neben den potenziellen Auswirkungen auf Körper und Psyche kann auch das soziale Leben beein­trächtigt sein – unregelmäßige Arbeitszeiten können Isolation, familiäre Spannungen und eine spürbar sinkende Lebensqualität mit sich bringen. Wie hoch das jeweilige Risiko ist, müssen Unternehmen und Einrichtungen in der Gefährdungsbeurteilung erfassen. Ebenso sollten Herausforderungen und Schutzmaßnahmen regel­mäßig in Unterweisungen thematisiert werden.

Portrait-Bild von Dr. Sylvia Rabstein. Sie hat blondes, schulterlangelanges Haar und lächelt in die Kamera.
Dr. Sylvia Rabstein, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV (IPA) © DGUV/Jens Nieth

Beschäftigte einbeziehen – Drei Fragen an Dr. Sylvia Rabstein

Frau Dr. Rabstein, was können Führungskräfte tun, um Gesundheitsrisiken bei Beschäftigten in Schichtarbeit zu minimieren?

Die Empfehlungen für die Schichtplangestaltung sollten berücksichtigt werden. Bei Neueinführung oder Änderungen des Schichtsystems sollten Belegschaft und Betriebsrat eingebunden und Prioritäten und Wünsche für die Entwicklung des Schichtplans gemeinsam betrachtet werden.

Wie sollte die Schichtplanung erfolgen?

Für die konkrete Schichtplanung im laufenden Betrieb ist eine Vielzahl von Aspekten wichtig: Die sorgsame Schichtplanung unter Berücksichtigung der arbeitsspezifischen Belastungen und Risiken während der Schichten ist essenziell. Außerdem muss es ein Mitspracherecht und gute Planbarkeit für alle Beteiligten geben. Angebote für die Versorgung der Schichtarbeitenden sind ebenso wichtig wie eine Minimierung von Überstunden und Sonderschichten. Auch die Bereitstellung von Informationen über die aktuellen Erkenntnisse aus der Wissenschaft hilft bei der Schichtplanung.

Welche Pflichten haben Führungskräfte außerdem? 

Führungskräfte sind im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung verpflichtet, physische und psychische Belastungen systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und wirksame Schutzmaßnahmen umzusetzen. Werden gesundheitliche Beeinträchtigungen oder organisatorische Probleme gemeldet, ist unverzügliches Handeln gefragt. Eine offene, wertschätzende und transparente Kommunikation mit den Beschäftigten – besonders bei der Dienstplangestaltung – fördert nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Gesundheit des Teams.

Gesundheitsgerechte Schichtplangestaltung

Für Führungskräfte wichtig zu wissen: Laut Arbeitszeitgesetz ist eine gesundheitsgerechte Schichtplangestaltung der zentrale Baustein der Prävention. Dazu gehören ausreichend Erholungszeiten, planbare und nicht zu lange Schichtfolgen sowie – wo möglich – die Einbindung der Beschäftigten in die Dienstplanung. Nachtarbeitende haben zudem Anspruch auf eine arbeits­medizinische Vorsorge, die der Arbeitgeber gewährleisten muss – am besten über die Betriebsärztin oder den Betriebsarzt. Darüber hinaus können Unternehmen und Einrichtungen freiwillig im Rahmen der Wunschvorsorge eine Schlafsprechstunde anbieten, in der die Beschäftigten individuell beraten werden.

Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen beginnt im direkten Arbeitsumfeld. Ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze, klar geregelte Pausen und Rückzugs­möglichkeiten zur Regeneration helfen dabei, kör­perliche und psychische Belastungen zu verringern. „Empfohlen wird, dass Schichtsysteme vorwärts ­rotieren, es also einen Wechsel von Früh- nach Spät- nach Nachtschicht gibt und nicht umgekehrt“, so ­Rabstein. „Zudem sollten ausreichend lange Blöcke mit freien Tagen ­geplant ­werden.“

Klicktipp

Die DGUV Information „Schichtarbeit – (k)ein Problem?! Eine Orientierungshilfe für die Prävention“ unterstützt bei der gesundheitsgerechten Gestaltung von Schichtarbeit.

Zusätz­liche, ungeplante Schichten können nicht nur körperlich, sondern auch unter sozialen ­Aspekten ­nachteilig sein. Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung, regelmäßiger Bewegung und effek­tiver Stressbewältigung oder auch eine Anpassung der Ar­beits­aufgaben an bestimmte Schichtarten können dazu bei­tragen, die ­lang­fristige Leis­tungsfähigkeit zu sichern. „Schicht­arbeitende können möglicherweise Sport­angebote nicht wahrnehmen oder im Betrieb zu den atypischen Arbeitszeiten nicht in die Kantine ­gehen“, so Rabstein.

Schicht- und Nachtarbeit wird im öffentlichen Dienst auch in Zukunft unverzichtbar bleiben. Umso wichtiger ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, geeignete Präventionsmaßnahmen umzusetzen und eine Arbeitskultur zu schaffen, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig erhält.