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Der ewige Streit um frische Luft
Ist das noch frische Luft oder schon Polarwind? Das Thema Lüften kann in geteilten Büros für Unmut sorgen. © raufeld

Kolumne : Der ewige Streit um frische Luft

Es beim Lüften im Büro zwecks frischer Luft allen recht machen? Fast unmöglich, weiß Imke König. Sie kennt außergewöhnliche Lüftungsstrategien.

Stellen Sie sich bitte einmal vor ein Team, dass in einem Großraumbüro oder ähn­licher Räumlichkeit arbeitet, und fragen Sie es: „Wie steht es denn bei Ihnen mit dem Thema Lüften?“ Die Reaktion ist in der Regel stark – ­es wird verlegen gekichert, Augen werden verdreht, Blicke ausgetauscht oder andere, stärkere Stressreaktionen gezeigt. Faszinierenderweise kann das schöne Thema Frischluft so manche Truppe sozial vor die Wand fahren. Wie das, fragen Sie sich? Hier die Anleitung zum Sich-fies-in-die-Haare-kriegen anhand eines Zweipersonen-Büros.

Imke König ist Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin und Coach. In ihrer top eins-Kolumne gibt sie Führungskräften Tipps für eine ausgewogene Work-Life-Balance und effizientes Stressmanagement, Illustration: Raufeld Medien
Imke König ist Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin und Coachin. In ihrer top eins Kolumne gibt sie Tipps für den Führungsalltag und berichtet von ihren Beobachtungen aus der wilden Arbeitswelt. © raufeld

 

Person A friert schnell und bekommt bei Zugluft auch leicht einen steifen Nacken. Strickjacken, Schals und Wärmepflaster sind hier vonnöten und werden oft genutzt. Person B braucht ständig frische Luft, um nicht das Gefühl zu haben, an 30 Minuten abgestandener Luft quasi zu ersticken. Ein Ventilator ist ein Muss und gern kann das Fenster auch den ganzen Tag offenstehen, so weit wie möglich.

Ein unglücklicher Zufall hat Person A und Person B in einen Raum ­verschlagen. Nun glauben ja leider viele Menschen, dass man ihnen ihre Gemütszustände und Befindlichkeiten ansehen kann – sogar ansehen muss! Es ist doch völlig klar, dass hier das Fenster geschlossen oder wahlweise geöffnet werden muss!

Person A glaubt, mit einem von stakkato­artigem Hüsteln begleiteten, wiederholten Umlegen und Neuarrangieren des Schals sehr deutlich ausgedrückt zu haben, dass es jetzt gerade sehr kalt und sehr zugig ist. Sie spürt schon, wie sich der nächste Infekt anbahnt, und schließt schließlich vorwurfsvoll das Fenster. Person B hingegen hüstelt ebenso, röchelt ­sogar und reißt kommentarlos das gerade geschlossene Fenster wieder auf. So kann es zu schweren Ver­werfungen kommen mit dem Subtext „Siehst du denn nicht, wie ICH leide?“.

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In der schönsten aller Teamwelten einigen sich die beiden Parteien nun auf etwas – aber herrje, dazu müssten sie ja reden und dann noch verhandeln und einen Kompromiss schließen. In weniger ­schönen Welten finden Sie ausgeklügelte Lüftungspläne an den Wänden, 10.15  bis 10.30 Uhr wird die rechte Seite ­geöffnet, 10.30 bis 10.45 Uhr die ­linke Seite. Leider habe ich dieses Beispiel nicht erfunden. Ich fürchte, es war ein Symbol für ein tiefer­lie­gendes Teamproblem. Auch gibt es Eskalationen des Lüftungsthemas im Hinblick auf unterstellte üble Gerüche oder böse Absichten. Cliquen­bildung, Anschreien ja sogar schikanöses Ausgrenzen kann sich an frischer Luft entzünden.

Meine Lieblingslösung hat ein ­Großraumbüro in Niedersachsen ­er­funden: Dort definierte man die ­sogenannte Tropenzone, wo die ­Heizungen hochgedreht wurden. Hinter einer Pufferzone lag die subpolare Zone, wo man winters wie sommers ohne Heizung kühl saß und fröhlich vor sich hin ­lüftete, wie man gerade wollte. So konnte sich jede Kollegin und jeder Kollege einen passenden Platz aussuchen und sogar bei wechselnden Ansprüchen ganz ohne Andeutungen oder Streit und Sticheleien ein luftiges Mit­einander pflegen. Fragen Sie also gern beim nächsten Einstellungs­gespräch: Tropisch oder polar – wie möchten Sie gern sitzen?