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Bei Naturkatastrophen gut vorbereitet
Naturkatastrophen wie Starkregenereignisse und Überschwemmungen stellen Städte und Kommunen vermehrt vor Herausforderungen. © Getty Images/Ljupco

Arbeitssicherheit : Bei Naturkatastrophen gut vorbereitet

Naturkatastrophen wie Überflutungen betreffen immer mehr Städte und Kommunen. In Remscheid sind Verwaltung und Einsatzkräfte darauf eingestellt.

Wenn mehr als 25 Liter Regenwasser pro Quadratmeter in einer Stunde fallen, können aus kleinen Bächen reißende Ströme werden. Die Überschwemmungen, die diese verursachen, gefährden nicht nur Gebäude, solche Naturkatastrophen bringen auch Menschen in Gefahr. Dass solche Starkregenereignisse bundesweit zunehmen, ist eine Folge des Klimawandels. Allein 2024 verzeichnete der Deutsche Wetterdienst (DWD) 1.644 Niederschlagsereignisse mit so hoher Intensität, dass sie mindestens mit Warnstufe 3 für Unwetter des DWD einhergingen. Damit lag die Jahresbilanz deutlich über dem Mittelwert seit 2001, der bei 1.187 solcher Ereignisse liegt. Zudem waren mehr Flächen betroffen als im Mittel der Vorjahre – also auch mehr Städte und Gemeinden in Deutschland.

„Es trifft inzwischen auch Kommunen, die von Hochwasser und Überschwemmungen bisher eher nicht betroffen waren“, sagt Tim Pelzl, Leiter des Fachbereichs Feuerwehren, Hilfeleistungen, Brandschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Eine davon ist Remscheid in Nordrhein-Westfalen (NRW). Die Stadt und die umliegende Region bekamen bereits in früheren Jahren klimatisch bedingt viel Regen ab – der Klimawandel sorgt jedoch dafür, dass die Niederschlagsmengen steigen und das Risiko von Starkregenereignissen weiter zunimmt.

Niederschlagsereignisse: Was ist Starkregen?

Wenn große Niederschlagsmengen in einer bestimmten Zeit fallen, wird dies als Starkregen definiert. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) berücksichtigt für Warnungen dabei Niederschlagsmengen, die in einer Stunde sowie über sechs Stunden verteilt fallen. Hält der Niederschlag zwölf, 24 oder mehr Stunden an, stuft der DWD dies als Dauerregen ein.

Alle Warnstufen, Werte und Empfehlungen auf der Seite des DWD.

Sturzfluten gefährden vor allem Gebäude in Hanglagen

Aufgrund ihrer Topografie ist die Stadt im Bergischen Land besonders von den Folgen bedroht. Die Hanglagen führen dazu, dass sowohl wild abfließendes Oberflächenwasser als auch Sturzfluten nach heftigen Niederschlägen zur Gefahr werden können. „Da trifft eine große Wassermenge mit Wucht auf Hauswände, kann diese beschädigen oder unterspülen“, sagt Sascha Ploch, Leiter der Abteilung Einsatz und Organisation bei der Berufsfeuerwehr Remscheid.

Schwarz-Weiß-Porträtfoto von Sascha Ploch, Leiter der Abteilung Einsatz und Organisation bei der Berufsfeuerwehr Remscheid. Er trägt eine Brille sowie eine Uniform mit Krawatte und schaut lächelnd in die Kamera.
Sascha Ploch, Leiter der Abteilung Einsatz und Organisation bei der Berufsfeuerwehr Remscheid. © R. Kretschmer

 

Um die Folgen von Hochwasser zu begrenzen, geht die Stadt Remscheid verschiedene Wege. So wurden die Renaturierungsmaßnahmen an Gewässern ausgeweitet, die am Moorsbach und Eschbach Überschwemmungsgebiete schaffen. Daneben bauen und unterhalten die Technischen Betriebe Remscheid im gesamten Stadtgebiet Regenrückhaltebecken, die bei Bedarf große Mengen Niederschlag aufnehmen können.

Information und Beratung für Unternehmen und Einrichtungen

Außerdem informiert die Stadtverwaltung über die Risiken. Auf ihrem Geoportal stellt sie ihren Bürgerinnen und Bürgern eine Gefahrenkarte bereit, die für alle Flächen das Risiko bei Starkregenereignissen verdeutlicht. Die Karte zeigt, auf welchen Wegen nach starken Niederschlägen das Wasser voraussichtlich fließen wird. Auch Mulden, in denen sich Wasser sammeln kann, sind gekennzeichnet. So können Privathaushalte, aber auch Unternehmen und Einrichtungen sehen, wie groß das Risiko an ihren Standorten ist. Wer bauliche Schutzmaßnahmen für sein Gebäude ergreifen möchte, kann sich von Fachleuten der Stadtverwaltung beraten lassen. Unternehmen und Einrichtungen sollten außerdem Notfallpläne aufstellen und sich gegebenenfalls auch über Evakuierungen Gedanken machen. Außerdem braucht es eine Kommunikationsstrategie für den Katastrophenfall. Eine gute Gelegenheit für Führungskräfte sich einzubringen.

Luftaufnahme eines ovalen Regenrückhaltebeckens mit türkisgrünem Wasser, eingefasst von einem hellen Erd- bzw. Kiesdamm, das vor Naturkatastrophen schützt. Darum herum verlaufen Wege; die umgebende Landschaft wirkt trocken mit gelblichen Grasflächen und wenigen Bäumen.
Als technischen Hochwasserschutz können Kommunen Regenrückhalte­becken bauen. © Getty Images/Geogif

Kommunen benötigen neue Ausrüstung für Feuerwehre

In den vergangenen Jahren wurde auch auf Länderebene der Katas­trophenschutz verbessert. So stellt beispielsweise NRW über das Informationssystem Gefahrenabwehr seinen Kommunen viele Daten bereit. Der größte Vorteil: ein digitaler Zwilling. Die 3-D-Karten erlauben es, etwa realistische Hochwassersimulationen zu erstellen. „Damit lassen sich potenzielle Ausbreitungen von Hochwasserlagen und die Anzahl betroffener Schutzgüter frühzeitig erkennen – ein wichtiger Vorteil für eine vorausschauende Einsatzleitung“, sagt Ploch.

Verbessert wurde aber auch die Reaktion auf Hochwassergefahren. „Sobald der Deutsche Wetterdienst entsprechende Warnungen veröffentlicht, findet eine Videokonferenz zwischen den Städten Remscheid, Solingen und Wuppertal sowie dem Wupperverband statt“, sagt Ploch. Dort erläutern Meteorologinnen und Meteorologen die konkrete Gefährdungslage im Städte­dreieck. Die örtlichen Einsatzleitungen können sich so besser auf mögliche Hochwasserereignisse vorbereiten und entscheiden, wie und wann die Bevölkerung gewarnt werden soll.

Notfallplanung in Unternehmen und Einrichtungen

Vor dem Hochwasser: Zur Prävention gehört es, die Risiken einzuschätzen, die für Unternehmen und Einrichtungen bestehen, von Überschwemmungen betroffen zu sein. Danach geht es um konkrete Risiken, wie etwa Treibstofflager oder die Gefahr, dass alle Zufahrtswege gesperrt werden. Aus den Risiken lassen sich technische und bauliche Schutzmaßnahmen ableiten. Außerdem sollte ein Notfallplan für Hochwasser erstellt werden, der die Abläufe im Notfall festlegt und Verantwortliche benennt.

Bei Hochwasser: Je nach Lage sollten die einzelnen Stufen des Plans umgesetzt werden, vom Abdichten von Türen und Fenstern über die Verlegung wassergefährdender Stoffe in höhere Lagen bis hin zum Abschalten der Stromversorgung sowie von Wasser und Gas. Bei Gebäuden wie Krankenhäusern, Pflege- und Bildungseinrichtungen braucht es auch Vorkehrungen für eine mögliche Evakuierung.

Nach dem Hochwasser: Auch für das Aufräumen braucht es ein planvolles Vorgehen, damit sich niemand dabei verletzt, etwa durch Treibgut oder kontaminierten Schlamm.

Empfehlungen für Kitas und Pflegeeinrichtungen bietet etwa das Projekt ExTrass der Universität Potsdam und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Für die Warnung der Bevlkerung stehen verschiedene Möglichkeiten offen. „Wichtig ist, dass auf verschiedenen Kanälen gewarnt wird, um möglichst viele betroffene Menschen zu erreichen“, betont DGUV-Experte Pelzl. Das ist dank des Modularen Warnsystems (MoWaS) möglich, das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katas­trophenhilfe entwickelt wurde. Nicht nur die Bundesländer können es zur Warnung der Bevölkerung nutzen, in manchen Ländern sind auch regionale Leitstellen integriert. MoWaS erlaubt es, Warnungen über Cell Broadcast, also Mobilfunkverbindungen, auf Handys zu bringen. Außerdem können Meldungen über Warn-Apps wie NINA ausgelöst werden. Aber auch Radiostationen und Nachrichtenagenturen werden informiert. Auf lokalen Stadtwerbetafeln kann das System Warnungen ebenfalls ausspielen. Und auch die vielerorts wieder installierten Sirenen weisen lautstark auf Gefährdungen hin.

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Enger Austausch zwischen beiden Krisenstäben

Für die interne Steuerung im Katastrophenfall sollten Krisenstäbe eingerichtet sein, mit festen Rollenverteilungen und Verantwortlichkeiten. In Nordrhein-Westfalen werden auf kommunaler Ebene zwei Krisenstäbe aktiv – der administrative, organisatorische der Stadtverwaltung und der operative Stab der Feuerwehr. Sie haben jeweils feste Aufgaben: Während in der Verwaltung beispielsweise über die Frage entschieden wird, ob Schulen und Kitas geöffnet bleiben, plant und koordiniert die Feuerwehr die Rettungseinsätze.

Beide Stäbe stehen im engen Kontakt miteinander, um sich abzustimmen. Manche Führungskräfte sind durch ihre fachliche Qualifikation Teil des Krisenstabs, andere können sich freiwillig melden, um im Katastrophenfall zu unterstützen. Wichtig ist, das eigene Team auf mögliche Szenarien vorzubereiten, in denen es nicht möglich ist, zur Arbeit zu kommen oder andere Fachbereiche zu unterstützen, die Hilfe benötigen.

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Zur Vorbereitung auf Hochwasser gehört auch, die Ausrüstung der Rettungskräfte an die durch den Klimawandel gestiegenen Anforderungen anzupassen. „Regelmäßig kommen leider Feuerwehrangehörige bei Einsätzen im Wasser ums Leben“, sagt Pelzl, „Kommunen, die von Hochwasser betroffen sein können, müssen ihre Feuerwehreinsatzkräfte dafür qualifizieren und passend ausstatten. Dazu gehören etwa Boote und Schwimmwesten, vor allem ist die richtige, risikoangepasste Einsatztaktik wichtig.“ Auch Anzüge, die für den Einsatz in strömendem Gewässer ausgelegt sind, sind Teil der Schutzausrüstung.
In Remscheid hat die Feuerwehr für die Einsatzkräfte, die in Booten eingesetzt werden, diese Ausrüstung bereits angeschafft und die Führungskräfte unterweisen die Feuerwehrangehörigen regelmäßig in der Nutzung. Darin einbezogen wird auch die Bootsbesatzung der Freiwilligen Feuerwehr.

Zwei lange orange Hochwasserschutzschläuche liegen als Barriere auf einer Wiese entlang einer Hauswand und können vor Naturkatastrophen durch Starkregen schützen.
Schneller als Barrieren aus Sandsäcken sind sogenannte Hochwasser­schläuche als Barrieren errichtet. © Getty Images/Hugbee

Schnell aufgebaute Alternativen zu Sandsäcken

Schrittweise werden zudem die Feuerwehrangehörigen im Umgang mit dem mobilen Hochwasserschutz geschult. Mehrere Hundert Meter „Hochwasserschutzschlauch“ stehen in Remscheid zur Verfügung. „Dieses System lässt sich mit geringem Personalaufwand schnell einsetzen, insbesondere beim gezielten Objektschutz“, sagt Ploch. Die Schulung „Dämmelemente aus Kunststoff“ ist Teil des Schulungsprogramms rund um den Einsatzplan „Hochwasser“ der Stadt Remscheid. Die beteiligten Führungskräfte werden dafür selbst geschult und geben ihr gewonnenes Wissen an ihre Mitarbeitenden weiter.

Der Einsatzplan wird immer wieder angepasst. „Ein solcher Plan ist nicht in Stein gemeißelt, sondern ein lebendiges Konzept“, so Ploch. Dabei fließen Erfahrungen aus vergangenen Einsätzen mit ein. Bei einem Starkregenereignis war ein Schuttcontainer vor eine Brücke geschwemmt worden und hatte den Durchfluss blockiert. Doch es fehlt die Ausrüstung, den Container schnell herauszuziehen. Angeschafft werden soll nun ein Lkw für die Feuerwehr, der über einen Kran verfügt und mit dem solche Hindernisse rasch beseitigt werden können.