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Nachhaltigkeit und Arbeitsschutz gekonnt vereint
Das „Green Käpsele“ ruft am Universitätsklinikum Tübingen das Thema Nachhaltigkeit immer wieder in Erinnerung. © Mareike Freund

Führungskultur : Nachhaltigkeit und Arbeitsschutz gekonnt vereint

Am Universitätsklinikum Tübingen gehen Nachhaltigkeitsziele und Arbeitsschutz Hand in Hand. Wie Führung und Beschäftigte zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können.

Manchmal kann die Synergie aus Klimaschutz und Arbeitsschutz so leicht sein. Am Universitätsklinikum Tübingen zum Beispiel bei Narkosegas. In der Anästhesie setzt das Klinikum Narkosegasfilter ein: Sie senken die Emissionen klimaschädlicher Gase und schützen zugleich das OP-Personal vor gesundheitlichen Belastungen. Auf Desfluran, ein besonders schädliches Narkosegas, wird seit 2022 komplett verzichtet. Ein klassischer Co-Benefit: weniger Emissionen, mehr Sicherheit. „Solche Maßnahmen sind greifbar. Die Leute merken: Hier passiert etwas“, sagt David Maier von der Stabsstelle Arbeitsschutz. „Und genau das trägt zur Arbeitszufriedenheit bei.“

Nachhaltigkeit gesamtheitlich denken

2022 war am Klinikum die Stabsstelle Nachhaltigkeit geschaffen worden, um vorhandene Initiativen zu bündeln und sichtbar zu machen. Die Bestandsaufnahme zeigte: Vieles lief schon – es galt, zu sortieren und zu vernetzen. „Zielgruppe unserer Nachhaltigkeitsinitiativen sind neben Umwelt und Klima vor allem die Mitarbeitenden. Für Patientinnen und Patienten zählt in erster Linie die gute medizinische Versorgung, aber die Mitarbeitenden sind jeden Tag vor Ort. Für sie ist Nachhaltigkeit ein Riesenthema“, sagt Holger Diemer, Leiter des Geschäftsbereichs Finanzen und der Stabsstelle Nachhaltigkeit.

Die Bedürfnisse der Beschäftigten im Fokus

Damit beschreibt Diemer zugleich die soziale Säule der Nachhaltigkeit: Sie rückt die Beschäftigten in den Mittelpunkt. Gemeint sind sichere, gesunde und faire Arbeitsbedingungen – ein Kernanliegen des Arbeitsschutzes. Neben der sozialen gibt es noch die ökologische und die ökonomische Säule. Doch am Uniklinikum zeigt sich besonders deutlich, wie stark die Initiativen an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden ausgerichtet sind. Dazu gehört auch ein Ladeschrank für Akkus von Pedelecs, die darin sicher geladen werden können. Weitere Maßnahmen gehen direkt auf Ideen von Mitarbeitenden zurück, vom Ausbau des mobilen Arbeitens über pflanzenbasierte Mahlzeiten in der Kantine, ein Mehrweg- Pfandsystem, ein Fahrradparkhaus, Dienstfahrräder und Jobtickets für den ÖPNV bis hin zu Refill-Stationen für Wasserflaschen.

„Entscheidend war, dass die Ideen aus der Mitarbeiterschaft kanalisiert, geprüft und umgesetzt wurden, wo es nach eingehender Risikobewertung möglich war“, sagt Maier. Denn im Klinikalltag sind die Risiken vielfältig. Für Führungskräfte bedeutet das, diese Risiken früh mitzudenken und vorausschauend zu handeln. Auch Angelika Hauke vom Kompetenzzentrum „Klimawandel und Arbeitsschutz (KKA)“ am Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) betont: „Es muss geprüft werden, ob Nachhaltigkeit die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit fördert oder ob es zu Zielkonflikten kommt.“ Was ökologisch sinnvoll ist, kann nämlich mitunter neue Risiken für Beschäftigte bergen – doch ebenso oft entstehen Synergien ganz von selbst.

Klicktipp

Der Beitrag „Man müsste eigentlich viel mehr tun“ – Klimawandel und Handlungsoptionen in einem komplexen Feld in DGUV forum liefert weitere spannende Impulse.

Synergien schaffen

Neben dem Narkosegasfilter sind auch die genannten Maßnahmen zu Mobilität und Ernährung Beispiele für Co-Benefits. Beides sind Stellschrauben, an denen das Klinikum bereits gedreht hat. Nachhaltigkeit spielt aber nicht nur im Klinikalltag eine Rolle: Auch, wo man den Aspekt Nachhaltigkeit zunächst nicht vermutet, lassen sich Synergien entdecken – im IT-Bereich beispielsweise. Hauke erklärt: „Ein schlanker Programmiercode benötigt weniger Energie und vermindert die Angriffsfläche für Cyberangriffe und Sicherheitslücken. Dadurch wird die Industrial Security, also der Schutz von Industrieanlagen und -prozessen, verbessert.“

Nachhaltig mobil: ein Ladeschrank für Pedelec-Akkus.
Nachhaltig mobil: ein Ladeschrank für Pedelec-Akkus. © Thomas Wütz

Nachhaltigkeit als Instrument der Personalbindung

Damit aus diesen vielen einzelnen Nachhaltigkeitsmaßnahmen eine Bewegung wird, braucht es Menschen, die das Thema im Alltag voranbringen. So hat die Uniklinik rund 130 Nachhaltigkeitsbotschafterinnen und -botschafter ernannt – Beschäftigte aus allen Klinikbereichen, die sich schon lange für nachhaltige Lösungen starkmachen. Sie haben keine Weisungsbefugnis, sondern geben Impulse im Alltag. Damit das nicht belehrend wirkt, wurden sie in wertschätzender Kommunikation geschult. Ziel ist es, Veränderungen positiv zu gestalten und die Belegschaft mitzunehmen. „Nachhaltigkeit wird nicht von einer Stabsstelle oder dem Vorstand erzielt, sondern durch die vielen kleinen Alltagsentscheidungen der Mitarbeitenden. Die Nachhaltigkeitsbotschafterinnen und -botschafter treiben die Veränderungen voran und kommunizieren sie in ihre Teams – ohne erhobenen Zeigefinger “, so Holger Diemer.

2024 wurde das Klinikum mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Vorreiter der Transformation im Gesundheitssektor“ ausgezeichnet.

17 Ziele

der Nachhaltigkeit umfasst die 2030-Agenda der Vereinten Nationen. Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum bilden das Ziel Nummer 8, Gesundheit und Wohlergehen das Ziel Nummer

Quelle: 3. Agenda 2030

Strukturiert vorankommen

Den Elan der Mitarbeitenden mitzunehmen und Nachhaltigkeit auch als Instrument der Personalbindung zu begreifen, das ist für ihn ein Schlüssel zum Erfolg. Für Führungskräfte hat er klare Empfehlungen: Leitung und Geschäftsführung müssen sichtbar hinter dem Thema stehen und der Personalrat gehört von Anfang an mit an den Tisch. Ebenso wichtig ist es, sich zu vernetzen und von bestehenden Beispielen zu lernen, statt alles neu zu erfinden. Mit einem klaren Konzept lassen sich Diskussionen über Detailfragen vermeiden, denn alle wissen, wohin die Reise geht. Es schafft nachvollziehbare Strukturen und regelt Verantwortlichkeiten.„Nachhaltigkeit sollte als selbstverständlicher Grundsatz in die Unternehmenskultur eingehen, ähnlich wie Wirtschaftlichkeit“, so Diemer. Und es gehört auch ein Kommunikationskonzept dazu: In Tübingen übernimmt diese Rolle das „Green Käpsele“, eine Symbolfigur, die Beschäftigte regelmäßig in Posts und Aktionen an Nachhaltigkeit erinnert.

Gut zu wissen

Klimawandel und Arbeitsschutz

Auswirkungen auf die Arbeit

  • Veränderte Umweltbedingungen erhöhen gesundheitliche Risiken (Hitze, UV-Strahlung, Allergien, neue Krankheitserreger, Extremwetter etc.) und können sich auch auf die Psyche auswirken
  • Klimawandel und Maßnahmen zur Dekarbonisierung verändern Arbeitsplätze, Prozesse wie etwa die Kreislaufwirtschaft und Lieferketten

Handlungsoptionen für Unternehmen und Einrichtungen:

  • Bestandsaufnahme machen: Wie nachhaltig ist das Unternehmen? Welche Risiken wachsen für eigene Beschäftigte?
  • Wandel zur Chefsache erklären: Nachhaltigkeit und Arbeitsschutz wird zur Querschnittsaufgabe für alle Führungskräfte
  • Beschäftigte einbinden und beteiligen: Ideen aufnehmen, Verantwortliche für die Umsetzung benennen
  • Umsetzen und kommunizieren: Maßnahmen sichtbar machen, Themen immer wieder in Erinnerung rufen. Das steigert die Motivation in der Belegschaft, mitzumachen

Klicktipp: Prävention und Klimawandel

Beschäftigte zu beteiligen, stärkt die Akzeptanz

Doch neben Konzepten und Kommunikation zählt noch etwas anderes: die Wirkung auf die Mitarbeitenden selbst. Angelika Hauke betont einen oft übersehenen Aspekt: „Wenn Menschen das Gefühl haben, sich aktiv in Veränderungsprozesse einbringen zu können, stärkt das ihre Selbstwirksamkeit. Gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist das wichtig, denn viele erleben ihn als Bedrohung, die psychisch belasten und krank machen kann.“ Die Möglichkeit zur Mitgestaltung wirkt dem entgegen. Sie senkt das Risiko von Erkrankungen und stärkt die soziale Säule der Nachhaltigkeit.

Bis 2030 will das Uniklinikum Tübingen seine Emissionen im Vergleich zu 2022 um zehn Prozent – rund 12.000 Tonnen CO₂ – senken. Ein großes Ziel, getragen von motivierten Beschäftigten und vielen kleinen Schritten im Alltag.